Rabbiner Jehoschua Ahrens

»Grauenhaftes Dokument«

Rabbiner Jehoschua B. Ahrens Foto: Markus Forte

Einige Gliedkirchen des Ökumenischen Rates der Kirchen (ÖRK) setzen Zionismus mit Kolonialismus gleich. Auf der ÖRK-Vollversammlung in Karlsruhe hatten sie gefordert, Israel als Apartheid-Staat zu verurteilen. Ein Blick auf Gesetze und auf die Realität des Staates Israel genügt, um jedweden Apartheid-Vorwurf zu entkräften, insbesondere im Vergleich zur Situation in Südafrika.

Der Zionismus ist ebenso kein Teil des europäischen Kolonialismus, sondern eine Befreiungsbewegung des jüdischen Volkes vom Antisemitismus. Gerade Kirchen, die sowohl aktiv in den Kolonialismus verstrickt waren als auch die Grundlage für Antisemitismus und gesellschaftliche Ausgrenzung von Juden lieferten, sollten sich mit derlei Behauptungen besser zurückhalten.

Auch wenn der Apartheid-Vorwurf im nun beschlossenen Aufruf relativiert wurde, unter anderem auch durch den großen Einsatz der deutschen Delegation, der dafür Anerkennung und Dank gebührt, bleibt es insgesamt ein grauenhaftes Dokument, mit dem sich der ÖRK unglaubwürdig macht.

Es entsteht der Eindruck, als wäre Israel alleine Schuld an der Misere der Christen in Nahost. Das ist völlig absurd und bar jeder Realität.

Israel wird ausführlich aufs Schärfste kritisiert und dem Land alles Mögliche vorgeworfen, von Menschenrechtsverletzungen, über Einschränkung der Religionsausübung, bis zu Vertreibungen. Über die palästinensische Seite liest man wenig, über andere Länder des Nahen Osten praktisch nichts. Lediglich Irak und Syrien werden kurz erwähnt, wenn auch sehr abstrakt und ohne die Täter, wie Assad oder den Iran, zu benennen. Über die Diskriminierungen, Verfolgungen und auch die vielen Ermordungen von Christinnen und Christen von Ägypten bis Iran steht in dem Text kein Wort.

Es entsteht der Eindruck, als wäre Israel alleine Schuld an der Misere der Christen in Nahost. Das ist völlig absurd und bar jeder Realität. Fakt ist, dass Christen im Nahen Osten nur in Israel volle Religionsfreiheit genießen und während die Zahl der Christen in allen anderen Ländern – teils dramatisch – sinkt, steigen die Zahlen in Israel. Auch wenn es vereinzelt aus extremen Kreisen Anschläge gegen christliche Einrichtungen in Israel gab: Kein einziger Christ wurde aufgrund seines Glaubens in Israel ermordet.

Keine Frage, es gibt Leid unter den Palästinensern, aber die Schuld alleine dem Staat Israel, den Siedlungen oder dem Zionismus zuzuweisen, ist schlichtweg unredlich. Wer Kritik an Entscheidungen der Jerusalemer Regierung übt, sollte nicht die prekäre Situation der Palästinenser in den arabischen Staaten vergessen oder die Instrumentalisierung des Leids durch die palästinensische Führung, geschweige denn den Terrorismus.

Ein Blick auf Gesetze und auf die Realität des Staates Israel genügt, um jedweden Apartheid-Vorwurf zu entkräften, insbesondere im Vergleich zur Situation in Südafrika.

Wer Israel oder die Siedlungen als einzige Hindernisse zum Frieden sieht und die Täter-Opfer-Rollen dermaßen deutlich festmacht, verhindert einen gerechten Frieden in der Region, der ja letztlich nur auf Verständigung und Kompromissen basieren kann.

BOYKOTT Knackpunkt und Hauptproblem in der Debatte ist die Frage des Boykotts. Zwar unterstützt der ÖRK die Boykottbewegung BDS nicht offiziell (im Gegensatz zu einigen Gliedkirchen), aber er akzeptiert Boykottmaßnahmen grundsätzlich, ähnlich wie fünf deutsche Landeskirchen, die in einer gemeinsamen Stellungnahme zwar den Apartheid-Begriff und BDS ablehnen, aber »Boykottmaßnahmen als legitime gewaltfreie Form eines politischen Widerstands« mindestens aus Siedlungen anerkennen.

Boykott hat für uns Juden nicht nur den Geschmack von »Kauft nicht bei Juden!«, sondern er schadet auch den Palästinensern wirtschaftlich, und es stellt sich automatisch die Frage, warum keine anderen Boykotte diskutiert werden.

Teil des Boykotts sind auch akademische und Kulturveranstaltungen sowie -kooperationen. Doch gerade hier sind es eher Projekte, die dem Frieden und der Verständigung dienen. Wer wirklich einen palästinensischen Staat möchte, der sollte die wirtschaftliche, akademische und kulturelle Zusammenarbeit unterstützen und nicht Austausch, Meinungsfreiheit, Menschenrechte und Pluralismus verhindern. Eine Unterstützung von Projekten, die den Friedensprozess fördern, wäre sinnvoller als der Boykott eines demokratischen Staates.

PERSPEKTIVE Die AG Juden und Christen beim Deutschen Evangelischen Kirchentag hat in einer Stellungnahme gezeigt, dass es in Deutschland auch evangelische Theologen mit anderer Perspektive gibt. Sie zeigen klare Kante zum Apartheid-Vorwurf und zum Boykott.

Die Debatte hat offengelegt, wie belastend das Thema für den christlich-jüdischen Dialog in Deutschland geworden ist. Jüdische Kritiker des Dialogs werden sich einmal mehr in ihrer Ablehnung bestätigt fühlen: Warum sollten wir Jüdinnen und Juden mit Kirchen im Dialog sein, die Israel mit Apartheid und Kolonialismus gleichsetzen? Wenn es die Kirchen mit einem Dialog auf Augenhöhe ernst meinen, dann müssen sie sich hier klar und unmissverständlich positionieren. Sie werden sich mit diesem »heißen Eisen« auch theologisch beschäftigen müssen.

Das Jüdischsein Jesu wird christlicherseits gern als Verbindung zwischen Judentum und Christentum betont. Was aber ist mit dem Land? Jesus wurde im Land Israel geboren, er hat dort gewirkt, wie die meisten seiner Jünger, von dort ging die christliche Lehre in die Welt, und nach christlichem Verständnis wird Jesus dort wiederkehren. Zudem befinden sich auch die heiligen Orte des Christentums in Israel. Es ist also auch das Land, das Juden und Christen miteinander verbindet.

Der Autor ist Mitteleuropa-Direktor des Center for Jewish-Christian Understanding and Cooperation sowie Mitglied der Orthodoxen Rabbinerkonferenz Deutschland (ORD).

Vladimir Shikhman

Meinung

Das ibug-Festival 2025 – eine sächsische Documenta?

Antisemitismus in der Kunst: Auf dem internationalen ibug-Festival in Chemnitz wurden im vergangenen Jahr Werke gezeigt, die antisemitische Klischees reproduzierten. Droht dieses Jahr eine Wiederholung?

von Vladimir Shikhman  28.07.2026

The OpenAI logo is displayed on a mobile phone screen in this photo illustration, as artificial intelligence tools continue to expand across consumer and business applications in Brussels, Belgium, on February 28, 2026. (Photo by Jonathan Raa/NurPhoto)

Meinung

KI: Wie die Welt einmal untergehen könnte

Der Kontrollverlust der Softwarefirma OpenAI über ihr neuestes Modell macht erneut die Notwendigkeit deutlich, KI-Technologie stärker zu regulieren. Dabei geht es um nicht weniger als die Zukunft der Menschheit

von Joshua Schultheis  28.07.2026

Meinung

Wir müssen darüber sprechen, was der Terror mit dem Islam zu tun hat

Die islamistische Ideologie muss endlich als solche benannt werden – auch weil Muslime zu den ersten Opfern der Terroristen gehören

von Ali Ertan Toprak  28.07.2026

Filmkritik

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«

von Achim Bühl  27.07.2026

Meinung

Die Gefahr des Islamismus endlich ernst nehmen

Nach dem islamistischen Anschlag auf den Berliner CSD reichen Bekundungen der Trauer und Betroffenheit nicht. Es braucht konkretes gesetzgeberisches Handeln, um dem Terror zu begegnen

von Volker Beck  26.07.2026

Meinung

»Glückwunsch« zum Genozid-Vorwurf

Solange die Grüne Jugend einseitig gegen Israel gerichtete Beschlüsse fasst, kann sie kein Partner im Kampf gegen Antisemitismus sein

von Anika Schmütz  26.07.2026

Meinung

Bringt Israel die Vereinten Nationen zu Fall?

Die obsessive Fixierung der UN auf den jüdischen Staat steht im Widerspruch zu ihren ursprünglichen Werten. Diese Heuchelei wird der Staatengemeinschaft irgendwann noch zum Verhängnis werden

von Daniel Neumann  26.07.2026

Meinung

Wo ist der Geist von Sarajevo?

Auch in Deutschland rufen Vertreter der bosnischen Diaspora zunehmend nach harten Sanktionen gegen Israel und scheuen den Dialog mit den jüdischen Gemeinden hier. Das war schon einmal anders

von Marc Simon  24.07.2026

Meinung

Notbremse gegen Antisemitismus

Die Hochschulleitungen müssen den Judenhass ihrer Mitarbeiter und Studierenden als das ernst nehmen, was er ist: eine Gefahr für jüdisches Leben in Deutschland

von Debora Eller  22.07.2026