Meinung

Warum es auch schwerfällt, die gelbe Schleife abzulegen

Wir waren im Wohnzimmer, als ich an das Revers meiner Jacke griff, und mein Mann bleich wurde. Vorsichtig nahm ich die gelbe Schleife ab und legte sie ins Regal. »Aber der gelbe Schmetterling bleibt«, sagte Avi und zeigte auf einen gestrickten Anstecker, den wir auf einem Solidaritätskonzert bekommen und in unseren Vorhang gesteckt hatten. Er könne es doch alles noch gar nicht begreifen.

Als ich am Montag erfuhr, dass die Leiche von Ran Gvili, der letzten Geisel in Gaza, endlich gefunden worden war, und das erste Mal seit 2014 kein einziger Israeli mehr von den Terroristen dort gefangen gehalten wird, um Israel zu erpressen, weil die Hamas weiß, dass Israelis das Leben so sehr lieben wie sie den Tod, blieb ich erstaunlich gefasst. Was vielleicht auch am Arbeitsadrenalin lag. Ich lief gerade über den Redaktionsflur, und ein Kollege rief uns allen die gute Nachricht zu.

843 Tagen, 12 Stunden, 5 Minuten und 59 Sekunden

Nach mir gegriffen hat der plötzliche Abfall der inneren Anspannung und Nervosität erst nach der Arbeit, auf dem Nachhauseweg in der U-Bahn. In einem Video sah ich, wie auf dem Platz der Geiseln in Tel Aviv die große Uhr, die seit dem 7. Oktober mit ihrer roten LED-Anzeige den seit dem 7. Oktober nicht enden wollenden Schmerz bezifferte, nach 843 Tagen, 12 Stunden, 5 Minuten und 59 Sekunden abgeschaltet wurde. »Am 7. Oktober ist unsere Uhr stehengeblieben. Jetzt können wir diese Uhr endlich anhalten«, sagte Ran Gvilis Schwester Shira an diesem Abend.

Lesen Sie auch

Der ewige Kopfschmerz, der seit zwei Jahren und drei Monaten normal war, ließ plötzlich nach, und in mir stiegen Tränen hoch. So wie am 9. Oktober 2023, als mein Mann nach Israel flog, um Familie und Land zu unterstützen, und niemand wusste, wie gefährlich die Lage dort gerade noch war. So wie am 15. Dezember 2023, als die israelische Armee in Gaza versehentlich die Geiseln Alon Shamriz, Yotam Haim und Samer Talalka erschoss, die sich selbst befreit hatten. So wie Ende August 2024, als bekannt wurde, dass die IDF die Leichen der Geiseln Hersh Goldberg-Polin, Alexander Lobanov, Eden Jeruschalmi, Ori Danino, Almog Sarusi und Carmel Gat gefunden hatte, die kurz zuvor von der Hamas in einem Tunnel bei Rafah hingerichtet worden waren. So wie am 26. Februar 2025, als Kfir, Ariel und Shiri Bibas beerdigt wurden. So wie am 13. Oktober 2025, als sämtliche noch lebenden Geiseln aus Gaza freigelassen wurden, aber Tamir Nimrodi nicht dabei war. Wie so viele andere auch.

Die gelbe Schleife abzulegen, war nicht einfach, weil sie auch zu einem Zeichen der Trauer geworden ist. Eine Kria, dem Riss im Hemd, für viel zu viele Menschen, denen der 7. Oktober 2023 und dessen Konsequenzen das Leben und die Unversehrtheit genommen haben. Ja, wie soll man das Ende der Trauer nach fast 844 Tagen begreifen? Doch hat das Ablegen der Schleife auch Platz geschaffen. Denn in diesem Ende liegt ein Neuanfang, den wir alle dringend brauchen.

Archäologie

Rätsel um antikes Baby-Massengrab

Wissenschaftler der Universität Tel Aviv haben Knochenreste aus der Perserzeit gefunden, die in Tel Aseka bestattet wurden. Etwa 70 Prozent stammen von Kindern unter zwei Jahren

von Sabine Brandes  03.05.2026

Essay

Beim Brandbeschleuniger Israelhass darf der Gesetzgeber nicht länger wegschauen

Wer auf unseren Straßen »Tod Israel« ruft, kann bislang in der Regel ohne strafrechtliche Konsequenzen bleiben. Das zermürbt die Demokratie

von Volker Beck  03.05.2026

Meinung

Wir haben ein Problem – und wir müssen endlich darüber reden

Ein Weckruf über verfehlte Migration, ausländische Einflussnahme und das ohrenbetäubende Schweigen der »Progressiven«

von Jacques Abramowicz  02.05.2026

Israel

Heimkehr nach Nir Oz

Zwischen ausgebrannten Häusern und neuen Plänen versucht ein kleiner Kibbuz nach dem Massaker der Hamas wieder in den Alltag zu finden. Ein Ortsbesuch

von Nils Kottmann  01.05.2026

Mittelmeer

Gaza-Flottille legt ungeplant auf Kreta an

Außenministerium in Jerusalem: Terrorverdacht gegen einen der Teilnehmer – zwei Aktivisten werden nach Israel gebracht

 01.05.2026

Glosse

Wie wird man ein anständiger Antisemit? Tipps und Tricks für Judenhasser

Eine Handreichung

von Daniel Neumann  01.05.2026

Mittelmeer

Israel stoppt Gaza-Flottille auf hoher See

Die 175 Aktivisten an Bord der »Gaza Sumad Flotilla« wurden festgenommen und werden nun nach Israel gebracht

 30.04.2026

Jerusalem

Israel fordert von Großbritannien mehr Einsatz gegen Antisemitismus

Nach einem weiteren Terrorangriff auf Juden wirft Jerusalem London vor, die Lage nicht mehr unter Kontrolle zu haben. Präsident Herzog: »Es ist an der Zeit, dass die Welt aufwacht.«

 30.04.2026

Washington D.C.

US-Regierung wirft PA fortgesetzte Zahlungen von Terror-Renten vor

Im vergangenen Jahr hat die Autonomiebehörde nach amerikanischen Angaben 156 Millionen Dollar (134 Millionen Euro) an Terroristen ausgezahlt

 30.04.2026