Meinung

Wenn ein Botschafter Schoa-Überlebende zu Lügnern erklärt

Thomas Rose bei seiner Anhörung im Senat im Juli 2025 Foto: IMAGO/ZUMA Press Wire

Obwohl die in Nürnberg 1945/46 vorgelegten Beweise für Hitlers »Endlösung der Judenfrage« in den letzten Jahrzehnten zu einem unauslöschlichen Teil des kollektiven Bewusstseins der Welt hätten werden müssen, ist der Holocaust weiterhin Gegenstand von Debatten. Immer noch wird das, was damals geschah, verfälscht, verzerrt oder der eigenen politischen Agenda untergeordnet.

Jüngstes Beispiel ist eine Rede von Thomas Rose, dem neuen US-Botschafter in Polen, vergangene Woche in Warschau. Bei einer Konferenz der Internationalen Vereinigung jüdischer Anwälte und Juristen zum Antisemitismus sprach Rose Polen und das polnische Volk von jeglicher Verantwortung für den Völkermord an den europäischen Juden frei.

Polen, so erklärte er, werde oft mit »einem moralischen Makel« behaftet, der ihm nicht gebühre, »nämlich der hartnäckigen Überzeugung, dass Polen eine Mitschuld an den barbarischen Verbrechen trage«, die von Nazi-Deutschland an Polen verübt worden seien. Das sei »eine groteske Lüge« und komme einer »Blutverleumdung des polnischen Volkes und der polnischen Nation gleich«, so Rose.

Er müsste es eigentlich besser wissen. Rose ist orthodoxer Jude. Er ist ehemaliger Herausgeber und Geschäftsführer der »Jerusalem Post«. Doch in seiner Rede plapperte er eine von rechten Politikern in Polen gerne verbreitete Erzählung nach, die auch nur den Hauch des Verdachts empört zurückweist, dass Polen in irgendeiner Weise an der Durchführung des Holocaust durch Nazi-Deutschland beteiligt gewesen sein könnten.

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Zu diesem Zweck verabschiedete das polnische Parlament 2018 sogar auf Betreiben der damals regierenden nationalkonservativen PIS-Partei ein umstrittenes Gesetz, das es unter Strafe stellt, öffentlich zu behaupten, »dass die polnische Nation oder die Republik Polen für die vom Dritten Reich begangenen Nazi-Verbrechen verantwortlich oder mitverantwortlich ist«. Der damalige Ministerpräsident Mateusz Morawiecki erklärte: »Wir werden niemals der Mittäterschaft am Holocaust beschuldigt werden. Das ist unsere Existenzfrage.«

Dabei ist die Behauptung der absoluten Unschuld Polens ebenso wie die von Rose, eindeutig falsch. Es ist zwar richtig, dass Vernichtungslager wie Auschwitz-Birkenau und Treblinka von Deutschen gebaut und betrieben wurden. Aber es ist ebenso richtig, dass sich Tausende nichtjüdischer Polen an diesen Massakern mitschuldig machten.

Unkluge und falsche Schönfärbung der Geschichte

Während Yad Vashem, Israels Holocaust-Gedenkstätte, einerseits mehr als 7000 Polen als »Gerechte unter den Völkern« anerkannt hat, gab es auch Tausende und Abertausende Polen, die Juden an die Gestapo auslieferten, von ihrer Deportation profitierten und Zehntausende, wenn nicht Hunderttausende Juden ermordeten.

Roses unkluge und historisch falsche Schönfärbung der polnischen Rolle beim Völkermord an den europäischen Juden ist Futter für polnische und andere Antisemiten, die den Holocaust als geringfügiges, im Wesentlichen bedeutungsloses Ereignis trivialisieren, der des Gedenkens nicht wert sei. Roses Rede untergräbt die Legitimität der Erinnerung an den Holocaust. Sie diskreditiert jene jüdischen Schoa-Überlebenden, die selbst oder deren Angehörige von Polen getötet oder verraten wurden.

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Die Historikerin Barbara Engelking zitiert in einem ihrer Bücher Chaja Comber. Sie hatte berichtet, wie ein Pole ihren Bruder schlug, ihm sagte, er habe »lange genug gelebt«, und ihn dann an deutsche Soldaten übergab, welche ihn erschossen.

Engelking zitiert auch Jankel Kopiecs Bericht darüber, wie im Juni 1943 eine Gruppe von Polen acht Mitglieder seiner Familie angriff, die bei einem Bauern im Südwesten Polens Zuflucht gefunden hatten. »Sie raubten ihnen alles«, erinnerte er sich, »und nahmen sogar dem kleinen Kind die Schuhe weg und führten es in den Wald.«

Rose hat die Zeugnisse von Überlebenden als Lüge abgetan

Kopiec beschrieb, wie die Männer seinen Bruder »bis zur Bewusstlosigkeit« schlugen, ihn dann auf einen Karren luden, festbanden und den Deutschen übergaben. Kopiec fügte hinzu, dass er später herausgefunden habe, dass alle Mitglieder seiner Familie »auf dem jüdischen Friedhof erschossen wurden«. Mit seiner Warschauer Rede hat Botschafter Rose Chaja Comber, Jankiel Kopiec und alle anderen Überlebenden, die ähnliche Erfahrungen machten, als Lügner abgetan. Schlimmer noch: Er hat es in seiner Funktion als offzieller Vertreter der Vereinigten Staaten von Amerika getan.

Eine solche Verfälschung des Holocaust darf nicht einfach hingenommen werden – nicht zuletzt, weil die von Rose geäußerten Ansichten der Politik der USA zuwiderlaufen. Die Globalen Leitlinien zur Bekämpfung von Antisemitismus, die im Juli 2024 vom State Department unter Joe Bidens Präsidentschaft  verabschiedet wurden und die bislang auch von der Trump-Regierung befolgt wurden, machen unmissverständlich klar, dass die Verfälschung des Holocaust »eine besonders schädliche Form von Antisemitismus« darstellt.

Amerikas Glaubwürdigkeit steht auf dem Spiel

Eines von der IHRA-Arbeitsdefinition genanntes Beispiel für Antisemitismus ist die »Leugnung der Tatsache, des Ausmaßes, der Mechanismen (z. B. Gaskammern) oder der Absicht des Völkermords an den Juden durch das nationalsozialistische Deutschland und seine Unterstützer und Komplizen während des Zweiten Weltkriegs (der Holocaust)«.

Trumps Außenminister Marco Rubio setzt sich seit langem für die Erinnerung an den Holocaust ein und kämpft gegen alle Formen des Antisemitismus, einschließlich der Leugnung und Verfälschung der Schoa. Rubio sollte die Äußerungen seines Botschafters zurückweisen und ihn auffordern, sie zu widerrufen und sich zu entschuldigen.

Tut er das nicht, dürfte von der historisch starken Haltung der USA in Bezug auf die Erinnerung an den Holocaust nicht viel übrig bleiben.

Menachem Rosensaft wurde 1948 als Sohn zweier polnischer Auschwitz-Überlebender im DP-Lager Bergen-Belsen geboren. Er ist Dozent an der Cornell Law School und der Columbia University in New York. Rosensaft war von 2009 bis 2023 Justiziar des Jüdischen Weltkongresses (WJC).

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