Kommentar

Was hat Künstliche Intelligenz mit Antisemitismus zu tun?

Roman Haller Foto: picture alliance / SZ Photo

Immer wieder werde ich bei Vorträgen über Erinnerungskultur gefragt, was gegen den rasant anwachsenden Antisemitismus getan werden könne. Eine einfache Antwort darauf gibt es nicht. Zu komplex ist die Gemengelage, mit der wir heute konfrontiert sind.

Antisemitismus speist sich aus unterschiedlichen Quellen: aus rechts- und linksextremen Ideologien, aus religiösem Fanatismus, aus Verschwörungserzählungen in sozialen Netzwerken und nicht zuletzt auch aus gesellschaftlichen Milieus, in denen Judenhass seit Generationen vermittelt wird. Hinzu kommt, dass Menschen aus Staaten nach Europa kommen, in denen antisemitische Narrative teilweise noch immer Bestandteil von Schulbüchern, Medien oder staatlicher Propaganda sind.

Wer die aktuelle Entwicklung verstehen will, darf diese unterschiedlichen Ursachen weder gegeneinander ausspielen noch verharmlosen.

Einseitige Darstellungen

Eine Gefahr jedoch wird häufig unterschätzt: die Macht moderner Medien und insbesondere die Rolle künstlicher Intelligenz bei der gezielten Manipulation von Informationen. Gerade wenn es um Israel und den Nahen Osten geht, erleben wir immer wieder eine Flut emotionalisierter, verkürzter oder bewusst einseitiger Darstellungen. Bilder und Videos verbreiten sich millionenfach innerhalb weniger Stunden – oft noch bevor ihre Echtheit überprüft werden kann.

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Neu ist dabei die Geschwindigkeit und Perfektion, mit der künstliche Intelligenz inzwischen Inhalte erzeugen kann. KI-generierte Bilder, Videos oder Stimmen sind heute teilweise kaum noch von echten Aufnahmen zu unterscheiden. Dadurch entsteht eine neue Dimension der Desinformation. Falschmeldungen können gezielt Emotionen schüren, Feindbilder verstärken und Ressentiments gegen Juden oder gegen den Staat Israel befördern.

Wir wissen aus der Geschichte, wie wirkmächtig Propaganda sein kann. Schon immer wurden manipulierte Informationen eingesetzt, um Hass zu erzeugen und gesellschaftliche Stimmungen zu beeinflussen. Der Unterschied heute besteht darin, dass digitale Technologien diese Mechanismen in nie dagewesener Geschwindigkeit vervielfachen. Was früher Tage oder Wochen brauchte, erreicht heute binnen Minuten Millionen Menschen weltweit.

Strengere Sorgfaltspflichten

Besonders problematisch ist, dass spätere Richtigstellungen meist nur einen Bruchteil der Öffentlichkeit erreichen. Die ursprüngliche emotionale Wirkung bleibt bestehen – selbst dann, wenn sich eine Meldung später als falsch herausstellt. Studien zur Medienwirkung zeigen seit Jahren, dass Menschen einmal verankerte Bilder und Narrative nur schwer wieder korrigieren.

Deshalb reicht es nicht mehr aus, erst im Nachhinein aufzuklären. Demokratien müssen sich die Frage stellen, wie sie den Missbrauch künstlicher Intelligenz zur gezielten Desinformation begrenzen können, ohne dabei die Meinungsfreiheit einzuschränken. Notwendig wären klare gesetzliche Regelungen für die Kennzeichnung KI-generierter Inhalte, strengere Sorgfaltspflichten für Plattformen und Medien sowie empfindliche Strafen bei bewusst verbreiteten Falschmeldungen, die der Manipulation der Öffentlichkeit dienen.

Genauso wichtig ist jedoch die Stärkung von Medienkompetenz. Wer Informationen konsumiert, muss lernen, Quellen kritisch zu prüfen, Bilder zu hinterfragen und digitale Manipulationen zu erkennen. Erinnerungskultur im 21. Jahrhundert bedeutet daher nicht nur, an die Vergangenheit zu erinnern, sondern auch, neue Formen von Hetze und Propaganda frühzeitig zu erkennen.

Antisemitismus beginnt selten mit Gewalt. Er beginnt oft mit Worten, Bildern, Verzerrungen und gezielt erzeugten Feindbildern. Künstliche Intelligenz kann dabei zu einem mächtigen Werkzeug werden – im Guten wie im Schlechten. Umso wichtiger ist es, dass Politik, Medien und Gesellschaft dieser Entwicklung nicht tatenlos zusehen. 

Der Autor ist ehemaliger Direktor der Jewish Claims Conference für Deutschland.

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