Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Nicole Dreyfus Foto: Claudia Reinert

Künstliche Intelligenz

Ich schreibe, also bin ich

Noch nie war es so einfach, Gedanken mit KI in Worte zu fassen. Doch was bedeutet das für unser Denken, unseren Journalismus und eine der grundlegendsten menschlichen Fähigkeiten?

von Nicole Dreyfus  01.07.2026 14:29 Uhr

Es kann sehr schmerzhaft sein: Vor sich ein weißes Blatt und im Kopf Gedanken zu haben, die geordnet sein wollen, kurz bevor ein neuer Text geschrieben werden soll. Bis der erste Satz steht und die losen Gedanken verschriftlicht sind, nachvollziehbar und präzise, kann viel Zeit vergehen, manchmal sogar Stunden. Mal ist es nervenaufreibend oder anstrengend, mal herausfordernd. Es kann aber auch befreiend und erfüllend sein. Aber es ist jedes Mal ein Prozess, der sich »Schreiben« nennt. Das schriftliche Ausformulieren von Gedanken ist vielleicht eine der wichtigsten Grundfertigkeiten des Menschen, um zu kommunizieren und zu dokumentieren. Es dient nicht nur als Kulturtechnik, mit der sich der Mensch für die Nachwelt verewigen und Wissen über Generationen hinweg weitergeben kann, sondern ist ein probates Mittel, Gedanken, Gefühle und Ideen auszudrücken.

Durch das Schreiben werden Informationen festgehalten, strukturiert und für andere überhaupt zugänglich gemacht. Doch fast am wichtigsten: Durch das Schreiben werden Gedanken erst produziert. Ich schreibe, also bin ich. Die Fähigkeit, Gedanken in Worte zu fassen, grundsätzlich unabhängig davon, ob schriftlich oder mündlich, macht uns zum Menschen. Aber auch durch das Schreiben werden wir immer wieder gezwungen, geistige Inhalte zu generieren.

Ganz großer Coup

Nun hat der Mensch, wie schon mehrmals zuvor in der Vergangenheit, Konkurrenz erhalten. Nicht von einem anderen Menschen oder gar von einem Tier. Es ist eine Maschine, die mit ihm konkurriert – und das Faszinierende daran ist: Der Mensch hat die Maschine selbst erschaffen. Mit ihr ist ihm ein ganz großer Coup gelungen. Denn sie kann auf Knopfdruck Gedanken aussprechen und diese in unzähligen Sprachen überzeugend aufschreiben. Die Maschine, besser bekannt unter dem Namen Künstliche Intelligenz (KI), kann Inhalte erzeugen, ordnen, texten – eben schreiben. Das ist der Moment, in dem sich weltweit der Alltag unzähliger Journalisten, Übersetzer, Lehrer, Moderatoren, Autoren oder Literatur- und Sprachwissenschaftler schlagartig zu ändern begonnen hat.

Der Dolmetscher gibt seinen Text in der einen Sprache ein, markiert die Zielsprache – nach wenigen Augenblicken ist der Text übersetzt. Der Journalist hat die Möglichkeit verschiedene Eingaben zu machen und den Befehl zu erteilen »Schreib mir einen Artikel zum Thema XY«. In Sekundenschnelle ist ein neuer Text verfasst, stilistisch korrekt, je nach Präferenz nachrichtlich, feuilletonistisch oder bissig formuliert und natürlich argumentativ aufgebaut. Der Schüler gibt sein Aufsatzthema in ein Programm wie ChatGPT – herauskommt eine Erörterung, dialektisch oder linear. Auch der Lehrer kann auf Unterrichtsmaterial zurückgreifen, das durch die Maschine generiert wurde.

Die menschliche Aufgabe dabei

Nun macht sich natürlich Nervosität breit. Viele dieser Berufe sehen sich gefährdet. Insbesondere der Journalismus ist damit konfrontiert, sich mit KI auseinanderzusetzen. Verschiedene Fälle haben in Redaktionen, wo KI-generierte Texte publiziert wurden, eine Debatte befeuert, die schon längst überfällig war. Wie viel darf ein Werkzeug wie KI genutzt werden, um Texte zu optimieren? Wo wird die Grenze zwischen einem Text, der gänzlich mit KI geschrieben oder nur verbessert wird, gezogen?

Schreiben dient nicht nur als Kulturtechnik, sondern ist ein probates Mittel, Gedanken, Gefühle und Ideen auszudrücken.

Redakteure müssen sich diesen Fragen stellen, denn es geht um ihr Eingemachtes – ums Schreiben, nein, ums Denken. Für den Journalismus stellt sich außerdem die Frage: Wenn KI Texte produziert, wer übernimmt dann Verantwortung für Wahrheit, Einordnung und Urteilskraft? Fakten lassen sich automatisieren, aber die Entscheidung, was gesellschaftlich relevant ist, welche Perspektiven fehlen und welche Konsequenzen eine Veröffentlichung haben kann, bleibt eine zutiefst menschliche Aufgabe.

Das Denken verlernen?

Wie bereits während der Industrialisierung setzt sich der Mensch erneut mit der Tatsache auseinander, dass eine Maschine – damals waren es mechanisch betätigte, heute sind es elektronisch gesteuerte – seine Arbeit künftig gänzlich übernimmt, sprich: Der Mensch könnte sich selbst überflüssig machen. Die Erfahrung hat zwar gezeigt, das menschliche Gehirn ist kreativ und kann sich den neuen Umständen immer wieder neu anpassen. Das Problem bei der KI ist jedoch ein einfaches: Es geht um die Erzeugung von Gedanken. Menschlicher könnte es nicht sein. Da steht die Frage, ob wir irgendwann das Denken verlernen, wie ein Damoklesschwert im Raum. Die Frage mag fatalistisch klingen, ist sie aber nicht.

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Wenn wir präzises Denken und seine Ausformulierung nicht mehr üben, was passiert dann mit uns? Dieser Gedanke ist besorgniserregend. Wenn KI komplette Denkprozesse für uns übernimmt, resignieren wir gewissermaßen vor uns selbst. Wie sollen künftige Generationen diesen Vorgang noch erwerben können, wenn die heutige die Verantwortung für die eigene Denkkompetenz abgibt?

Zurück zur Schule: Kinder lernen irgendwann im Alter zwischen fünf und sieben Jahren das Schreiben. Erst werden grafische Gebilde nachgezeichnet, die dann irgendwann Wörter bilden. Aneinandergereihte Wörter ergeben Sätze, verdichten sich bald zu einem Text. Das lernt sich nicht über Nacht. Es ist ein Prozess, der während der gesamten Schulzeit im Gange ist. Später kommt das Schreiben längerer Texte hinzu. Das gelingt nicht allen gleichermaßen. Aber zumindest das Training bleibt vorhanden. Was, wenn das irgendwann ausbleibt?

Gedicht über den Tod

Dass der Journalismus und auch andere Berufssparten von KI profitieren, ist nicht von der Hand zu weisen. Sie ist ein Hilfsmittel, um Texte zu glätten oder noch stringenter zu machen. Der Mensch weiß, wie eigene Kompetenzen auszulagern sind. So wie er einst das Rechnen an Taschenrechner, das Erinnern an Kalender oder das Navigieren an GPS-Systeme abgegeben habt, kann er nun auch sprachliche Arbeit delegieren. Dagegen spricht wenig.

Heute gelingt es KI-Systemen, innerhalb weniger Sekunden Texte erstellen, die oftmals kaum von menschlich verfassten Inhalten zu unterscheiden sind. Sie schreiben nicht nur Aufsätze oder Zeitungsartikel und vielleicht auch E-Mails, sondern auch Gedichte und Geschichten oder sogar Liebesbriefe. Also stellt sich letztlich die Frage: Wenn KI es schafft, neben der Sprache und der Gedankenerzeugung, das zu imitieren, was den Menschen im Innersten ausmacht – nennen wir es Seele – verkümmert dann irgendwann die menschliche?

Der entscheidende Punkt ist vermutlich simpel: Die Maschine empfindet nichts. Sie kennt weder Sehnsucht noch Verlust, weder Freude noch Angst. Sie kann über Liebe schreiben, ohne jemals geliebt zu haben. Sie kann ein Gedicht über den Tod verfassen, ohne Sterblichkeit zu kennen. Ihre Texte beruhen auf Wahrscheinlichkeiten, nicht auf Erleben. KI verfügt über keine Innenwelt. Also alles halb so schlimm?

Die Autorin hatte für diesen Text, ohne KI geschrieben, mehrere Stunden.

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