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Ein belasteter Ort verlangt Bewusstsein

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Ein belasteter Ort verlangt Bewusstsein

Belastete Orte wie etwa Hitlers Geburtshaus in Braunau gibt es in Deutschland und Österreich viele. Erinnerung daran bedeutet, ihr in der Gegenwart die richtige Antwort zu geben

von Vladimir Vertlib  29.07.2026 16:01 Uhr

In Hitlers Geburtshaus im österreichischen Braunau ist vergangene Woche eine Polizeiwache eröffnet worden. Jahrzehntelang hatte man über die Nutzung des NS-belasteten Gebäudes gestritten. Es drohte zum Magneten für Neonazis zu werden, ja, war dies zeitweise bereits.

Die Entscheidung wirft eine grundsätzliche Frage auf: Wie viel historische Last muss ein Ort tragen? Ein Gedenkstein vor Hitlers Geburtshaus ist richtig und notwendig. Er erinnert daran, wer hier geboren wurde und welche Verbrechen von der NS-Herrschaft ausgingen, die Hitler verkörperte. Aber ein Gebäude ist kein Täter. Mit dem nötigen Bewusstsein für seine Geschichte kann es einer demokratischen Nutzung zugeführt werden – auch und gerade, damit es für niemanden zu einem Kultort wird.

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Eine Polizeiwache ist ein starkes Symbol: Ein mit einer Diktatur verbundener Ort dient nun dem Schutz der Demokratie und des Rechtsstaats. Belastete Orte gibt es in Deutschland und Österreich viele. Man kann und sollte nicht alle zerstören oder zu Gedenkstätten umwandeln. Täte man dies, wäre Mitteleuropa über kurz oder lang eine gigantische Topografie des Grauens. Wo hat Hitler gewohnt? Wo hat Odilo Globocnik übernachtet? Wo hat Eichmann mit seinen Mitarbeitern zu Mittag gegessen und Details der Endlösung ausgearbeitet?

Geschichte muss präsent bleiben, aber Veränderung muss bewusst, vielleicht auch symbolisch, zugelassen werden.

Überall gibt es diese und ähnliche Orte. Man muss sie als Teil der Gegenwart sehen und entsprechend nutzen können, ohne ihre historische Bedeutung zu vergessen. Geschichte muss präsent bleiben, aber Veränderung muss bewusst, vielleicht auch symbolisch, zugelassen werden.

Das Geburtshaus des Massenmörders Hitler, in dem er gerade einmal drei Jahre gelebt und an das er später keinerlei Erinnerungen mehr hatte, ist sicher nicht so belastet wie die Stadt Leonding, wo Hitler als Jugendlicher gewohnt hat, oder das Männerwohnheim in der Meldemannstraße in Wien, wo er als junger Mann seine ersten Wahnideen entwickelte. Nicht jedes belastete Haus muss ein Museum werden. Aber jeder belastete Ort verlangt Bewusstsein. Erinnerung bedeutet, ihr in der Gegenwart die richtige Antwort zu geben.

Der Autor ist Schriftsteller und lebt in Salzburg. Von ihm erschien zuletzt »Der Jude der Kaiserin«.

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