Analyse

Ariel Scharons Neue Mitte

Im Alter politisch gereift: Ariel Scharon 2005 Foto: Flash 90

Erst spät in seiner politischen Karriere wurde aus Ariel Scharon ein Staatsmann. Lange Zeit war er für weite Teile der israelischen Mehrheitsgesellschaft ein Paria gewesen, galt als radikaler und unverantwortlicher Aufwiegler, dem man das Schicksal des Landes auf keinen Fall anvertrauen durfte.

Und das nicht nur im eigenen Land. Beim engsten Bündnispartner, den USA, hatte Scharon den Ruf eines Tricksers und Täuschers, der mit gezielten Provokationen kompromissbereitere israelische Politiker systematisch an einer Politik der Aussöhnung mit den Arabern behinderte. Die Art und Weise, wie er in den 90er-Jahren den Widerstand gegen den Oslo-Friedensprozess schürte, schien das zu belegen.

lernprozesse Dass ausgerechnet dieser Ariel Scharon 2001 Ministerpräsident wurde, war das Ergebnis eines Lernprozesses – auf beiden Seiten. Aus seinem traumatischen politischen Scheitern im Libanonkrieg 1982 hatte Scharon zwei zwingende Lehren gezogen. Die erste war, in Zukunft unter allen Umständen die Erwartungen und Stimmungen der israelischen politischen Mitte in sein politisches Kalkül mit einzubeziehen. Die zweite Lektion lautete, ein unerschütterliches Vertrauensverhältnis mit Washington und dem amerikanischen Volk aufzubauen.

Doch nicht nur Ariel Scharon hatte sich um die Jahrtausendwende gewandelt. Er hätte nicht von ganz rechts außen in die politische Mitte rücken und Repräsentant des gesellschaftlichen Mehrheitskonsenses werden können, wenn die israelische Bevölkerung nicht ebenfalls eine dramatische politische Wende vollzogen hätte.

Nachdem Arafat in Camp David und Taba das Angebot Ehud Baraks auf einen eigenen Staat im fast gesamten Westjordanland, Gaza und Ostjerusalem abgewiesen und 2000 einen Terrorkrieg gegen die israelische Zivilbevölkerung begonnen hatte, die »Zweite Intifada«, begriffen die meisten Israelis, dass diese palästinensische Führung kein Partner für einen historischen Kompromiss mit dem jüdischen Staat sein konnte.

härte Was die Bevölkerung von der politischen Spitze jetzt erwartete, war eine Politik, die »rechte« und »linke« Themen vereinen konnte: Härte gegen den palästinensischen Terrorismus bei gleichzeitigem Verzicht auf eine Eingliederung der besetzten Gebiete in das israelische Staatsgebiet sowie Fortführung der diplomatischen Strategie regionaler Lösungen und Allianzen. Nicht zuletzt durfte die lebensnotwendige Partnerschaft mit den USA nicht gefährdet werden.

Diese vier Essentials definierten (und definieren bis heute) das, was man die israelische »Neue Mitte« nennen kann, die an die Stelle der Polarisierungen der 80er- und 90er-Jahre (»Friedenslager« gegen »Hardliner«) trat. Von links rückten die meisten moderaten ehemaligen Oslo-Befürworter in diese Richtung. Von rechts bewegte sich Ariel Scharon hin zu einer Position, die ihm ermöglichte, für diesen neuen Mainstream zu sprechen. Mit den Füßen stand er noch fest auf der Rechten. Doch im Kopf begann sein politischer Horizont, sich zu erweitern

kurswechsel Ich selbst wurde Zeuge dieser Entwicklung. 1999 sagte ich Scharon in einem persönlichen Gespräch, dass, sollte er die Führung Israels übernehmen, er eine defensive Sperranlage errichten, einen potenziellen Palästinenserstaat akzeptieren und etliche der Siedlungen, deren Bau er vorangetrieben hatte, abbauen würde. Scharon bezeichnete mich daraufhin als »Jahrmarktswahrsager« und fragte mich, warum er seine tief verwurzelten Überzeugungen aufgeben solle. Binnen vier Jahren hatte er just das getan.

Aus der Perspektive des Ministerpräsidenten, so seine Erklärung dafür, sehe man die Dinge wie von keinem anderen Punkt aus. Nach der Niederschlagung des palästinensischen Terrorismus (2002–2004) und nachdem er mit US-Präsident George W. Bush ein enges Vertrauensverhältnis aufgebaut hatte, folgte 2005 der einseitige Abzug aus Gaza.

Als Scharon merkte, dass er nicht mehr die Unterstützung der Likudpartei besaß, die er in den 70er-Jahren gegründet und 2001 zum Wahlsieg geführt hatte, verließ er sie und gründete eine neue Partei (Kadima), die für die Neue Mitte stand, die er vertrat und teilweise geformt hatte.

speerspitze Dass der geschmähte Außenseiter der 80er- und kontroverse Kandidat der 90er-Jahre in seinen letzten Jahren als Premierminister zur Speerspitze des politischen Konsens wurde, ist also eine Kombination aus seinem eigenen Reifeprozess hin zu und im Amt einerseits und Israels ernüchtertem Abschied von den Illusionen der Linken, die Ariel Scharon jahrzehntelang delegitimiert hatte.

Als Scharon 2006 ins Koma fiel, verlor Israel einen charismatischen Staatsmann, der Premierminister wurde, nachdem er seine schlimmsten Fehler längst begangen und die richtigen Lehren daraus gezogen hatte. Das Ergebnis dieser Lehren war eine ausgewogene Antwort auf die komplexen Herausforderungen, vor denen Israel stand und steht: statt vereinfachenden »Lösungen« die Suche nach frustrierenden Kompromissen, unter Verzicht auf vollkommene »Gerechtigkeit« oder vollkommenen »Frieden«.

Der Autor ist Direktor des National Security Studies Center der Universität Haifa.

Iran-Krieg

440 Kilo Uran: Zentraler Streitpunkt mit dem Iran

Es dürfte tief unter der Erde in zwei Atomanlagen lagern. Der Verbleib des hoch angereicherten Urans bleibt Hauptkonflikt mit Teheran

 11.05.2026

Brüssel

EU-Sanktionen gegen Israel: Einigung wahrscheinlich

Die Europäische Union dürfte heute weitere Strafmaßnahmen gegen israelische Siedler beschließen

von Michael Thaidigsmann  11.05.2026

Wien

Eurovision-Fans werfen EBU unfairen Umgang mit Israel vor

Der Hintergrund ist diesmal eine Werbekampagne der israelischen Rundfunkanstalt KAN für den Sänger Noam Bettan und dessen Beitrag »Michelle«

 11.05.2026

Berlin

Jüdische Gemeinde übt massive Kritik an Antisemitismus-Papier der Linken

Der Gemeinde-Vorsitzende Gideon Joffe bezeichnet das Konzept der Partei als »feige« und spricht von einem »Feigenblatt«

 11.05.2026

Brandenburg

Rechtsextremistische AfD gewinnt erstmals bei Bürgermeisterwahl

In Zehdenick zieht der AfD-Kandidat René Stadtkewitz mit deutlichem Vorsprung ins Rathaus ein. Für seine Partei ist es der erste Sieg bei einer Bürgermeisterwahl in diesem Bundesland

 11.05.2026

Nahost

Drohnenangriffe in Golfstaaten verschärfen Spannungen mit Iran

Die Vereinigten Arabischen Emirate, Katar und Kuwait melden Drohnenattacken, Süd-Korea einen Angriff auf ein ziviles Schiff in der Straße von Hormus

 11.05.2026

Washington D.C.

Trump weist iranisches Angebot zurück

Die Antwort des Teheraner Regimes auf einen Vorschlag der USA sei »völlig inakzeptabel!«, schreibt der amerikanische Präsident

 11.05.2026

Teheran

Iran: Antwort auf US-Vorschlag an Pakistan übermittelt

Zurzeit gilt eine fragile Waffenruhe im Iran-Krieg. Die USA haben einen Vorschlag zur Beendigung des Konflikts gemacht. Die Antwort soll nun vorliegen

 10.05.2026

Naher Osten

Erneut iranische Angriffe auf Golfstaaten

Aus Kuwait, den Vereinigten Arabischen Emiraten und Katar werden Attacken des iranischen Regimes gemeldet. Offiziell gilt eine Waffenruhe in dem Konflikt

 10.05.2026