Die letzte Geisel in Gaza

»Er ging als Erster – er kommt als Letzter zurück«

Ran Gvilis Mutter Talik und seine Schwester Shira bei einer Kundgebung in Tel Aviv am 25. Januar 2026 Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Es waren seine letzten Worte. Itzik Gvili, Vater von Ran Gvili, erinnert sich, dass sein Sohn in den frühen Morgenstunden des 7. Oktober aus dem Schutzraum kam, seine Uniform überzog und sagte: »Ich lasse meine Freunde nicht allein kämpfen. Eine Pistole kann ich auch mit gebrochener Schulter halten.« Dann fuhr er in Richtung Süden, um sein Land zu verteidigen. Der 24-Jährige kehrte nicht zurück und wurde die letzte Geisel in der Gewalt der Hamas in Gaza.

Am Montag ist sein Leichnam 843 Tage nach den Massakern der Hamas am 7. Oktober 2023 mit mehr als 1200 Toten und 251 Geiseln in Gaza gefunden und nach Israel zurückgebracht worden. Generalstabschef Eyal Zamir überbrachte die Nachricht den Eltern persönlich. Diese sei »eine Erleichterung nach diesen zweieinhalb Jahren, auch wenn wir uns ein anderes Ende erhofft hatten«, sagte Ran Gvilis Mutter Talik.

Er hätte Grund gehabt, im Schutzraum zu bleiben

Laut Angaben der israelischen Sicherheitsbehörden wurde Gvili bereits am 7. Oktober 2023 während der Kämpfe getötet. Zuvor hatte er dabei geholfen, fast 100 Zivilisten zu retten, die vom Nova-Musikfestival geflohen waren. Später kämpfte er im Kibbuz Alumim gegen die Terroristen, die im Süden Israels eingefallen waren und folternd und mordend durch die Gemeinden zogen.

Der junge Israeli hatte sich Tage vor dem Angriff die Schulter gebrochen. Er wartete am Morgen des 7. Oktober auf seine Operation. Er hätte allen Grund gehabt, mit seiner Familie im Schutzraum zu bleiben, als die Sirenen heulten und die Raketen aus Gaza flogen. Doch er blieb nicht. Was folgte, ist inzwischen Teil des kollektiven Gedächtnisses des Landes geworden.

»Dank Ran und den anderen Kämpfern, die in die Grenzregion eilten, sind wir am Leben«, sagte Ronit Weinstein, Leiterin des Gedenkkomitees von Kibbuz Alumim, gegenüber Ynet. »Ihn den ‚Schutzschild von Alumim‘ zu nennen, ist keine Floskel«. Er habe die Terroristen daran gehindert, in den Kibbuz zu gelangen. An der Stelle, wo er verwundet und entführt wurde, erinnert jetzt ein Schild an seinen Mut.

Ein Expertengremium der Sicherheitskräfte kam im Januar 2024 zu dem Schluss, dass Gvili während dieses Kampfes um Alumim gefallen ist. Seiner Familie wurden die Ergebnisse vorgelegt. Sie hörten zu. Sie nickten. Doch später sagte seine Mutter Talik, die Beweislage werfe »einige Fragen auf«.

Talik Gvili: »Wir bitten nur darum, dass jemand für ihn läuft, um ihn zurückzuholen.«

In diesen Fragen steckte Hoffnung – unwahrscheinlich, aber hartnäckig. Auf Facebook schrieb Talik Worte, die seither in der Debatte widerhallen: »Er ging als Erster – er kommt als Letzter zurück.« Ihr Sohn sei in die Gefahr gerannt, während andere geflohen seien. Nun sagte sie, an die Gesellschaft und Politik in Israel gerichtet: »Wir bitten nur darum, dass jemand für ihn läuft, um ihn zurückzuholen.«

Einfülsam und fürsorglich

Ran Gvili wurde in Meitar, einer Stadt im Süden Israels, geboren, als jüngstes Kind von Talik und Itzik und als jüngerer Bruder von Omri und Shira. Schon in der Schule habe er Einfühlungsvermögen und Fürsorge gezeigt und sich für Schwächere eingesetzt.

Mit 18 trat er den Armeedienst an und landete in der Eliteeinheit der Golani-Brigade. Trotz einer Verletzung, die er sich in der Grundausbildung zuzog, habe er sich geweigert aufzugeben, sagten seine Eltern später in Interviews. Er habe sich schnell erholt und anschließend als Kämpfer und Kompaniechef gedient.

Nach Ende des Militärdienstes ging er 2021 zu einer Spezialeinheit der israelischen Polizei und wurde schließlich Stabsfeldwebel.

»Mich zu beschützen, war deine Lebensaufgabe. Und du hast es geschafft. Ich verspreche dir, dass ich ein glückliches und freudvolles Leben führen und alle meine Träume verwirklichen werde – deine, die meines Vaters und die meiner Mutter. Pass von oben auf uns alle auf«, zitierte die »Jerusalem Post« die Trauerrede von Ran Gvilis Schwester Shira.

Symbol für Durchhaltevermögen

Am 3. Dezember 2025 waren die sterblichen Überreste des thailändischen Landarbeiters Sudthisak Rinthalak aus Gaza nach Israel überführt worden. Nun fehlte nur noch Ran Gvili, um das schrecklichste Kapitel in Israels Geschichte abzuschließen und mit dem Prozess der Heilung beginnen zu können. Gvili war zum Symbol für das Durchhaltevermögen geworden.

Am 29. November 2025, bei der wahrscheinlich letzten Kundgebung auf dem Geiselplatz in Tel Aviv nach mehr als zwei Jahren wöchentlicher Proteste, stand Ran Gvilis Vater Itzik auf der Bühne vor Tausenden Menschen, die ihn unterstützten.

Mit einem Foto von Ran in Uniform in der Hand sprach er mit der Stimme eines Mannes, dem die Angst, aber nicht die Entschlossenheit ausgegangen war: »Es gibt keine nächste Phase und keinen ‚Tag danach in Gaza‘, bevor Ran nach Hause zurückkehrt«, sagte er. Das sei keine politische Aussage gewesen, betonte er später, sondern die »eines Vaters«.

Nun ist der »Tag danach« möglich.

Analyse

Israel hat die Wahl

Der jüdische Staat stimmt über eine neue Knesset ab. Alles deutet auf eine Richtungsentscheidung hin

von Guy Katz  26.10.2026

26. Knesset

Nur noch ein Tag: Umfrage zu Israels Richtungswahl

Das Israel Democracy Institute befragte die Israelis zu ihren politischen Wünschen. Scheitert die Mehrheitsbildung, wollen die Israelis erneut wählen

von Sabine Brandes  26.10.2026

Korruptionsprozess

Der Milliardär und der Premier

Der australische Superreiche James Packer soll Benjamin Netanjahu mit Luxus versorgt haben und kaufte eine Villa nebenan – nun floss mehr als eine Millionen Dollar an den Anwalt des israelischen Ministerpräsidenten

von Sabine Brandes  26.10.2026

Ben-Gurion-Universität

Israelische Studenten entwerfen Konzepte für kleine Atomkraftwerke

Sieht so die Zukunft der Energiegewinnung aus?

 26.10.2026

Jerusalem

Herzog: Trumps Einmischung in Wahlkampf hat keinen Einfluss auf Regierungsbildung

»Ich glaube nicht, dass der Präsident der Vereinigten Staaten oder irgendjemand sonst in meinen Ermessensspielraum eingreifen kann«, sagt das israelische Staatsoberhaupt

 26.10.2026

Jerusalem

Armeechef Zamir soll Befehle von Premier Netanjahu verweigert haben

Der Ministerpräsident soll eine bislang nicht näher beschriebene Militäraktion angeordnet haben, die nach Einschätzung von Sicherheitsvertretern eine neue Konfrontation mit dem Iran auslösen könnte

 26.10.2026

Wahl in Israel

Trump wirbt erneut für Netanjahu

»Wenn ihr zur Wahl geht, denkt bitte daran, dass Bibi ein herausragender Kriegsministerpräsident gewesen ist!«, schreibt Trump auf seinem sozialen Medium Truth Social

 26.10.2026

Zeitungsinterview

Ronald Lauder rechnet mit Netanjahu ab: »Er hat Politik über Frieden gestellt«

»Eines der Dinge, die Israel im Vergleich zu anderen Ländern so besonders gemacht haben, war seine echte Demokratie«, so der WJC-Präsident. »Was wir jetzt erleben, erinnert eher an eine Bananenrepublik«

 25.10.2026 Aktualisiert

Knessetwahl

Die Israel-Wahl in Zahlen

Rund 7,3 Millionen Wahlberechtigte, mehr als 12.000 Wahllokale und 450 Millionen Stimmzettel: Der Zentrale Wahlausschuss nennt Details zur Abstimmung am Dienstag

 25.10.2026