Ellen Presser

Zeit zu schreiben, Zeit zu handeln

Ellen Presser Foto: Marina Maisel

Ellen Presser

Zeit zu schreiben, Zeit zu handeln

Kann man mit dem Schreiben einer Tora die Welt verbessern? Mit dem Schreiben allein gewiss nicht. Mit der Erkenntnis, wofür sie steht, schon

von Ellen Presser  16.06.2022 07:29 Uhr

Eine Torarolle schreiben zu lassen, sie einer jüdischen Gemeinde zu stiften, wie am vergangenen Wochenende in Essen und Berlin geschehen, hat eine lange Tradition. Die fünf Bücher Mose in jeder Generation aufs Neue aufzuzeichnen – 5845 Verse, 79.976 Wörter, 304.805 Buchstaben –, ist von zentraler Bedeutung für den Fortbestand des Judentums.

Das ist eine Feststellung, keine Frage. Doch gerade Fragen sind bei uns essenziell. Sie zwingen zum Nachdenken, zum Finden schlüssiger Antworten und zu Neuerungen im Handeln als Reaktion auf unerwartete Zumutungen des Lebens. Die Kombination von Bewahrung und Beweglichkeit ermöglichte es dem Judentum, durch alle Zeitläufte hindurch zu überdauern.

lehre und weisung Wir wissen manches darüber, was die Weisen bedrückte, wenn sie als Hüter der Lehre und Weisung – das ist die Bedeutung des Wortes Tora – bestimmend auftraten. Und was sie veranlasste, Änderungen in Form von neuen Minhagim, Bräuchen, zuzulassen.

Kann man mit dem Schreiben einer Tora die Welt verbessern? Mit dem Schreiben allein gewiss nicht. Mit der Erkenntnis, wofür sie steht, schon. Denn über die Geschichten, Gleichnisse, das ganze Regelwerk, soll unser Handeln auf einen guten Weg geführt werden. Nur wer sich daran dogmatisch hält, verliert am Ende: unter anderem auch die Menschen.

Über die Geschichten, Gleichnisse, das ganze Regelwerk, soll unser Handeln auf einen guten Weg geführt werden.

In »Kohelet« heißt es unter anderem: »Behalten hat seine Zeit, Wegwerfen hat seine Zeit.« Ich wünschte mir, dass ein neues Begriffspaar dazugedacht würde: Schreiben hat seine Zeit, Handeln hat seine Zeit. In den vergangenen 40 Jahren ist viel getan worden zur Integration jüdischer Flüchtlinge aus den GUS-Staaten.

Doch offenbar nicht genug, viele sind den jüdischen Gemeinden abhandengekommen. Nun haben wir eine zweite Chance. Nehmen wir die Geflüchteten auf und an, wie sie sind. Öffnen wir ihnen Wege in die Kehilla. Den Federkiel über das Pergament führen, dazu wird sich immer Zeit finden.

Die Autorin leitet das Kulturzentrum der IKG München und Oberbayern.

Meinung

Iranischer Staatsterror: Zeit zu handeln, Herr Bundeskanzler!

Die Islamische Revolutionsgarde des Iran wollte den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zufolge Josef Schuster und Volker Beck ermorden lassen. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben

von Michael Thaidigsmann  21.05.2026

Tacheles-Preis

»Ihr prägt den Journalismus. Ihr prägt unser Land«

WELT-Chefredakteur Helge Fuhst hielt die Laudatio auf die Jüdische Allgemeine. Eine Dokumentation

von Helge Fuhst  21.05.2026

Dokumentation

»Mehr Mut zu unbequemen Wahrheiten!«

Die Jüdische Allgemeine ist mit dem Tacheles-Preis ausgezeichnet worden. Hier dokumentieren wir die Dankesrede von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  21.05.2026

Meinung

Das entspricht nicht der Essenz unseres Landes!

Man muss keine Sympathie für die Aktivisten der Gaza-Flotille haben, um die Art abzulehnen, wie Itamar Ben-Gvir mit ihnen umgegangen ist. Der Minister hat dem Ansehen Israels geschadet

von Sarah Cohen-Fantl  21.05.2026

Meinung

Die Jewrovision sendet ein Signal

Bei dem Musikwettbewerb haben die Teilnehmer auch immer wieder den grassierenden Antisemitismus thematisiert. Die Politik muss die Angst jüdischer Kinder und Jugendlicher endlich ernst nehmen

von Nicole Dreyfus  20.05.2026

Essay

Wie die »New York Times« Israel verteufelt

Der Autor Nicholas Kristof überzieht Israel in einem Meinungsbeitrag mit ungeheuerlichen Vorwürfen. Doch belastbare Beweise für seine Behauptungen legt er nicht vor – und schadet damit dem Journalismus

von Daniel Neumann  19.05.2026

Meinung

Die Israel-Allergie der ARD

Douze Points für Israel - und dann Schweigen

von Guy Katz  17.05.2026

Meinung

Ein Mutmacher in trüben Zeiten

Die Abstimmung für Noam Bettan beim Eurovision Song Contest zeigt, dass sich die Bürger nicht so einfach von israelfeindlicher Propaganda beeinflussen lassen

von Daniel Killy  17.05.2026

Meinung

Orden für den Botschafter: Wie Leo XIV. Irans Regime aufwertet

Mit seinem Orden für den iranischen Botschafter beim Heiligen Stuhl verpasst der Papst den Menschen im Iran symbolisch einen Tritt in die Magengrube

von Michael Thaidigsmann  13.05.2026