Menachem Z. Rosensaft

Deutsche Bahn auf Abwegen

Menachem Z. Rosensaft Foto: picture alliance / dpa

Menachem Z. Rosensaft

Deutsche Bahn auf Abwegen

Eine neue Bahntrasse soll in nur 400 Meter Abstand an der Verladerampe des ehemaligen Todeslagers Bergen-Belsen vorbeiführen. Der Umgang mit diesem historischen Ort ist skandalös

von Menachem Z. Rosensaft  22.01.2026 12:41 Uhr

Als meine Eltern wie Zehntausende andere von der SS verschleppte Häftlinge in das NS Todeslager Bergen-Belsen gebracht wurden, kamen sie an der nahe gelegenen Verladerampe der Bahn an. Von dort wurden sie anschließend rund sechs Kilometer zu den Baracken des Lagers getrieben. Viele von ihnen starben schon bei der Ankunft.

Die Verladerampe ist eines der letzten authentischen Zeugnisse der mörderischen Logistik der »Endlösung« in Bergen-Belsen – und den Verantwortlichen der Deutschen Bahn, die gerade die neue ICE-Strecke zwischen Hamburg und Hannover planen, dürfte das sehr wohl bewusst sein. Trotzdem empfehlen sie eine Trassenführung, die in nur 400 Metern Abstand an dem historischen Tatort vorbeiführen soll. Damit besteht ein reales Risiko, dass die Rampe während der Bauarbeiten in Mitleidenschaft gezogen wird.

Der Verkehrsausschuss des Bundestags sollte die von der Bahn vorgeschlagene Trassenführung ablehnen.

Ich frage mich, ob diese Verantwortlichen der Bahn einfach nur historisch unsensibel und absichtlich ignorant sind – oder ob ihre Motivation eine dunklere ist. Dass ausgerechnet die Nachfolgeorganisation der Deutschen Reichsbahn, die einst Millionen von Juden in die Todeslager transportierte, heute ein sichtbares Zeugnis für die Verbrechen der Nationalsozialisten gefährdet, ist ein moralischer Offenbarungseid.

Wer an Orten wie Bergen-Belsen baut, trägt eine besondere Verantwortung. Es ist nicht nur eine technische, sondern auch eine historische, ethische und gesellschaftliche. Diese Verantwortung zu ignorieren, ist kein Versehen. Es ist ein Versagen.

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Der Verkehrsausschuss des Bundestags sollte die von der Bahn vorgeschlagene Trassenführung ablehnen und eine alternative Streckenführung wählen, die in sicherem Abstand von mindestens einem Kilometer an der Rampe vorbeiführt.

Gerade jetzt, kurz vor dem Holocaust-Gedenktag am 27. Januar, darf es keinen Zweifel geben. Die Gedenkorte der Schoa müssen geschützt werden – ohne Wenn und Aber. Und die ehemalige Verladerampe von Bergen-Belsen gehört dazu.

Der Autor wurde 1948 im DP-Camp Bergen-Belsen geboren und ist Vorsitzender des Beirats der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten.

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