Meinung

Wir Jungen müssen die Gemeinden stärker mitgestalten

Ron Dekel ist Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD). Foto: Elias Keilhauer

Meinung

Wir Jungen müssen die Gemeinden stärker mitgestalten

Jüdische Studierende sind vom wachsenden Antisemitismus besonders betroffen. Gleichzeitig sind junge Juden kaum in den Gemeindevertretungen repräsentiert. Das muss sich ändern

von Ron Dekel  30.11.2025 10:51 Uhr

Bei der Ratsversammlung des Zentralrats der Juden in Deutschland wird über die Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland entschieden: Delegierte aus Gemeinden und Landesverbänden, die festlegen, wie jüdische Strukturen, Repräsentation, Sicherheit und Sichtbarkeit in den kommenden Jahren gestaltet werden. Wenn an diesem Sonntag das Gremium erneut in Frankfurt am Main tagt, ist auch die Jüdische Studierendenunion Deutschland dabei. Das war nicht immer selbstverständlich.

Jüdisches Leben wird heute so massiv angegriffen wie seit 1945 nicht mehr. Besonders hart trifft es diejenigen, die am sichtbarsten sind und ihre Räume nicht einfach meiden können: Studierende. Universitäten, die Orte des freien Denkens sein sollten, wurden zu Orten, an denen jüdische Studierende Anfeindungen, Ausgrenzung, Einschüchterung und Hass erleben, und das weitgehend ohne Konsequenzen für die Täter. Wir werden aus Vorlesungen gedrängt, beleidigt, angegriffen und mussten täglich an Bannern vorbeigehen, die unseren Tod fordern.

Viele von uns haben Freundschaften verloren. Manche haben ihren Studienort gewechselt. Fast alle haben gelernt, dass jüdisches Leben an der Universität oft nur sicher stattfinden kann, wenn es unsichtbar ist. Aber eines haben wir nicht getan: Wir haben uns dieser Entwicklung nicht ergeben – im Gegenteil.

Auch bei der Ratsversammlung sind junge Delegierte nach wie vor unterrepräsentiert.

Wir haben uns organisiert, wir sind lauter geworden, wir haben die größte Vollversammlung der JSUD abgehalten, wir haben uns öffentlich gegen antisemitische Universitätsstrukturen gewehrt, wie zuletzt die jüdische Besetzung der TU Berlin gezeigt hat. Und dennoch: Unsere Stimmen finden kaum Gehör. Auch bei der Ratsversammlung sind junge Delegierte nach wie vor unterrepräsentiert, obwohl sie die Realität jüdischen Lebens in diesem Land jeden Tag am deutlichsten spüren.

Es ist nicht zu leugnen: Das Wort jüdischer Organisationen hat heute weniger Gewicht als früher. Nicht weil sie keine gute Arbeit leisten - im Gegenteil. Aber das gesellschaftliche Klima hat sich verändert. Antisemitismus wird enttabuisiert, relativiert, verharmlost. Der Holocaust verliert an Präsenz im öffentlichen Bewusstsein. Gleichzeitig verschieben politische Kräfte bewusst die Grenzen des Sagbaren, und das trifft nicht nur Institutionen, es trifft Menschen. Es trifft uns.

Und während die Angriffe auf jüdisches Leben zunehmen, schrumpft die Gemeinschaft demografisch. Seit Jahren zeigen Studien: Wir werden weniger. In einer solchen Situation wäre es fatal, nicht alles dafür zu tun, dass die junge Generation stärker, sichtbarer und wehrhafter wird als jede zuvor.

Wir müssen den Rückgang auf andere Weise ausgleichen, und das gelingt, ganz nach jüdischer Tradition, nur durch Bildung. Jeder Vorstand einer jüdischen Institution sollte sich daher fragen, ob er dieser Tradition gerecht wird.

Wir jungen Jüdinnen und Juden müssen bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.

Die junge jüdische Generation ist in den jüdischen Institutionen kaum vertreten: in vielen Gemeindevorständen nicht, in Landesverbänden nicht und in der Ratsversammlung kaum. Wenn jüdisches Leben in Deutschland eine Zukunft haben soll, brauchen wir junge Erwachsene, die nicht nur teilnehmen, sondern gestalten. Nicht nur zuhören, sondern sprechen. Nicht nur eingeladen werden, sondern entsandt werden.

Das erfordert strukturelle Veränderung. Es erfordert, dass Gemeinden und Verbände nicht nur über Zukunft reden, sondern sie auch an den Tisch holen. Und ja, es erfordert, dass wir jungen Jüdinnen und Juden bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Niemand wird uns den Teppich ausrollen. Deshalb müssen wir ihn uns nehmen. Lasst euch in eure Gemeindevorstände wählen. Bringt euch in Landesverbänden ein. Fordert einen Platz in den Delegationen ein.

Der Autor ist Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD).

Erwiderung

An allem sind ... oder, Herr Ahmetović?

Der SPD-Außenpolitiker Adis Ahmetović, macht keinen Hehl daraus, wen er zum Hauptverantwortlichen für nahezu sämtliche Probleme, Konflikte und Krisen in Nahost erklärt

von Sacha Stawski  02.06.2026

Meinung

Sauna der Toleranz - aber nur ohne Davidstern

Zwei Frauen werden in Barcelona wegen eines jüdischen Symbols verhört, als »Zionistinnen« aussortiert und schließlich hinausgeworfen – im Namen einer Offenheit, die sich selbst ad absurdum führt

von Sabine Brandes  02.06.2026

Kommentar

Tote Juden stören nicht

Unsere Erinnerungskultur liebt Stolpersteine, aber stolpert nicht über den Antisemitismus vor der eigenen Haustür. Wie der Kampf gegen Judenhass am Nekrosemitismus scheitert

von Nelly Eliasberg  31.05.2026

Meinung

Kein Boykott – nur Abscheu

Die irische Schriftstellerin Sally Rooney möchte ihren neuesten Roman doch auf Hebräisch übersetzen lassen. Zuvor sortiert sie aber Israelis aus - und das Mitgefühl gleich mit

von Sabine Brandes  29.05.2026

Meinung

Fertig Idylle!

Am Mittwoch sticht in der Winterthurer Innenstadt ein Mann auf vorbeilaufende Passanten ein und schreit »Allahu Akbar« – ein Weckruf für die Schweiz

von Nicole Dreyfus  28.05.2026

Meinung

Die staatliche Förderung von »Islamic Relief« ist unentschuldbar

Die NGO ist eng mit der islamistischen Muslimbruderschaft verflochten. Es ist ein Skandal, dass das Auswärtige Amt die Organisation dennoch jahrelang mit Millionen Euro unterstützte – und nun zu den Vorwürfen schweigt

von Ralf Fischer  28.05.2026

Kommentar

Was hat Künstliche Intelligenz mit Antisemitismus zu tun?

Ein Zwischenruf von dem Holocaust-Überlebenden Roman Haller

von Roman Haller  27.05.2026

Debatte

Warum werden Israels Fehler laut, der mörderische Judenhass seiner Feinde aber allzu oft nur sehr leise benannt?

Ein Kommentar von Stephan-Andreas Casdorff

von Stephan-Andreas Casdorff  26.05.2026

Meinung

Iranischer Staatsterror: Zeit zu handeln, Herr Bundeskanzler!

Die Islamische Revolutionsgarde des Iran wollte den Erkenntnissen der Bundesanwaltschaft zufolge Josef Schuster und Volker Beck ermorden lassen. Das darf nicht ohne Konsequenzen bleiben

von Michael Thaidigsmann  21.05.2026