Gesellschaft

Zwischen den Welten – der Tod von Maher Khatar

Foto: IDF

Der Tod des israelisch-drusischen Soldaten Maher Khatar markiert einen Moment, der weit über ein persönliches Schicksal hinausgeht. Als er am 8. März in Südlibanon fiel und anschließend in seinem Heimatort beerdigt wurde, geschah etwas, das es so noch nie gegeben hatte: In der drusischen Stadt Majdal Shams auf den Golanhöhen fand zum ersten Mal überhaupt eine militärische Beerdigung für einen Soldaten der israelischen Armee (IDF) statt. Für Beobachter ist das ein historisches Signal – ein Zeichen dafür, dass sich die Beziehung zwischen Israel und den Drusen auf dem Golan verändert.

Maher Khatar war 38 Jahre alt, ein erfahrener Reservist der IDF. Während eines Einsatzes im Südlibanon versuchte er, einem feststeckenden Panzer zu helfen, als sein Bulldozer unter Beschuss der Hisbollah geriet. Dabei wurden er und sein Kamerad Or Demry (20) tödlich getroffen.

Die Bilder von seiner Beerdigung zeigen Tausende Menschen, die durch die Straßen von Majdal Shams ziehen – ein Dorf, das jahrzehntelang in einer Art politischer Grauzone existierte. Khatar galt dort vielen als Vorbild: ein Familienvater, der trotz der komplizierten politischen Realität seiner Heimat in der IDF diente. Seine Geschichte steht für eine Generation junger Drusen vom Golan, die zunehmend ihren Platz zwischen syrischer Herkunft und israelischer Gegenwart suchen.

Drusen der Golanhöhen dienten bislang kaum in der IDF

Für Familie und Nachbarn ist sein Tod jedoch vor allem eins: persönlich. Seine Witwe Yasmina Khatar beschreibt in der israelischen Nachrichtenseite Ynet, dass sie die Gefahr gekannt habe. »Wir wussten immer, dass es gefährlich ist und eines Tages vielleicht ein Klopfen an der Tür kommen könnte«, sagt sie in dem Interview. Ihr Mann habe dennoch nie gezögert. Trotz Widerständen in seinem Dorf habe er sich bewusst für den Dienst entschieden. Yasmina erinnert sich: »Er sagte immer zu mir: ‚Es ist eine Mission – Teil dieses Staates zu sein‘.«

Khatar hinterlässt seine Frau und zwei Töchter. Zunächst hätten die Kinder gar nicht verstanden, was geschehen war, erzählt seine Witwe. Erst langsam setze die traurige Realität ein, dass ihr geliebter Vater nicht zurückkehren wird.

Dass Khatar als IDF-Soldat in Majdal Shams mit militärischen Ehren beerdigt wurde, ist deshalb bemerkenswert, weil die Drusen auf den Golanhöhen jahrzehntelang kaum im israelischen Militär dienten.

Yasimina Khatar: »Maher sagte immer zu mir: ‚Es ist eine Mission – Teil dieses Staates zu sein‘.«

Die Region wurde 1981 offiziell annektiert. Doch die meisten Drusen, die dort leben, betrachteten sich lange weiterhin als Syrer. Als Israel ihnen nach der Annexion die Staatsbürgerschaft anbot, lehnten viele sie ab und behielten stattdessen einen dauerhaften Aufenthaltsstatus. Aus diesem Grund gab es jahrzehntelang so gut wie keine Soldaten aus diesen Orten. Khatars Beisetzung mit militärischen Ehren gilt vielen als sichtbares Zeichen eines langsamen Wandels: Immer mehr junge Drusen auf dem Golan beantragen israelische Staatsbürgerschaft oder engagieren sich stärker im israelischen Staat.

Um zu verstehen, warum Khatar für viele als Symbol gilt, muss man den Unterschied zwischen zwei drusischen Gemeinschaften in Israel kennen: jenen in Galiläa und jenen auf den Golanhöhen. Die meisten Drusen in Israel leben in Orten wie Daliyat al-Karmel oder Yirka im Norden des Landes. Sie wurden 1948 automatisch israelische Staatsbürger. Seit den 1950er-Jahren besteht eine besondere Vereinbarung mit dem Staat, dem sie völlig loyal gegenüberstehen: Drusische Männer aus Galiläa leisten – anders als andere arabische Bürger Israels, die freiwillig dienen können – Pflichtdienst in der Armee.

Viele von ihnen sind Mitglieder von Kampfeinheiten, einige erreichen hohe Offiziersränge. Über Jahrzehnte wurde diese Gemeinschaft als Beispiel für Integration dargestellt: Drusen sind in Politik, Militär und Verwaltung vertreten, mehr als 400 drusische Männer sind seit Staatsgründung in Israels Kriegen gefallen.

Immer mehr junge Menschen beantragen israelische Pässe

Ganz anders die Situation auf den Golanhöhen. Dort leben rund 20.000 bis 25.000 Drusen in vier Orten, darunter Majdal Shams. Bis 1967 gehörten diese Gemeinden zu Syrien. Auch nach der israelischen Annexion blieben viele Bewohner politisch und emotional mit Syrien verbunden, und sei es vor allem wegen ihrer Angehörigen jenseits der Grenze. Die meisten lehnten lange israelische Staatsbürgerschaft ab und gingen nicht zum Militär. Während der Herrschaft des Diktators Bashar al-Assad ging außerdem die Angst um, dass eine offene Solidarität mit Israel ihren Liebsten in Syrien schaden könne.

Erst der syrische Bürgerkrieg und die Instabilität in der Region haben diese Haltung langsam verändert. Immer mehr junge Menschen beantragen israelische Pässe oder suchen wirtschaftliche und gesellschaftliche Integration in Israel.

Vor diesem Hintergrund bekommt die Geschichte von Maher Khatar eine größere Bedeutung. Sein Leben verbindet zwei Welten: die traditionelle, stark syrisch geprägte Identität – und eine sich ändernde Realität, in der immer mehr von ihnen Teil von Israel werden wollen. Und so war die traurige Beerdigung in Majdal Shams mehr als ein militärisches Ritual. Für viele war sie ein Moment des Stolzes und ein Zeichen neuer Zugehörigkeit zu dem Land, in dem sie leben.

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