Sachsenhausen

120 Minuten Holocaust

»Die Mädels müssen noch auf die Toilette, dann sind wir so weit.« Die Lehrerin lächelt entschuldigend und wischt sich ein paar Strähnen aus dem Gesicht. Es ist schwül an diesem Freitagmittag, dem letzten Tag vor den Sommerferien. Im Besucherzentrum der Gedenkstätte Sachsenhausen bei Berlin riecht es nach Schweiß und Energiedrinks.

14 Schülerinnen und Schüler sind mit Frau Maurenz* nach Oranienburg gefahren. Für manche von ihnen ist es der letzte Schultag überhaupt. Noch ein paar Stunden, dann haben sie die neunte Klasse geschafft und erwerben damit automatisch einen Abschluss. Einige möchten eine Ausbildung beginnen, viele wissen noch gar nicht so genau, wohin sie dieses Leben treibt.

Auseinandersetzung mit Naziverbrechen

Die Führung durch das ehemalige Konzentrationslager am Rande Berlins wird für sie das letzte Mal sein, dass sie sich im schulischen Rahmen mit den Naziverbrechen auseinandersetzen. 120 Minuten dauert die Tour, die Frau Maurenz gebucht hat. Immer wieder sei die Geschichtslehrerin mit ihren Schülern in Diskussionen gekommen, erzählt sie. »Da gab’s schon auch antisemitische Aussagen. Deshalb finde ich es richtig gut, dass wir heute noch mal hier sind.«

Das Problem, das Frau Maurenz beschreibt, ist nicht nur an ihrer Sekundarschule in einem Berliner Arbeiterviertel immanent: Seit Jahren warnen Experten vor grassierendem Judenhass unter Schülern. Gleichzeitig zeigen Studien das Unwissen über Deutschlands antisemitische Vergangenheit: In der jüngsten Befragung der Claims Conference unter jungen Erwachsenen in Deutschland gaben rund 40 Prozent an, nicht gewusst zu haben, dass etwa sechs Millionen Jüdinnen und Juden in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet wurden.

Um diesen Entwicklungen etwas entgegenzusetzen, ist in der Politik eine Idee im Umlauf: »Ich möchte, dass jede Schülerin und jeder Schüler einmal im Schulleben die Chance hat, ein KZ oder eine NS-Gedenkstätte zu besuchen«, sagte Nordrhein-Westfalens Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) bereits in seiner Neujahrsansprache 2024. Er glaubt: »So erreichen wir die Herzen junger Menschen. So hat Antisemitismus keine Chance.«

Im April desselben Jahres brachte die CDU/CSU-Fraktion diese Forderung in einem Antrag in den Bundestag ein. Seitdem sie selbst in der Regierung sitzt, steht die Verpflichtung weit oben auf der Agenda. Ende Juni 2025 berieten sich die Bildungsminister der Länder mit Vertretern mehrerer KZ-Gedenkstätten über Möglichkeiten für eine engere Zusammenarbeit mit Schulen. Die Erwartungen daran sind riesig: So war die Bildungsministerin von Nordrhein-Westfalen, Dorothee Feller, nach dem Treffen überzeugt, Besuche von Gedenkstätten »fördern historisches Bewusstsein und setzen gerade in Zeiten von wachsendem Antisemitismus und Extremismus ein klares Zeichen«.

»Wenn ich SS sage, wisst ihr, was ich meine?«, fragt der Guide.

In den Empfehlungen der Kultusministerkonferenz hieß es bisher: Die Bildungspolitik der Länder ermutige Schulen zur Zusammenarbeit mit außerschulischen Einrichtungen der Erinnerungskultur und Orten des Erinnerns und Gedenkens. Geht es nach Bundesbildungsministerin Karin Prien (CDU), soll aus der Ermutigung eine Verpflichtung werden. Auch sie glaubt: »Erinnerungsorte und die Beschäftigung mit Einzelschicksalen vermitteln Empathie.« Im Juli hat die Schulkommission eine Ad-hoc-AG zu dem Thema eingesetzt. Die Verabschiedung einer aktualisierten Empfehlung ist für kommendes Jahr geplant. Gut möglich, dass dann jeden Schüler erwartet, was Frau Maurenz für ihre Klasse an diesem Nachmittag geplant hat-

Doch was kann ein solcher Besuch bewirken? Und kann die Beschäftigung mit den Naziverbrechen am Tatort tatsächlich etwas gegen den gesellschaftlichen Antisemitismus ausrichten?

»Müssen wir heute viel laufen?«, fragt ein Mädchen

Die Mädchen sind von der Toi­lette zurück, die Gruppe trottet ihrem Guide hinterher: Vom Besucherzentrum aus führt Lorenzo* die Schüler an der Lagermauer entlang, ein Wachturm ragt in den Himmel. Lorenzo erklärt, dass Sachsenhausen eines der frühen Lager war. Er spricht von den Opfergruppen, von politischen Gegnern und Kriegsgefangenen, benennt Heinrich Himmler und Theodor Eicke, spannt den Bogen von der Zwangsarbeit bis zur industriellen Vernichtung. Ein paar Schüler schielen auf ihre Handys, andere stützen sich auf den Schultern der anderen auf. »Müssen wir heute viel laufen?«, fragt ein Mädchen mit nach hinten gegeltem Haar.

Lorenzo weist auf die Gebäude gegenüber: Hier trainierte die SS ihre Kommandanten und Wachmänner für die Konzentrationslager im Osten, für Treblinka, Majdanek, Auschwitz. Dann stoppt er. »Wenn ich SS sage, wisst ihr, was ich meine?« Leere Gesichter. »Und Auschwitz?« Ein paar nicken zaghaft.

Ein Anruf bei Arne Pannen, Leiter der Bildungsabteilung der Gedenkstätte Sachsenhausen. »Wie viel von unseren Führungen hängen bleibt, hat viel mit der Vor- und Nachbereitung im Unterricht zu tun«, sagt Pannen. Leider werde der Besuch oft isoliert auf einen Wandertag am Rande des Schuljahres gequetscht. »Die letzte Woche vor den Ferien ist bei vielen Lehrern besonders beliebt.« Nicht nur in Sachsenhausen, sondern in allen Gedenkstätten seien diese Tage schon lange im Voraus ausgebucht.

Zudem bringen viele Klassen wenig Zeit mit. »Die 120-minütige Tour ist unser meist gebuchtes Format«, sagt Pannen. Sinnvoller findet er da die ganztägigen Workshops. Doch auch die sind häufig Monate im Voraus ausgebucht.

Anfragen der Schulen adäquat beantworten

Bereits heute stößt die Gedenkstätte an ihre Kapazitätsgrenzen: Finanziell und personell habe er derzeit nicht die Mittel dazu, alle Anfragen der Schulen adäquat zu beantworten, sagt Axel Drecoll, Leiter der Gedenkstätte. Ein verpflichtender Besuch für alle Schüler sei nur mit einem infrastrukturellen Ausbau und administrativen Umbau zu bewerkstelligen. Zumal das, was der Bildungsministerin vorschwebe, nicht in einer zweistündigen Führung zu schaffen sei.

Die Schüler von Frau Maurenz sind inzwischen in der Baracke 39 angekommen, im sogenannten Judenblock. Es ist stickig, ab und zu knacken die Holzbalken in der Hitze. Lorenzo lässt vor den Augen der Schüler grausame Bilder entstehen: Er beschreibt, wie sich die Häftlinge hier drängten, erzählt von entzündeten Wunden, verschimmeltem Essen, dem Kampf um die Latrinen, der Hackordnung untereinander. Nachdem sie die Baracke verlassen, plumpsen die Schüler erschöpft auf ein Podest. »Das ist krass, was er gerade meinte«, sagt einer der Jugendlichen. »Aber warum sieht man kein Blut an den Wänden?«, fragt seine Mitschülerin. »Mann, weil das 100 Jahre her ist!«

»Was wir mit einer Führung erreichen können, ist, dass bei den Schülern Fragen im Kopf entstehen, die sie vielleicht in der S-Bahn auf dem Nachhauseweg ins Grübeln bringen«, sagt Axel Drecoll. Zum Umdenken aber, für eine Transferleistung des Wissens auf die eigene gesellschaftliche Verantwortung, brauche es intensive pädagogische Betreuung, Raum zum Diskutieren, Einbindung in den Unterricht, und zwar fächerübergreifend. »Der Schritt von einem Besuch einer Gedenkstätte zu der Einsicht, warum eine freiheitlich demokratische Grundordnung wichtig ist, der ist riesig.«

»Man muss aufpassen, dass man die Gedenkstättenarbeit nicht überfordert.«

Axel Drecoll

Welche Schlüsse die Schüler für sich selbst aus den Führungen ziehen, wie sie das Gesehene mit dem eigenen Weltbild in Verbindung bringen, sei schwer zu sagen. In Sachsenhausen gibt es die Möglichkeit, anonyme Feedback-Postkarten zu hinterlassen, manchmal kritzeln Besucher darauf, was sie sich während der Touren nicht auszusprechen trauen. Arne Pannen hat ein paar besonders erschreckende Exemplare gesammelt: »Wann wird Sachsenhausen wieder eröffnet, wäre nötig«, steht da, mit einem Hakenkreuz darunter. Seit dem 7. Oktober 2023 häufen sich zudem die Karten, auf denen die Naziverbrechen mit Israel in Verbindung gebracht werden. Doch sowohl Arne Pannen als auch Axel Drecoll glauben, dass die meisten davon aus der Feder von erwachsenen Besuchern, manche auch von internationalen Touristen, stammen.

Größtenteils Symbolpolitik

»Wir haben offensichtlich ein Problem mit rechten Einstellungen, vor allem hier in Brandenburg, und auch der israelbezogene Antisemitismus ist stark angestiegen. Aber das Problem jetzt allein auf Jugendliche auszulagern, finde ich nicht korrekt«, sagt Pannen. Die Forderung nach einem verpflichtenden Besuch der Gedenkstätten hält er größtenteils für Symbolpolitik. »Es wäre fatal zu glauben, dass dem, was wir gerade an gesellschaftlichen Entgleisungen erleben, allein mit einem Gedenkstättenbesuch vorzubeugen wäre.«

Axel Drecoll warnt sogar davor, den Besuch in der Gedenkstätte mit jenen Debatten zu überlagern. »Die meisten Schülerinnen und Schüler, die zu uns kommen, haben vom Nationalsozialismus wenig bis keine Ahnung. Jetzt sollen wir mit denen noch klären: Was ist eigentlich ein Genozid? Was ist genau in Israel los, und warum ist es falsch, das mit dem hier Geschehenen gleichzusetzen?« Was seine Mitarbeiter leisten könnten, sei, den Ort aufzuschlüsseln, zu erklären, was hier passiert sei. »Man muss aber aufpassen, dass man die Gedenkstättenarbeit nicht überfordert.« Das sage er auch Politikern, mit denen er regelmäßig im Gespräch stehe.

Die Schüler von Frau Maurenz sind am Ende ihrer Tour angekommen. Sie haben die Station Z durchlaufen, die Genickschussanlage und die elf Quadratmeter große Gaskammer, in der geprobt wurde, was später millionenfach woanders geschehen ist. Ein Mädchen hat gefragt, wozu die Öfen da waren, und bei der Antwort beschämt mit den Füßen auf dem staubigen Boden gescharrt.

Die Schüler laufen nun über den Appellplatz zurück, durch das Tor mit den eisernen Buchstaben: »Arbeit macht frei«. Wenn man sie fragt, was ihnen von der Tour besonders eindrücklich bleibt, sagen fast alle: »Wie groß es ist!« Ob ihnen bewusst ist, dass sie ein vergleichsweise kleines Lager des Vernichtungssystems besichtigt haben? Ein Junge zuckt mit den Schultern. »Ist halt trotzdem krass.«

Am Ausgang hat ein kleines Café geöffnet. Schon bald halten alle ein tropfendes Eis in Händen. Es ist schließlich der letzte Tag vor den Ferien.

Die mit * gekennzeichneten Namen sind von der Redaktion geändert.

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