Stella Hindemith

Skrupelloses Spiel mit Emotionen

Stella Hindemith Foto: Nina Pieroth

Das Zentrum für Politische Schönheit hat seine Stele jüngst wieder abgebaut. Was bleibt von der Aktion? Seitdem das ZPS im Dezember verkündet hatte, dass es eine mit Asche von Schoa-Opfern gefüllte Stele im Berliner Regierungsviertel aufgestellt hat, haben wir eine Debatte erlebt, deren Gegenstand unbestimmt blieb.

Das ZPS veränderte fortlaufend die Erscheinungsform seines Projekts, die zu ihm veröffentlichten Texte und Informationen. So wurde die Stele zwei Tage nach ihrer öffentlichen Präsentation wieder verhüllt, das ZPS entschuldigte sich für seine Fehler – und fuhr mit seinem Projekt fort. Weitere Stelen tauchten außerhalb Berlins auf; nachdem bekannt gegeben wurde, die Asche aus der Berliner Stele sei an die orthodoxe Rabbinerkonferenz übergeben worden, wurde diese doch noch eingeweiht. Das ZPS nannte sich unterdessen selbst »Sonderbetonkommando«, schimpfte aber, wenn die Stele weiterhin mit dem Holocaust assoziiert wurde.

»SONDERBETONKOMMANDO« Am letzten Wochenende gab Philipp Ruch, Gründer des ZPS, bekannt, in der Stele sei nie Asche von Auschwitz-Opfern gewesen, die Bodenproben seien alle in Deutschland entnommen worden, es könne aber sein, dass sie trotzdem Asche von Opfern der Schoa enthalte. Jedes Statement und jeder Text des ZPS schuf neue Unklarheiten an neuen Stellen in einer ermüdenden Debatte, in der die Opfer, um die es angeblich gehen sollte, immer weiter aus dem Blick gerieten.

Da unklar bleibt, was das Werk eigentlich (gewesen) ist, kann es nicht interpretiert werden.

Mit der Frage, ob sich ihre Asche in den Stelen befindet, wurde so lange gespielt, bis das letzte interessierte Publikum in Resignation oder Gleichgültigkeit versank.

Jeder kritische Text zum Projekt schreibt sich in das manipulative Spiel mit der Öffentlichkeit ein, das das Zentrum für Politische Schönheit spielt, denn jedem Text und jeder Kritik folgt ein neuer Text mit einer neuen Enthüllung, die am Ende neue Unklarheit über das Projekt hinterlässt. Das gehört offenkundig zur Strategie des ZPS: Da unklar bleibt, was das Werk eigentlich (gewesen) ist, kann es nicht interpretiert werden.

SKANDAL Über die Bedeutung eines Werks nachzudenken erübrigt sich, wenn man nicht weiß, worüber gesprochen wird. Argumente haben keine Grundlage. Am Ende dreht sich alles um die Produktion eines Skandals, um die Inszenierung großer Emotionen und die Beherrschung der Interpretation des Werks durch die Künstler selbst. Wo sich das Werk auflöst und der Interpretation entzieht, bleibt allein das Wort des im Rampenlicht stehenden Philipp Ruch. Der sagte im Interview mit dem Tagesspiegel, die Knochen von Menschen auf den Feldern nahe Sobibor seien eine »perfekte Metapher« für den Zustand des Landes.

Knochen sind aber – ebensowenig wie die angeblich oder tatsächlich benutzte Asche - keine Metapher. Sie sind kein Bild, das für etwas steht, sondern die Materialität der Katastrophe selbst.

Die Initiatorin des Mahnmals für die ermordeten Juden Europas, Lea Rosh, gab 2005 bekannt, dass sie einen Zahn, den sie in Belzec gefunden hatte, in einer der Stelen des Mahnmals beisetzen wollte. Jüdische Organisationen und Einzelpersonen zeigten sich entsetzt, ebenso die Leitungen der Gedenkstätten Belzec und Auschwitz. Philipp Ruch hat hierzu erklärt, die damalige Debatte um den Zahn sei Inspiration für sein eigenes Handeln gewesen.

Die Knochen sind keine Metapher für den Zustand des Landes, die Kunst des Zentrums für Politische Schönheit schon.

Wörtlich heißt es im Interview hierzu: »Es ist für mich unfassbar, was bei der Eröffnung des Mahnmals losbrach. Wenn dieses Land schon einen einzelnen Zahn nicht aushält, wie sollte es dann die ganze Asche aushalten?« Juden und die Leitungen der Gedenkstätten werden bei Ruch zu »diesem Land«, das einen Zahn nicht aushält, also – im Gegensatz zum Künstler selbst - erst recht nicht »die ganze Asche«. Diskursiv macht Ruch sie zu denjenigen, die die Erinnerung an die Schoa verweigern. Dazu passt, dass er auf seiner Facebook-Seite die Gruppe um Eliyah Havemann, die Anfang Januar versuchte, die Stele abzubauen, als »Querfrontler« bezeichnete.

Wenn Havemann und die Gruppe Nazis sind, wer ist dann das ZPS? Lea Rosh führte zur Verteidigung ihres Projekts noch an, Juden sollten sich aus der Debatte über das Mahnmal heraushalten, da es sich nicht an sie, sondern an Täternachkommen richte. Das ZPS ist mit seiner Aktion weitergegangen, als Ruch den Nachkommen der Opfer vorwarf, sich nicht erinnern zu wollen oder sie mit Nazis assoziierte. Ob Ruch zu Ende gedacht hat, was er da sagte? Die Knochen sind keine Metapher für den Zustand des Landes, die Kunst des Zentrums für Politische Schönheit schon.

Stella Hindemith ist die Enkelin des Schriftstellers Stephan Hermlin. Das ZPS hatte seinen Stelen außerhalb Berlins ohne Erlaubnis dessen Gedicht »Die Asche von Birkenau« beigefügt. In einem offenen Brief verlangte die Familie deshalb Auskunft darüber, wie viele Installationen an welchen Orten errichtet wurden, wohin die abgebauten Installationen transportiert wurden und wohin die Asche der Toten gebracht wurde. Die Familie fordert zudem das Geld, das im Rahmen des Projekts eingenommen wurde, an Amcha Deutschland und an den Bundesverband der Recherche- und Informationsstellen Antisemitismus e.V. abzugeben. Der Brief wurde bis heute nicht beantwortet.

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