Gastbeitrag

Warum ich Zionistin bin

»Auf die Entscheidungsträger in der Politik war bisher immer Verlass. Jetzt ist das anders«: Stefanie Galla

Ich bin nicht jüdisch und möchte mir daher nicht anmaßen, für Juden zu sprechen. Aber ich habe gestern so viele Nachrichten bekommen, dass die Koffer schon lange gepackt seien. Jetzt würden die Absender der Nachrichten wohl wirklich nicht mehr bleiben wollen.

Es reißt mir das Herz raus. Ich kann schon länger nicht mehr auf solche Überlegungen antworten wie »das wird schon alles, Ihr werdet hier auch in Zukunft sicher sein«. Diese Verantwortung kann ich schon lange nicht mehr übernehmen.

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Auch für uns israelsolidarische Nichtjuden fühlt es sich derzeit wie Orwell an. Wir kennen Israel, waren oft da, haben Freunde dort. Freunde, mit denen wir uns Nachrichten schreiben, während sie in den Bunkern sitzen. Als der erste Iran-Angriff kam, waren auch wir fertig. Es war zwar nicht davon auszugehen, dass die Mullahs dreckige Bomben abwerfen - waren auch fast nur Drohnen -, aber wir wussten ja nicht, wie schlimm es wirklich werden wird. Nicht nur ich, die meisten werden die ganze Nacht wach geblieben sein und mit Angst um unsere Freunde die Anschlagswellen verfolgt haben.

Das ist das eine. So eine Realität, die irgendwie wie ein Paralleluniversum ist. Viel schlimmer ist aber, was einem dieses Gefühl von Orwell gibt, wenn man hier die Medien und Diskussionen verfolgt: Sie beschreiben ein Israel, das nicht der Realität entspricht. Die Regierung in Israel finde ich auch Mist. Aber es wäre niemals möglich, dass sie dafür sorgt, dass die Israelis bewusst Kinder erschießen, gewollt Menschen aushungern.

Wir erfuhren beispielsweise aus den israelischen Medien, dass es genug Hilfsgüter gibt, dass eine Organisation zur Verteilung aufgebaut wird, weil Hamas die Güter wieder unterschlägt und UNRWA wie immer dabei mithilft. Wenn wir dies hier sagten, wurde uns israelische Propaganda unterstellt.

Es gibt keine Verschwörung der israelischen Medien. Davon sind viele regierungskritisch, die wirklich alles, was der Ministerpräsident macht, aufspießen. Auch was die IDF machen.

Und hier lasen wir wochenlang, Israel lässt Gaza aushungern. Seit 20 Jahren geht das so. Geballt wird Israel das übelste unterstellt in unseren Medien und wenn sich dann wie jetzt wieder, wie immer, einfach wie immer seit 20 Jahren herausstellt, ist alles doch nicht so, liest man keine seitenlangen Gegendarstellungen. Das Bild des brutalen Aggressors Israel wird so immer mehr in den Köpfen manifestiert. Man darf sich nicht wundern, wenn Israel gehasst wird, so wie es hier dargestellt wird.

Dass dies einmal passiert, meinetwegen zwei oder dreimal, aber immer? Seit 20 Jahren. Die Medien rauf und runter, was Israel wieder Böses machte und dann kleine Meldung, ach doch nicht.

Auf die Entscheidungsträger in der Politik war aber bisher immer Verlass. Die wissen es besser und schwimmen auf der Welle nicht mit. Jetzt ist das anders. Merz hat die Prinzipien der Union verraten, er hat Israel verraten und die Juden hier bei uns.

Es hätte genug Mittel gegeben, Druck auf Netanjahu auszuüben. Bei Israel zieht er die schärfste Karte, Entwaffnung. Er sagt zwar richtigerweise, die Terrororganisation Hamas müsse entwaffnet werden, aber raubt symbolisch dem einzigen, der das übernehmen will, dafür die Waffen. Hamas kommt aber ungeschoren davon. Null Konsequenzen. Alles weiter wie vorher.

Merz wird in die Geschichtsbücher eingehen als der, der das Prinzip der Staatsraison verrät und den Juden das Vertrauen in die Politik nahm. Es war ein historischer Tag.

Stefanie Galla ist Juristin und lebt in Köln

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