Meinung

Israel: Keine Demokratie ohne Pressefreiheit

Ayala Goldmann, Redakteurin (Kultur/Wissen) Foto: Uwe Steinert

Pressefreiheit ist ein hohes Gut. Leider nicht in den Augen von Israel Katz. Der israelische Verteidigungsminister, der als Sprachrohr von Ministerpräsident Benjamin Netanjahu gilt, hat angekündigt, »Galei Zahal« zum 1. März 2026 schließen zu wollen.

Es geht um den Radiosender der israelischen Armee, der vor 75 Jahren auf Sendung ging und in Israel Kultstatus genießt. Der Slang, die Musikauswahl und die Sendungen, in denen Soldaten und ihre Angehörigen zu Wort kommen, haben Generationen von Hörern geprägt. Dazu kommt das Nachrichtenprogramm von »Galei Zahal«, das durchaus kritisch und nach journalistischen Standards über die Politik der Regierung berichtet – was Katz offenbar missfällt.

»Was war, wird nicht länger sein«, verkündete der Verteidigungsminister diese Woche. Der Armeesender habe als Stimme und Ohr für Soldaten der israelischen Armee und ihrer Familien zu dienen – und »nicht als Plattform für Meinungen, von denen viele die Armee und ihre Soldaten attackieren«. In den vergangenen Jahren und insbesondere während des Gaza-Krieges, so Katz, hätten sich viele Soldaten – inklusive Familien, die Angehörige verloren haben – darüber beschwert, »dass der Sender sie nicht repräsentiert und den Kriegsanstrengungen und der Moral schadet«.

Nun lässt sich prinzipiell darüber streiten, ob eine Armee ein Radio betreiben soll oder ob der Sender einer Reform bedarf. Doch die Ankündigungen von Katz stehen nicht im luftleeren Raum. In der Regierung von Netanjahu wurde wiederholt auch diskutiert, den öffentlich-rechtlichen Rundfunksender »Kan« zu schließen oder zu privatisieren – was zur Folge haben könnte, dass Israel nicht mehr am Eurovision Song Contest teilnehmen könnte, falls der Sender nicht mehr Mitglied der Europäischen Rundfunkunion wäre.

Vorwürfe wegen versuchter Beeinflussung von Medien im Korruptionsprozess

Dass »Galei Zahal« und »Kan« immer wieder auch über den Korruptionsprozess gegen Netanjahu berichten – in dem es unter anderem um den Vorwurf des Versuchs der Beeinflussung von Medien wie der Webseite »Walla« geht –, scheint einer der Beweggründe für den »Feldzug« gegen unabhängige Medien zu sein und dafür, dass man lieber mit privaten Kanälen zusammenarbeitet, von denen man sich eine regierungsfreundlichere Berichterstattung verspricht.

Was führende Likud-Politiker von kritischem Journalismus halten, brachte am besten die derzeitige Verkehrsministerin Miri Regev im Jahr 2016 zum Ausdruck, als sie noch Kulturministerin war. Sie fragte: »Welchen Sinn hat öffentlicher Rundfunk, wenn wir ihn nicht kontrollieren können?«

»Welchen Sinn hat öffentlicher Rundfunk, wenn wir ihn nicht kontrollieren können?« fragte Ministerin Miri Regev 2016.

Doch ganz so einfach, wie sich mancher Minister die Schließung israelischer Radiosender vorstellt, ist es zum Glück nicht. Die Existenz des Armeesenders ist gesetzlich geregelt. Um »Galei Zahal« abzuschalten, müsste das Gesetz geändert werden. Wahrscheinlicher scheint, dass der Sender sein Nachrichtenprogramm verlieren und nur noch Unterhaltung liefern könnte. Aber auch das wäre ein Schritt in die falsche Richtung.

Einspruch von Staatspräsident Herzog gegen die Schließung von »Galei Zahal«

Israels Präsident Isaac Herzog hat die Gefahr erkannt. Die Schließung von »Galei Zahal« wäre ein Fehler, sagte er am Donnerstag und wählte deutliche Worte: »Ein Medium abzuschalten, insbesondere ein öffentliches Medium, bedeutet nicht nur, einen Sender zu schließen, sondern ein Fenster zur Öffentlichkeit. Wenn Stimmen ausgelöscht werden, verlieren wir nicht nur eine Frequenz, sondern den Dialog. Wir können Änderungen vornehmen, aber nicht ein kritisches demokratisches Werkzeug völlig ausradieren.«

Eingriffe in die Medienlandschaft, wie Israel Katz sie sich vorstellt, sind nicht nur nach Meinung der israelischen Journalistengewerkschaft indiskutabel. Sie wären der Anfang vom Ende der offenen und pluralistischen israelischen Gesellschaft, die sich jahrzehntelang durch lebendige Diskussionen und einen sehr direkten Meinungsaustausch ausgezeichnet hat.

Auch jüdische Journalisten in der Diaspora sollten sich solidarisch mit ihren israelischen Kolleginnen und Kollegen zeigen. Wenn deren Stimmen zum Schweigen gebracht werden sollen, müssen wir Einspruch erheben. Denn wenn die derzeitige Regierung ihren Kurs bis zum bitteren Ende durchzieht, wird es irgendwann keinen jüdischen demokratischen Staat mehr geben, den wir mit guten Gründen gegen Kritik verteidigen können.

Meinung

KI-Warnung: ehrlich oder eigennützig?

Wenn Künstliche Intelligenz wirklich so gefährlich zu werden droht, wäre nicht freiwillige Zurückhaltung, sondern internationale Kontrolle die richtige Antwort

von Elke Wittich  27.09.2026

Meinung

Wolfgang Benz, Stefanie Schüler-Springorum und das deutsche Zentrum für Antisemitismus-Leugnung

Ein Kommentar von JA-Chefredakteur Philipp Peyman Engel

von Philipp Peyman Engel  25.09.2026

Bern

Verantwortung lässt sich nicht neutralisieren

Die Schweiz debattiert anlässlich einer Volksabstimmung über ihre Neutralität. Ein Kommentar von JA-Schweiz-Korrespondentin Nicole Dreyfus

von Nicole Dreyfus  25.09.2026

Kommentar

Sprecht mit uns. Nehmt uns ernst

Herr Ramelow, die jüdische Gemeinschaft, die vor Judenhass warnt, ist nicht das Problem. Antisemitismus ist das Problem - insbesondere in Ihrer Partei

von Avitall Gerstetter  24.09.2026

Glosse

Ein Clan-Chef als Antisemitismusbeauftragter!

Warum Issa Remmo der »Linken« offiziell Persilscheine ausstellen und Arafat Abou-Chaker neuer Polizeipräsident in Berlin werden sollte

von Ayala Goldmann  22.09.2026

Kommentar

Schwesigs Erfolg: Wie man die AfD im Zaum halten kann

Manuela Schwesig hat gezeigt, wie man dem Populismus der Rechtsextremen begegnen kann. Das ist nicht nur eine gute Nachricht für die SPD, sondern für alle Demokraten

von Michael Thaidigsmann  22.09.2026

Meinung

Berlin bekommt, was es verdient!

Ein Kommentar von Chefredakteur Philipp Peyman Engel zum Erdrutschsieg der Linkspartei in der Hauptstadt

von Philipp Peyman Engel  20.09.2026

Essay

Wo ist mein Berlin, in dem es keinen Hass auf Juden mehr geben sollte?

Unsere Gastautorin Dorothea Schupelius warnt vor der unheiligen Allianz der Linkspartei mit radikalen Muslimen - und vermisst das Berlin, in dem sie aufgewachsen ist

von Dorothea Schupelius  20.09.2026

Es braucht eine Brandmauer gegen die Linkspartei

Wenn Rassismus von rechts für Regierungsverantwortung disqualifiziert – warum sollte Antisemitismus von links weniger schwer wiegen?

von Nelly Eliasberg  20.09.2026 Aktualisiert