Ich habe ein Lieblingscafé in meinem Düsseldorfer Stadtteil Pempelfort. Abgesehen von dem hervorragenden Kaffee ist es ein wunderschöner, internationaler Mikrokosmos. Hier sitzen Manager im Maßanzug neben Sozialarbeitern und Studierenden. Man hört Deutsch, Englisch, Französisch, Spanisch. Christen, Juden und Muslime, Russen und Ukrainer sitzen hier und reden respektvoll miteinander. Man könnte meinen: eine heile Welt.
Warum also schleicht sich bei mir ein großes »Aber« ein?
Weil sich der Ton verändert hat. In letzter Zeit hört man am Nebentisch immer öfter Sätze, die mit den Worten beginnen: »Die AfD ist zwar schlecht für Deutschland, aber …« Es folgt meist eine Abrechnung mit der gefühlten Inkompetenz der Regierung und dem Brüsseler Apparat. Das Erschreckende daran ist, dass diese Sätze nicht von klassischen Wutbürgern stammen. Sie kommen von engagierten Menschen, die sich eigentlich um Menschenrechte und die Schere zwischen Arm und Reich sorgen. Sie kommen von Menschen mit Migrationshintergrund. Und natürlich von Urdeutschen.
Während die AfD in einigen Bundesländern an der 40-Prozent-Marke kratzt, scheint der Politik in Berlin wenig einzufallen, was das Leben der Bürger nicht teurer macht. Die Entfremdung zwischen Regierenden und Regierten wird mit jedem Kaffee, den ich trinke, greifbarer.
Der Trend ist bitter: Das Vertrauen in die etablierten Parteien hat einen historischen Tiefpunkt erreicht.
Letzte Woche saß ich im Café, als am Nachbartisch – besetzt mit Männern und Frauen – über einen Artikel der Welt diskutiert wurde: 751 Gruppenvergewaltigungen allein im Jahr 2025. Das sind zwei Taten pro Tag, die Dunkelziffer nicht eingerechnet. Die lähmende Frage im Raum war: Wie konnte es passieren, dass wir so etwas achselzuckend als neue Normalität hinnehmen, ohne dass Millionen auf die Straße gehen?
Gleichzeitig wächst das Misstrauen in die Transparenz des Staates. Dass die Bundesregierung das Informationsfreiheitsgesetz einschränken will, wird hier scharf diskutiert. Die Menschen vergessen nicht: Die Maskenaffäre der Union, der Augustus-Intelligence-Skandal oder die Intransparenz bei manchen NGOs – all das hat tiefe Wunden hinterlassen. Wenn der Staat nun die Fenster zur Wahrheit schließt, wirkt das wie ein Eingeständnis.
Der Trend ist bitter: Das Vertrauen in die etablierten Parteien hat einen historischen Tiefpunkt erreicht. Doch in Berlin scheint man das entweder nicht zu sehen oder man ignoriert es geflissentlich, weil die Realität nicht zur eigenen politischen Ideologie passt. Genau hier liegt die Gefahr. Die Menschen haben das Gefühl, dass sich die Hiobsbotschaften täglich überschlagen, während die Politik im »Weiter so«-Modus verharrt.
Als Jude erfüllt mich diese Normalisierung der politischen Ränder mit tiefer, existenzieller Sorge. Wenn im bürgerlichen Milieu die Hemmschwellen fallen, betrifft uns das als jüdische Gemeinschaft zuerst. Die AfD inszeniert sich zwar gern als Schutzmacht gegen den importierten Antisemitismus, doch ihre eigene Ideologie ist zutiefst völkisch, geschichtsrevisionistisch und offen antisemitisch. Wenn eine solche Partei zur gestaltenden Kraft wird, wackelt das Fundament, auf dem unser Leben im Nachkriegsdeutschland aufgebaut ist.
Den Menschen in meinem Café ist auch bewusst, dass die AfD keine echten Lösungen bietet. Aber weil die etablierten Parteien gefühlt seit Jahren die Probleme verschleppen, greift eine gefährliche Dynamik: Die AfD wird von immer mehr Menschen – quer durch alle Schichten – als das vermeintlich kleinere Übel wahrgenommen.
Und genau das sollte uns allen, und vor allem den Verantwortlichen in Berlin, schlaflose Nächte bereiten.
Der Autor ist freier Publizist und lebt in Düsseldorf.