Meinung

Was würden Saba und Safta sagen?

Avitall Gerstetter Foto: Salon Avitall

Der 27. Januar ist für mich in jedem Jahr mit einer seltsamen Mischung von Gefühlen verbunden. Da ist diese Trauer, die ich gar nicht erklären kann. Ich denke an die Verwandten, die in Auschwitz und anderen Vernichtungslagern ermordet wurden, die Familienmitglieder, die ich nie kennengelernt habe, zu denen ich aber eine Verbindung spüre.

Meine Großeltern sind im Jahr 1938 nach Palästina geflüchtet, dem britischen Mandatsgebiet. Die Schoa war nur selten ein Thema, über das bei uns offen gesprochen wurde. Es war meine Großtante, die mir die Geschichte zu ihrer Nummer auf dem Unterarm bei einem meiner Ferienbesuche in Israel erklärte. Ich war gerade der Grundschule entwachsen und habe das Ausmaß dieser Katastrophe nicht einordnen können. Mein Großvater hat im Gegensatz zu meiner Großmutter Deutschland und Österreich nie wieder betreten, obwohl er, in Wien geboren, diese andere, sehr kultivierte Welt geliebt hat.

In diesen Tagen denke ich häufig an Saba und Safta und stelle mir die Frage, was sie wohl zu den Ereignissen in Deutschland und anderswo in Europa, gerade nach dem 7. Oktober 2023, sagen würden. Es war dieses »Nie wieder« aus dem heute ein »Nie wieder ist jetzt« geworden ist und in wenigen Monaten ein »Nie wieder ist wirklich jetzt« werden wird.

Was würden sie wohl sagen zu dem Versagen der Politik, zum gesamtgesellschaftlichen Versagen, das wir erneut mit Entsetzen zur Kenntnis nehmen müssen?

Der 27. Januar 1945 kam zu spät. Über sechs Millionen Juden, davon anderthalb Millionen Kinder, waren ermordet worden.

Worin sah und sieht man die Bedrohung durch Juden für unser gesellschaftliches Zusammenleben? Die Katastrophe des jüdischen Volkes ist auch eine Katastrophe der Versäumnisse durch die Bevölkerung Europas. Auch heute beobachten wir wieder, dass Menschen ihren moralischen Kompass ausstellen und Judenhass in einem nicht unerheblichen Teil dieser Gesellschaft goutiert wird.

Dabei war doch der Beitrag des jüdischen Volkes an Kultur, Wissenschaft und Wirtschaft vor der Schoa überproportional hoch im Vergleich zur eigentlichen Größe unseres Volkes. Auch heute zeugen viele Wissenschaftler, Menschen aus Wirtschaft und Kultur, Schriftsteller und Musiker davon, dass unser Interesse am Gedeihen unseres jeweiligen Heimatlandes ungebrochen groß ist.

Was würden sie sagen zu unseren Kindern, die in Schulen, nicht nur in Neukölln, sondern auch im Herzen Charlottenburgs, ausgegrenzt und bedroht werden - meistens durch irregeleitete muslimische Kinder? Dies geschieht auch an einer Schule, die das Wort »Frieden« in ihrem Namen trägt. Es sind unsere Kinder, die sich nicht trauen, ihre Zugehörigkeit zum Judentum offen zu bekennen und die in manchem Sportverein mit »Scheiß Jude« beschimpft werden.

Was würden Saba und Safta sagen zu der Tatsache, dass wir uns als jüdische Community in Deutschland nicht mehr sicher fühlen und viele von uns über alternative Wohnorte nachdenken?

Sie würden uns zurufen: Wehrt euch gegen diesen Hass! Erzählt unsere Geschichten und erklärt, und wie unser Leben hätte verlaufen können, ohne diesen Judenhass. Stellt euch dieser Ausgrenzung entgegen! Schließt euch mit denen zusammen, die in Deutschland bisher schweigen, aber dennoch die Mehrheit darstellen.

Fordert die Politiker auf, nicht nur Denkmäler zu enthüllen, sondern zusammen mit Juden und Jüdinnen jüdisches Leben zu gestalten, statt »jüdische« Projekte ohne Juden zu initiieren.

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