Kommentar

Wo Israel antritt, rollt der Ball ins moralische Abseits

Louis Lewitan Foto: Stefan Nimmesgern

Kommentar

Wo Israel antritt, rollt der Ball ins moralische Abseits

Israelische Spieler und Fußballfans werden schon lange dafür diskriminiert, dass sie von anderen gehasst werden.

von Louis Lewitan  06.11.2025 16:48 Uhr

Ist der Fußball rund? Ja, meinen die einen. Die einen, das ist die überwältigende Mehrheit. Und weil er rund ist und ein Spiel 90 Minuten dauert, ist alles möglich, behaupten sie. Dass der Ball rund ist, bedeutet noch lange nicht, dass im Fußball alles stimmt. Im Gegenteil, derzeit läuft vieles schief.

Im Kampf um die Teilnahme an der Weltmeisterschaft scheint, wann immer Israel auftritt, die Fairness passé. In Italien wurde die israelische Hymne nieder gepfiffen, die Mannschaft ausgebuht. In Paris blieb das Stadion halbleer, offiziell aus Sicherheitsgründen, inoffiziell wohl aus Angst vor dem Volkszorn. Und in Oslo, beim Spiel gegen Norwegen, war Israel ein Sicherheitsrisiko. Rund um das Ullevaal-Stadion kreisten Polizeiwagen, berittene Einheiten, Räumfahrzeuge, sogar Scharfschützen standen auf den Dächern. Der Luftraum über der Stadt war gesperrt, die Zufahrten blockiert, jeder Zuschauer wurde durchsucht, als ginge es um Staatsgeheimnisse.

Auch in Birmingham, wo Maccabi Tel Aviv am 6. November im Villa Park gegen Aston Villa antritt, sind israelische Auswärtsfans nicht zugelassen. Offizielle Begründung: High risk. Wo immer Israelis auftreten, entstehen offenbar Risiken, nicht für sie, sondern durch sie. Ursache verkannt, Gefahr erkannt, Täter gebannt. Der Fußball weicht dem Mob der Straße.

Während europäische Arenen in Nationalfarben leuchten, spielt Israel oft vor halbleeren Rängen. Nicht wegen sportlicher Schwäche, sondern wegen politischer Kälte. Da prallt der Ball gegen eine Wand, unsichtbar, aber spürbar. Auf ihr steht geschrieben: Foul. Abseits. Aus. Fußball ist längst kein Spiel mehr, sondern ein Kampf um politische Deutungshoheit. Wer als Israeli das Stadion betritt, landet im Tribunal. Er darf mitspielen, während das Fairplay auf der Strafbank sitzt. Nach 90 Minuten steht kein sportliches Ergebnis, nur ein Vorurteil: Israel gehört moralisch ins Abseits.

Der Volkszorn spielt mit

Vieles läuft schief, nicht der Ball, sondern die Grundhaltung. Statt Fairness und Respekt sieht man kollektive Beschuldigung und Ausgrenzung. Der anhaltende Druck auf die Mannschaft ist enorm, weil Israel nicht als Sportteam, sondern als Täterkollektiv gebrandmarkt wird. Wenn die Menge »Intifada« johlt oder »From the river to the sea« skandiert, dann ist der Fußball längst keine Leidenschaft mehr, sondern eine Projektionsfläche. Wie einst im Kolosseum sucht die Volksseele ihr Spektakel, ihr Opfer, ihr Ventil.

Der Alltag mag ohnmächtig sein, das Stadion ist es nicht. Hier darf man richten und sich dabei gerecht fühlen. Wut und Hass verwandeln sich in moralische Selbstüberhöhung, Empörung in Erlösung. Am Ende entscheidet die Menge, wie damals: Daumen hoch oder runter. Der Fußballverband knickt ein, die Polizei dämmt ein, die Rowdies und Ultras erobern die Plätze.

Dabei zeigt gerade Israels Mannschaft, was Vielfalt bedeutet. Dia Saba, Dabbur, Tawatha, Natcho, Gantous, sie sind Muslime, Drusen, Tscherkessen, Christen. In jedem anderen Land wäre das ein Aushängeschild der Vielfalt. Wenn Israel spielt, reicht das Trikot, um aus Mitspielern Kolonialisten, Rassisten, Imperialisten zu machen. Der Pfiff kommt nicht vom Schiedsrichter, sondern vom Publikum. Die Anklage lautet falsche Zugehörigkeit.

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In den 1970er Jahren wurde Israel aus dem asiatischen Fußballverband ausgeschlossen, weil arabische und muslimische Staaten sich weigerten, gegen israelische Mannschaften anzutreten. Unsportlichkeit und Diskriminierung zahlten sich aus. Wohl deshalb spielt Israel in Europa, verbannt aus Asien, geduldet in Europa. Wo immer Israel antritt, der Ball mag rund sein, doch am Ende rollt er moralisch verlässlich ins Aus.

In wenigen Wochen, am 13. November, spielt Israel in Vilnius gegen Litauen. Mit allen Sicherheitsvorkehrungen, versteht sich: berittene Polizei, Scharfschützen, ein Stadion im Ausnahmezustand. Ein normales Qualifikationsspiel also. Wo bleibt da die Empörung?

Der Autor coacht Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Politik und Kultur. Zuletzt erschien von ihm das Buch »Der Blinde Fleck. Die vererbten Traumata des Krieges – und warum das Schweigen in den Familien jetzt aufbricht« (Heyne Verlag, 2025).

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