Kommentar

Strafanzeige als PR-Gag?

Nicole Dreyfus Foto: Claudia Reinert

Kommentar

Strafanzeige als PR-Gag?

Laut und verwegen ist der Genozid-Vorwurf einer Schweizer Gruppierung gegen den Schweizer Bundesrat Ignazio Cassis. Mit einer Rechtsdebatte hat es aber nichts zu tun

von Nicole Dreyfus  06.02.2026 11:34 Uhr

Was derzeit als »Genozid-Vorwurf« gegen Ignazio Cassis durch die Manege getrieben wird, ist weniger Anklage als Inszenierung. Die Anzeige gegen den Schweizer Bundesrat und Außenminister beim Internationalen Strafgerichtshof (IStGH) in Den Haag ist infam. Es werden Fakten behauptet, die keine sind. Dass sich Bundesrat Cassis des Völkermords in Gaza schuldig gemacht haben soll, wird zur Wahrheit erklärt – natürlich ohne jede gerichtliche Feststellung. Der Begriff Genozid dient hier nicht der Aufklärung, sondern der Eskalation, aber noch viel mehr der PR-Aktion.

Daher ist der Versuch, den Schweizer Bundesrat gleich mit in Haftung zu nehmen, besonders perfide. Es wird ihm Komplizenschaft unterstellt, auch ist das juristisch problematisch. Und das wissen die Urheber dieser IStGH-Anzeige sehr genau. Genau deshalb geht es auch nicht um Recht. Das macht die Sache verwerflich, weil es Aufmerksamkeit um jeden Preis ist, jetzt wo in den Medien der Krieg Gaza vom Konflikt mit dem Iran abgelöst wurde.

Skandalös wird es außerdem dort, wo ehemalige Mitarbeitende des Schweizer Außenministerium EDA öffentlich gegen ihren früheren Arbeitgeber schießen. Ein Akt von Mut? Kaum. Denn wer institutionelle Glaubwürdigkeit genießt, trägt Verantwortung – auch nach dem Ausscheiden.

Gleichzeitig herrscht im Iran eine grauenhafte Realität: Unterdrückung, Hinrichtungen, Terror gegen die eigene Bevölkerung. Doch das interessiert kaum jemanden. Der Fokus bleibt obsessiv auf Gaza gerichtet. Diese selektive Empörung ist kein Zufall – sie lenkt ab, relativiert und nützt letztlich jenen Kräften, die das iranische Regime stützen wollen.

Lesen Sie auch

Dass auch die linke SP auf Social Media dazu Beifall klatscht, setzt dem Ganzen die Krone auf. Die Vorstellung, ein Bundesrat einer anderen Partei könne einfach vor ein internationales Gericht gezerrt werden, das Resultat bewusster Irreführung. Oder ist man in der Linken so naiv, zu glauben, dass damit Frieden im Gaza-Streifen implementiert werden kann?

Es beweist: Andere, mindestens ebenso virulente Konflikte interessieren nicht. Im Zentrum steht einzig und allein die Delegitimierung des jüdischen Staates – ausgetragen auf dem Rücken eines Schweizer Bundesrats. Flankiert von Juristen und »Experten«, die eher als Aktivisten bekannt sind, manche ohne die nötige Distanz zu Plattformen wie Electronic Intifada, die regelmäßig Terror relativieren oder verharmlosen.

dreyfus@juedische-allgemeine.de

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026

Interview

»Es fehlte am fußballerischen Können, nicht am Glück«

Sportreporter-Legende Marcel Reif über das WM-Aus der deutschen Nationalmannschaft, Jürgen Klopp und die Zukunft von Julian Nagelsmann als Bundestrainer

von Michael Thaidigsmann  02.07.2026 Aktualisiert

Meinung

Was Deutschland von Albanien lernen kann

Wer immer noch überrascht tut und nicht konsequenter gegen die Mullahs vorgeht, handelt nicht nur fahrlässig, sondern lädt ihre Killer geradezu ein

von Ralf Balke  02.07.2026

Meinung

Warum Hessens Vorstoß mit der Meinungsfreiheit vereinbar ist

Die Landesregierung will die Leugnung des Existenzrechts Israels unter Strafe stellen. Mit einer veränderten Begründung und anderen leichten Modifikationen wäre der umstrittene Entwurf grundgesetzkonform

von Fiete Kalscheuer  01.07.2026

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026

Meinung

Maccabiah ist gelebte Selbstbehauptung

Gerade jetzt ist es für jüdische Sportler wichtig, in Israel Kraft zu tanken. Es geht nicht nur um Sport, sondern auch um Selbstbehauptung und ein tieferes Verständnis für das Land

von Alon Meyer  30.06.2026

Kommentar

Für Islamisten existiert kein Kindeswohl

In glühender Hitze wurden Kinder von Islamisten gefesselt durch Berlin geführt. Dass so etwas mitten in der Hauptstadt geschehen kann, ist die Folge einer fehlgeleiteten Migrationspolitik

 30.06.2026

Meinung

Georg Restle, die Jüdische Allgemeine und der berüchtigte Scheck aus Jerusalem

Früher hätte man Journalisten wie Restle, die Juden unterstellen, sie seien nur Sprachrohr einer Regierung in Israel, die Eignung als Politik-Redakteure beim Öffentlich-Rechtlichen Rundfunk abgesprochen. Zu Recht

von Michael Thaidigsmann  30.06.2026

Essay

Das Kopftuch, der Zwang und die Freiheit

Die radikalen Kräfte in der muslimischen Community bestimmen zunehmend den Kurs. Wenn dies ohne Gegenwehr von den moderaten Kräften hingenommen wird, ist irgendwann der Kipppunkt erreicht

von Daniel Neumann  28.06.2026 Aktualisiert