Iran wird nicht mehr von der US-Luftwaffe und jener Israels bombardiert. Teheran wiederum nimmt gegenwärtig kaum noch israelische Ziele offen unter Beschuss. Es herrscht zunächst eine zweiwöchige Feuerpause zwischen Washington und Teheran.
US-Präsident Trump, der eben noch damit drohte, Iran in die Steinzeit zu bomben, wenn dessen Mullah-Regime nicht sofort die »verdammte Straße von Hormuz« für die internationale Schifffahrt öffnen würde, gibt sich zufrieden. Seine Kriegsziele habe Washington längst erreicht, so der erratische New Yorker. Die alte Führung in Teheran sei ausgeschaltet und der Schiffsverkehr müsse nun freigegeben werden.
Ins gleiche Horn stößt US-Kriegsminister Pete Hegseth. Er verkündet einen vollständigen Triumph der amerikanischen Streitkräfte.
Alles wieder paletti? Und was ist mit den Menschen in Iran und Israel?
Genugtuung anderer Art herrscht in Berlin. Kanzler Friedrich Merz hatte kürzlich betont, »Dies ist nicht unser Krieg.« Bundespräsident Steinmeier wiederum urteilte bereits zuvor, dass der Krieg der USA dem Völkerrecht widerspreche. Nun ist der Krieg endlich vorbei – und es besteht gute Aussicht, dass die Spritpreise wieder fallen könnten, so die Mineralölkonzerne sich dazu bereitfinden.
Alles wieder paletti? Und was ist mit den Menschen in Iran und Israel?
In der Knesset, dem Parlament des jüdischen Staates, hatte Merzens CDU-Vorgängerin im Amt Angela Merkel 2008 mit Hinweis auf die Vernichtungspläne Irans gegen Israel hervorgehoben, »Israels Sicherheit ist deutsches Staatsinteresse«. Ohne diese Aussage zu beachten war der damalige deutsche Außenminister Steinmeier 2015 eine treibende Kraft des Nuklearabkommens mit Iran (JCPOA), an dem Israel, der am unmittelbarsten gefährdete Staat, nicht teilnehmen durfte.
Nachdem die USA unter Präsident Trump das Abkommen 2018 gekündigt hatten, verlor Teheran die letzten Hemmungen und machte sich daran, Uran zur Kernwaffenfähigkeit anzureichern. Träger-Raketen entwickelte Iran ohnehin. Europas Meinung und Interessen interessierten Teheran nicht.
Da Iran nicht daran dachte und denkt, mit Israel zu verhandeln, blieb Jerusalem nichts anderes übrig als – gemeinsam mit den USA – der Mullah-Diktatur zuvorzukommen und deren Atomwaffenfabriken im vergangenen Sommer anzugreifen, um seinerseits Attacken auf Zion zu verhindern. Das widersprach gängigen Interpretationen des Völkerrechts – diese fordern den Beweis eines unmittelbar bevorstehenden Angriffs. Den sah der Völkerbund bereits 1938 nicht als gegeben an.
Die Vernichtung des europäischen Judentums nahm die Staatengemeinschaft ab Sommer 1941 weitgehend unbewegt hin. US-Präsident Roosevelt war genau über den Völkermord unterrichtet, ebenso wie der Papst, Churchill und andere. Die Kriegsmächte weigerten sich gar, die Wege nach Auschwitz zu bombardieren. Das muss hier erwähnt werden, denn keine israelische Regierung darf bei dieser jüngsten jüdischen Geschichte riskieren, die Existenz Zions vom – fehlenden – guten Willen seiner Feinde abhängig zu machen. Oder sich auf seine untätigen Freunde verlassen.
Die wollen lieber Israel die »Drecksarbeit« machen lassen, wie Kanzler Merz zugab. Wohl wissend, dass zumindest Europa selbst durch das Schiitenregime gefährdet ist. Dennoch schließt sich die Bundesregierung gegenwärtig der Kritik am Präventivkrieg Israels und der USA an. Berlin will im Einklang mit den verärgerten Bürgern bleiben, statt diese über die Hintergründe des Geschehens zu informieren.
So belässt man es dabei, sich über die ungehobelte Sprache Trumps zu empören. Es ist unpopulär zuzugeben, dass Trump sich mit Israel gewaltsam solidarisierte, während Deutschland es unterließ. Taktgefühl und politische Klugheit sowie Anstand hätten geboten, zumindest zu schweigen, statt der öffentlichen Meinung hinterher zu hecheln.
Israels untätige Freunde wollen lieber Jerusalem die »Drecksarbeit« machen lassen, wie Kanzler Merz zugab.
Bei der Bevölkerung in Israel und Iran kam – im Gegensatz zu europäischen Politikern – trotz des vorläufigen Endes der Bombardierungen keine Freude auf. Aus gutem Grund. Trump und Netanjahu hatten den Menschen einen Regimewechsel in Iran, das Ende der atomaren Bedrohungskapazitäten und des Raketenpotentials im rabiaten Schiitenreich versprochen. Doch kein Ziel konnte vollständig verwirklicht werden.
Jerusalem und Washington hatten bei ihren Attacken falsche Prioritäten gesetzt. Sie hätten ihre Schlagkraft wie zu Beginn des Waffengangs ausschließlich auf die verbrecherische Führung sowie deren Killereinheiten der Revolutionsgarden und den inneren Terrorverbänden der Basidschmilizen konzentrieren sollen. So wäre die oppositionelle Bevölkerung zum Umsturz ermutigt worden.
Stattdessen verzettelten die USA und Israel ihre Kräfte. Das Regime konnte sich trotz gravierender Verluste konsolidieren, die Bevölkerung niederhalten und die Nachbarn terrorisieren. Teheran wird in den anstehenden Verhandlungen von Washington erhebliche Zugeständnisse fordern – und bekommen. Denn Trump will um fast jeden Preis aus der Falle eines langanhaltenden Landkriegs in Asien entkommen. Doch der anstehende Geldsegen, für den auch die »zurückhaltenden« Europäer werden aufkommen müssen, wird keineswegs weitgehend zum Aufbau eines friedlichen Irans verwendet werden.
Vielmehr werden die Mullahs alles tun, um ihr Atom- und Raketenprogramm optimal auszubauen. Damit seine Existenz gewahrt bleibt, wird Jerusalem, wenn es in ein, spätestens in zwei Jahren wieder so weit ist, gezwungen sein, diese Bedrohungen auszuschalten – einerlei wer an der Regierung ist. Israel wird dabei voraussichtlich, wie so oft, alleine sein. Der nächste Krieg ist also absehbar. Teheran sitzt am Zeitschalter.
Die Mullahs werden alles tun, um ihr Atom- und Raketenprogramm optimal auszubauen.
Der Gewaltausbruch kann verhindert werden. Wenn die Europäer endlich begreifen, dass es sich bei dem Konflikt nicht um ein »Notopfer Israel« handelt, sondern dass wir alle im gleichen Boot sitzen. Auch wenn es den Herren Macron, Sanches und Merz nicht gefällt: Ihre Länder sind gesellschaftlich, politisch und auch militärisch durch Teheran akut und potenziell bedroht.
Die Europäer sollten endlich ihre rosarote Beschwichtigungsbrille ablegen und der Gefahr ins Auge sehen. Wir sitzen alle im gleichen Boot. 1938 mit der Tschechoslowakei, heute mit Israel. Niemand verlangt von Deutschland und Europa, in den Krieg zu ziehen. Auch nicht Israel und dessen vermeintlich allmächtiger Premier.
Doch die Politiker und Bürger unseres freien alten Erdteils sollten sich ihrer wirtschaftlichen, politischen und nicht zuletzt moralischen Kraft besinnen und Solidarität mit der einzigen, bedrängten, keinesfalls fehlerlosen Demokratie in der Region üben – im eigenen Interesse.
Der Autor ist Historiker und lebt in Berlin. Jüngst erschien bei Herder sein Buch: »Keine Schonzeit für Juden. Die Antwort eines Betroffenen«.