Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nicole Dreyfus Foto: Claudia Reinert

Meinung

Instrumentalisiertes Leid kennt keine Moral

Nach der Brandkatastrophe von Crans-Montana braucht es Mitgefühl und Respekt. Wer eine lokale Tragödie von existenzieller persönlicher Wucht für politische Deutungen missbraucht, handelt zynisch – und entwürdigt die Betroffenen.

von Nicole Dreyfus  08.01.2026 15:13 Uhr

In der Nacht auf den 1. Januar 2026 verlieren im Schweizer Skiort Crans-Montana 40 Menschen bei einer Brandkatastrophe ihr Leben. 119 weitere liegen schwer verletzt in unzähligen Krankenhäusern in der Schweiz und im nahen Ausland. Es sind vorwiegend jüngere Menschen, die ins neue Jahr und das Leben feiern wollten. Seit Jahrzehnten hat die Schweiz keinen solch tragischen Fall mehr erlebt, bei dem eine derart große Anzahl Menschen auf einmal Opfer einer tödlichen Katastrophe wurden.

Wie andere Staaten hatte sich Israel unmittelbar nach der Katastrophe an die Schweiz gewandt und Hilfe angeboten. So betonte Staatspräsident Isaac Herzog in einem Telefonat gegenüber dem Schweizer Bundespräsidenten, dass Israel langjährige Erfahrung und fortgeschrittene Expertise im Auffinden und Identifizieren von Brandopfern sowie in der Behandlung von Brandverletzten verfüge.

Ein Tag nach dem Unglück reiste zudem die israelische Hilfsorganisation Zaka zum Unfallort in den Schweizer Bergen, um bei der Identifizierung der 40 Todesopfer zu helfen. Die Organisation arbeitet aus religiöser Überzeugung daran, alle sterblichen Überreste korrekt zuzuordnen, damit würdige Bestattungen möglich sind.

Wer das Leid von Eltern, die ihre Kinder verloren haben, und von Menschen, deren Leben innert Minuten zerstört wurde, instrumentalisiert, überschreitet eine moralische Grenze.

Kaum war Zaka vor Ort, äußerte sich der Genfer SVP-Ständerat Mauro Poggia in einem Facebook-Post und verglich das Brand-Drama mit der humanitären Lage im Gazastreifen. Zudem äußerte er sich zum Vorgehen der israelischen Regierung und schrieb unter anderem, ein Staat könne so »seine ethnische Säuberung in Gaza« fortsetzen. Poggia war nicht alleine.

Auch die Berner SP-Stadträtin Judith Schenk unterließ es nicht, Crans-Montana mit Gaza zu vermischen. So kritisierte sie in einer Instagram-Story das Angebot Israels, die Schweiz bei der Identifikation der Opfer zu unterstützen. Sie schrieb in einem Post, der mittlerweile gelöscht wurde: »Mich werden die Bilder und Videos, wie Jugendliche in Gaza lebendig verbrennen, ein Leben lang verfolgen. Und nun will die israelische Regierung, also diejenigen, die dort das Feuer mit vollster Absicht gelegt haben, helfen.«

Lesen Sie auch

Der Vergleich der Brandkatastrophe von Crans-Montana mit dem Krieg in Gaza ist nicht nur schief, sondern zutiefst entwürdigend. Wer das Leid von Eltern, die ihre Kinder verloren haben, und von Menschen, deren Leben innert Minuten zerstört wurde, instrumentalisiert, überschreitet eine moralische Grenze. Eine lokale Tragödie von unfassbarer persönlicher Wucht mit einem geopolitischen Krieg zu vermengen, dient weder dem Gedenken an die Opfer noch der Einordnung des Geschehens – es dient einzig der eigenen politischen Agenda.

Diese Gleichsetzung zeugt von erschreckender Empathielosigkeit. Sie reduziert individuelles Leid auf ein rhetorisches Werkzeug und missbraucht eine Katastrophe, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Das ist kein Ausdruck von Anteilnahme, sondern von Kalkül. Wer in einem Moment der Trauer den moralischen Zeigefinger erhebt und globale Konflikte bemüht, stellt sich nicht an die Seite der Betroffenen, sondern über sie. Das ist geschmacklos – und es ist unwürdig.

dreyfus@juedische-allgemeine.de

7. Oktober

London: Maskierte Aktivisten protestieren gegen jüdischen Dachverband

Antiisraelische Aktivisten haben den Jahrestag des 7. Oktober 2023 zum Anlass genommen, das Board of Deputies of British Jews verbal anzugreifen. Es gab mehrere Festnahmen

 07.10.2026

Top 50

Die einflussreichsten Juden

Wie in jedem Jahr hat die »Jerusalem Post« ihr Ranking veröffentlicht – mit mehr Frauen und Gruppenplätzen

von Michael Thaidigsmann  07.10.2026

Meinung

Seht her, Berlin und New York: Es geht auch anders

Gerade am 7. Oktober wäre von linker Seite mehr Feingefühl zu erwarten. Zürich zeigt es diesmal vor.

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Fußball

Boykott gegen Israel – schließt sich das Schweizer Frauennationalteam den irischen Männern an?

Der Schweizerische Fußballverband reagierte offen, betonte jedoch, dass der Sport im Zentrum stehen solle

von Nicole Dreyfus  07.10.2026

Schweiz

Leerstellen im Mengele-Dossier

Nicht nur geschwärzte Namen sorgen im Mengele-Dossier des Nachrichtendienstes für Fragen. Auch wichtige Unterlagen fehlen – und niemand kann heute mehr genau erklären, warum.

von Nicole Dreyfus  06.10.2026

Großbritannien

»Die Grünen sind jetzt eine extremistische Partei«

Ein Parteitagsbeschluss der englischen Grünen, in dem der Zionismus als eine Spielart des Rassismus bezeichnet und zur Befreiung Palästinas aufgerufen wird, ist nicht nur in Großbritannien auf heftige Kritik gestoßen

 05.10.2026

Nachruf

Weimer würdigt gestorbene Holocaust-Überlebende Irene Butter

Eine weitere jüdische Zeitzeugin des Holocaust ist tot. Irene Butter starb im Alter von 95 Jahren in den USA. Lange hatte sie nichts von ihren Erlebnissen im KZ erzählt. Dann berichtete sie jahrzehntelang Schülern von ihrem Leben

von Christoph Arens  05.10.2026

Schweiz

Ein Importverbot von koscherem Fleisch gefährdet jüdisches Leben

Ein Kommentar von Jonathan Kreutner, Generalsekretär des jüdischen Dachverbands SIG

von Jonathan Kreutner  02.10.2026

Madrid

Kritik an Zara wegen Halloween-Kostüm mit Ähnlichkeit zu KZ-Kleidung

Die Hintergründe

 02.10.2026