Gestern noch bin ich an einem Plakat mit dem Porträt von Ran Gvili vorbeigegangen. Es stand im Vorraum einer Arztpraxis. Ich hielt kurz inne, schaute in sein Gesicht und, ich gestehe, konnte den Gedanken nicht verdrängen, dass er wohl für immer verschollen bleibt.
Meine düsteren Gedanken haben sich glücklicherweise nicht bestätigt. Am frühen Montagabend kam er endlich nach Hause zurück. Nach 843 endlosen Tagen.
Mit der Rückführung seines Leichnams aus der Gewalt der Hamas kann Israel zum ersten Mal seit über zwei Jahren richtig durch- und auch wieder aufatmen. Nicht, weil der Schmerz über die Verluste des 7. Oktobers weniger geworden wäre - aber weil die quälende Schwebe nun wirklich ein Ende hat. Weil es keinen einzigen Namen mehr gibt, der zwischen Hoffen und Verzweifeln hängt. Keine Familie mehr, die im Ungewissen ausharren muss. Die letzte Geisel ist aus der Hölle von Gaza zurückgekehrt.
Und damit auch die Möglichkeit, das Trauma hinter sich zu lassen und zu neuem Mut zu finden. Denn seit dem Schwarzen Schabbat, als Horden von Terroristen südliche Gemeinden überfielen und ein nie dagewesenes Blutbad anrichteten, ist das Land in einem Zustand innerer Anspannung gefangen, der sich kaum in Worte fassen lässt.
Die Geiseln waren dabei mehr als ein politisches oder militärisches Thema. Sie waren Teil des kollektiven Bewusstseins, ein permanenter Stich, der jeden Alltag begleitete. Solange auch nur eine von ihnen fehlte, durfte nicht abgeschlossen werden. Das empfanden nicht nur die Angehörigen und zurückgekehrten Geiseln so, diese Bürde trug jeder mit sich.
Mit Ran Gvilis Rückkehr ist die Wunde sicher noch nicht geheilt, wahrscheinlich wird und kann sie das auch nie – aber sie blutet nicht mehr so stark. Israel wird Zeit brauchen, um das Gefühl existenzieller Verwundbarkeit zu verarbeiten. Doch jede Heilung setzt voraus, dass man nicht im Ausnahmezustand und andauerndem Trauma verharrt. Der Satz »es gibt keine Geisel mehr in Gaza« erlaubt uns, nach vorn zu blicken, ohne die Vergangenheit zu verdrängen.
Zu diesem Blick gehört auch die Frage nach Gaza. Ein echter Neustart dort wird nur möglich sein ohne die Hamas und ihren Todeskult. Ohne eine Herrschaft, die auf Terror und der systematischen Zerstörung ziviler Perspektiven basiert. Hoffnung für Gaza und Sicherheit für Israel stehen nicht im Widerspruch, sie bedingen einander. Ein Gaza jenseits der Hamas wäre nicht nur ein Gewinn für Israel, sondern vor allem für die Menschen dort.
Gesellschaftliche Heilung ist kein politischer Slogan, sondern langwierige Arbeit. Sie verlangt Raum für Trauer, Wut, Schuldfragen und Selbstkritik. Die vergangenen Monate haben die unterschiedlichen Vorstellungen deutlich hervorgebracht, was Moral und Verantwortlichkeit bedeuten. Mit dem endgültigen Abschluss des Geiseldramas müssen auch jene, die es bislang noch nicht getan haben, Verantwortung übernehmen und Konsequenzen ziehen. Denn die tiefen Risse des Vertrauensverlustes verschwinden nicht von selbst.
Vielleicht kommt so der Moment, in dem eine Gesellschaft, erschöpft, verletzt, aber nicht gebrochen, beginnt, den Blick zu heben. Ran Gvili ist tot. Er war ein junger mutiger Mann, der viel zu früh starb. Aber er ist nicht mehr verschwunden – und gibt Israel damit seine Zukunft zurück.
Die Autorin ist Israel-Korrespondentin der Jüdischen Allgemeinen.