Meinung

»Zeit Geschichte« stellt sich in eine unsägliche Tradition

Für Bildredaktionen liegt nicht immer auf der Hand, wie ein Text visuell übersetzt oder wenigstens begleitet werden kann. Besonders schwierig wird es bei großen, vielschichtigen Themen. Zu solchen gehört der Nahostkonflikt. Eine Bebilderung eines Covers zum Thema »Israel und Palästina. Hundert Jahre Konflikt und Krieg: Welche Chancen hat der Frieden?« ist keine leichte Aufgabe. Vieles gilt es zu beachten, einiges kann man falsch machen. Am 30. Januar erscheint eine neue Ausgabe von Zeit Geschichte mit diesem Titel. Das Coverfoto ist ein Beispiel dafür, wie man es nicht machen sollte.

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Stellen wir uns vor, auf dem Cover einer Ausgabe zum hundertjährigen Nahostkonflikt würde – ganz klassisch – eine Landkarte der Region gezeigt, und davor stünden sich zwei Personen gegenüber, Vertreter*innen von Israel und Palästina, Archetypen sozusagen. Nehmen wir an, hier stünden sich eine junge, bunt gekleidete Festivalbesucherin, wie es sie zahlreich auf dem Nova-Festival gab, und ein finster dreinschauender islamistischer Terrorist gegenüber. Fänden wir das angemessen? Eine solche Darstellung bildet einen Teil des Konflikts durchaus ab, einige Momente trifft sie. Aber wäre die Gegenüberstellung repräsentativ für 100 Jahre Konflikt und Krieg? Ich vermute, der Aufschrei wäre groß, zu Recht vielleicht. Die lange, komplexe Geschichte des Konflikts verbietet es uns, hier ein einfaches Bild von Gut gegen Böse zu reproduzieren. Wer das tut, verzerrt.

Auf dem vorab beworbenen Cover findet sich zwar eine solche Landkarte, vermutlich der UN-Teilungsplan von 1947, nur die beiden Vertreter*innen sind anders gewählt: Hier stehen sich eine verschleierte Frau und ein Soldat gegenüber. Das reproduziert gängige Klischees, es räsoniert mit Gewohntem. Alle Gewalt geht hier von Israel aus, von oben, staatlich organisiert, ziviles Leben spielt keine Rolle. Die unterdrückende Staatsmacht trifft auf eine Frau, möglicherweise Mutter, die sich wehrt, die mit Militär und Terror nichts zu tun hat, die unbewaffnet ist. Nicht nur das. Es kommt noch eine Ebene dazu. Die palästinensische Frau ist wütend. Man kann förmlich mitfühlen: Sie schreit an gegen die Ungerechtigkeiten dieses Konflikts, gegen Israel. Sie selbst scheint unschuldig.

Führt dieses Cover noch zu einem Aufschrei? Zu einer Debatte darüber, wie man den Nahostkonflikt bebildern darf – und wie nicht?

Der israelische Soldat dagegen wirkt kalt, emotions- und regungslos, immerhin schaut er seine Kontrahentin mit offenem Visier an. Sicher, auch diese Gegenüberstellung – wie die aus meinem Gedankenexperiment – trifft einen Teil des hundertjährigen Konflikts, insbesondere wenn wir an die Erste Intifada denken. Aber ist das repräsentativ für die ganze Geschichte? Ist es legitim, dermaßen offen antiisraelische Ressentiments zu bedienen? Gut und Böse so leichtfertig zuzuordnen? Führt dieses Cover noch zu einem Aufschrei? Zu einer Debatte darüber, wie man den Nahostkonflikt bebildern darf – und wie nicht?

Zeit Geschichte stellt sich mit dem Cover in eine unsägliche Tradition. Der Stern machte vor mittlerweile fast zwanzig Jahren, im August 2006, Schlagzeilen mit einer Ausgabe zu Israel. Im Untertitel versprach das Magazin, zu erklären, »Was das Land so aggressiv macht« und »die Geschichte des Judenstaates« zu erzählen. Auf dem Cover zu sehen war ein betender, ultraorthodoxer Jude, daneben Flammen und Kriegsgerät, darunter die Mauer, die die Westbank von Israel trennt. Palästinenser*innen spielen hier auf der Bild-Ebene gar keine Rolle. Hier geht es um den jüdischen Staat als Aggressor.

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Kritik musste auch Spiegel Geschichte im Jahr 2019 einstecken. Die Ausgabe »Jüdisches Leben in Deutschland« hatte den Untertitel »Die unbekannte Welt nebenan«, eine klassische Variante des »Otherings«. Bebildert wurde das Cover mit zwei älteren, orthodox gelesenen Juden mit Schläfenlocken. Josef Schuster, Präsident des Zentralrats der Juden, sagte damals der Welt: »Mit dem Titelbild bedient der ‚Spiegel’ leider Klischeevorstellungen von Juden. Gerade in Deutschland trifft man kaum Juden an, die aussehen wie die beiden Männer auf dem Foto.«

In allen drei Fällen hat die Bildredaktion versagt. Für Stern und Spiegel ist das Kind bereits in den Brunnen gefallen. Zeit Geschichte täte gut daran, das Heft mit einem neuen Cover auszuliefern.

Der Autor leitet die Bildungs- und Aktionswochen gegen Antisemitismus bei der Amadeu Antonio Stiftung.

Dieser Artikel erschien zuerst bei »Belltower News«, dem Magazin der Amadeu Antonio Stiftung.

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