Michael Roth

Warum Jean Asselborn nicht mehr mein Freund ist

Eine Freundschaft zu beenden, fällt schwer. Auch in der Politik, der man oft unterstellt, keine Freundschaften, sondern nur Zweckbündnisse auf Zeit zu kennen.

Mein Verhältnis zu Jean Asselborn war definitiv mehr als ein Bündnis mit eingepreistem Verfallsdatum. Ich habe zum langjährigen Außen- und Europaminister Luxemburgs – er amtierte von 2004 bis 2023 – aufgeschaut, ihn bewundert und manches von ihm gelernt. Aber nach seinem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung von »Jung & Naiv« ist für mich nichts mehr so, wie es einmal war.

Rund eine halbe Stunde des zweieinhalbstündigen Gesprächs dreht sich um den Nahostkonflikt. Und Jean Asselborn sagt darin Sätze, die weh tun. Sätze wie »Die Lobby hat das alles weggewischt«, »Der Einfluss der Israelis ist riesig groß, nicht nur der offiziellen Israelis« und »Das kommt einem so vor, wie wenn verschiedene Länder gekauft wären von den Israelis - gekauft wären von der israelischen Regierung«.

Wer ein Gespräch mit Tilo Jung führt, muss wissen, worauf man sich einlässt. Nur wenige Journalisten beherrschen die Täter-Opfer-Umkehr so perfide wie er. Bereits lange vor dem furchtbaren Terroranschlag der Hamas auf unschuldige Israelis am 7. Oktober 2023, der Verschleppung von rund 250 Menschen, zeugten seine publizistischen Einlassungen von einer tiefsitzenden Abneigung gegen den demokratischen Rechtsstaat Israel und einer geradezu naiven Schönfärbung der Schreckensherrschaft von Hamas in Gaza.

Jung straft all diejenigen Lügen, die wider besseres Wissen behaupten, man dürfe in Deutschland keine Kritik an Israel üben. Selbstverständlich kann und darf man das. Inzwischen sind nicht nur bei ihm alle Dämme gebrochen.

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Jean Asselborn hat in seinem politischen Leben unendlich viele Interviews gegeben. Er war auch Dauergast in deutschen Medien, ob zur frühen Stunde im Deutschlandfunk oder zur Prime-Time in den sonntäglichen Talkshows. Einen halbseidenen Journalisten, der gerne durch insistierende Fragesalven Pressesprecherinnen und Politiker zur Weißglut zu bringen versucht, musste er nun wirklich nicht fürchten.

Asselborn war der am längsten amtierende Außenminister in Europa. Er war der Doyen der Chefdiplomaten in der EU. Ich habe ihn vor allem in meiner Zeit als Staatsminister für Europa im Auswärtigen Amt kennengelernt.

Von 2013 bis 2021 trafen wir uns einmal im Monat im Rat der Europaministerinnen und -minister in Brüssel oder in Luxemburg. Im Kampf gegen den wachsenden Autoritarismus und in der Verteidigung der EU als Wertegemeinschaft konnte man sich keinen besseren Alliierten wünschen. Er war ein europäischer Föderalist alter Schule. Asselborn wollte davon auch nicht ablassen, als andere längst vor der Sachzwangslogik der nationalistischen Egoisten in der EU in die Knie gingen.

Verdienter europäischer Politiker

Europa hat ihm viel zu verdanken. Ich habe ihm viel zu verdanken. Er ist ein rastloser Handlungsreisender für die europäische Sache, zählt den heutigen Bundespräsidenten zu seinen engen Freunden und erhielt in seinen fast 19 Jahren an der Spitze des Außenministeriums des Großherzogtums zahlreiche Auszeichnungen und Ehrungen.

Beim Thema Nahost waren wir uns hingegen häufig uneins. Über Lügen und Vergehen der Verantwortlichen in den Palästinensergebieten sah er gerne mal hinweg, in der EU gehörte er zu den schärfsten Kritikern Israels. Er gefiel sich eben auch beim sensiblen Thema Naher Osten als Klartext-Politiker. Damit wurde er der Komplexität der Lage nicht immer gerecht. Asselborn ist Bürger und Politiker eines Landes, das von Nazi-Deutschland besetzt und unterjocht wurde. Ich versuchte, sein »loses Mundwerk« im Umgang mit Israel zu verstehen.

Michael Roth und Jean Asselborn bei einem EU-Ratstreffen in Brüssel 2014Foto: Rat der Europäischen Union

Dass es Israel als sichere Heimstatt für Jüdinnen und Juden ohne den Zivilisationsbruch der Schoa vermutlich nicht geben würde, spielte in seinem Denken und Handeln eine untergeordnete Rolle. Wo ich eine besondere deutsche Verantwortung und eine tiefe Freundschaft zu Israel als Verpflichtung sah, galt für Jean das Prinzip »Business as usual«. Aber das muss eine politische Freundschaft aushalten.

Aber Asselborns Interview mit Tilo Jung schockiert mich. Einige Aussagen über Israel klingen geradezu boshaft und perfide. Er lässt fast nichts aus, was das Handbuch antizionistischer Verschwörungstheorien bereithält.

Nun ist es nicht so, dass ich manche Kritik von ihm nicht teilen würde. Auch ich distanziere mich vom völkerrechtswidrigen Siedlungsbau im Westjordanland, von der brutalen Gewalt israelischer Siedler gegen Palästinenser, von den widerlichen Gewaltobsessionen rechtsnationalistischer Regierungsmitglieder.

Meine Naivität habe ich abgelegt

Hier stimme ich mit Asselborn und den vielen anderen Kritikern israelischer Regierungspolitik genauso überein wie in der Forderung, dass humanitäre Hilfe palästinensische Zivilistinnen und Zivilisten unverzüglich und ausnahmslos erreichen muss. Auch bei der Forderung, die Gewalt gegen unschuldige Kinder, Frauen und Alte in Gaza zu stoppen, gehe ich mit. Selbstverständlich kennt auch mein Mitgefühl und meine Trauer keine Grenzen, wenn palästinensische Eltern den Tod ihrer Kinder beweinen.

Aber warum ist es für so viele nicht möglich, harte Kritik an israelischer Politik zu üben, ohne antisemitischen Mist zu verbreiten und dem Hass auf Israel freien Lauf zu lassen? Es ist mir unbegreiflich, wie ein erfahrener, kluger, rhetorisch versierter Außenpolitiker so kläglich daran scheitert, Ambiguitäten nüchtern zu beschreiben und diese Widersprüche auch auszuhalten.

Meine Naivität habe ich längst abgelegt. Ich weiß inzwischen um den Hass auf Israel, Jüdinnen und Juden in Teilen der migrantischen Community mit arabischen, türkischen und muslimischen Wurzeln. Es überrascht mich nicht mehr, wenn in meinem eigenen linken Milieu die Verbindung zwischen Schoa und Gründung des Staates Israels eiskalt gekappt und die einzige Demokratie im Nahen Osten als kolonialistischer Apartheidstaat diffamiert wird.

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Ich höre das dröhnende Schweigen des akademischen Milieus, wenn Menschen, nur weil sie jüdisch sind, an unseren Hochschulen beleidigt, bedroht und ausgegrenzt werden. Ich sehe den Furor, mit denen Linksliberale die Freiheit von Kunst und Wissenschaft vor allem daran bemessen, wie hemmungslos man antisemitische Hetze verbreiten darf. Das entsetzt mich nach wie vor. Aber es überrascht mich nicht mehr.

Geraune rechtsextremer Kreise

Doch jetzt äußert sich ein Freund und politischer Weggefährte so. Jean Asselborn raunt von Israelis, die angeblich andere Länder kaufen. Er spricht von einer einflussreichen Lobby, die Brüssel in die Knie zwingt. Ganz ehrlich, das klingt nicht viel anders als das, was alte und neue Nazis seit Ewigkeiten verbreiten: »Das internationale Judentum macht sich die Welt untertan«.

Den Vorwurf, von Juden gekauft worden zu sein, höre auch ich nahezu täglich. Mal wird mir vorgeworfen, der jüdische Milliardär George Soros bezahle mich, um »Farbrevolutionen« in Osteuropa anzuzetteln. Dann wird mir unterstellt, ich stünde auf der Gehaltsliste der Netanjahu-Regierung, um öffentlichkeitswirksam den »Genozid« am palästinensischen Volk zu leugnen.

Exakt in diesem rhetorischen Fahrwasser des widerlichsten Antisemitismus bewegt sich Jean Asselborn. Als wäre das fortwährende Geraune rechtsextremer Kreise nicht schon schlimm genug, bedient ein linker Politiker, ein Sozialdemokrat, ein passionierter Europäer, ein Freund des Friedens und der Freiheit, genau dieses Narrativ.

»Ich kann gar nicht so viel essen, wie ich kotzen möchte.« Das bekannte der Berliner Maler Max Liebermann nach Hitlers Machtübernahme 1933. Ähnlich fühle ich mich in diesen Tagen. Es tut weh, das einzugestehen.

Gerne hätte ich Jean Asselborn und mir dieses Eingeständnis erspart.

Der Autor saß von 1998 bis 2025 für die SPD im Bundestag und war von 2013 bis 2021 Staatsminister im Auswärtigen Amt mit Zuständigkeit für die Europapolitik. Zuletzt war Michael Roth Vorsitzender des Auswärtigen Ausschuss des Bundestages.

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