Meinung

Der Missbrauch von Anne Frank und die Liebe zu toten Juden

Daniel Neumann Foto: Gregor Matthias Zielke

Meinung

Der Missbrauch von Anne Frank und die Liebe zu toten Juden

In einem Potsdamer Museum stellt der Maler Costantino Ciervo das jüdische Mädchen mit einer Kufiya dar. So wird aus einem Schoa-Opfer eine universelle Mahnfigur, die vor allem eines leisten soll: die moralische Anklage Israels

von Daniel Neumann  21.12.2025 22:48 Uhr

»People Love Dead Jews«. Das ist nicht nur der Titel eines großartigen Buches der amerikanischen Autorin Dara Horn. Sondern es ist auch eine Wahrheit, vor der viele die Augen verschließen. Dabei ist es durchaus verständlich. Denn die toten Juden sind umgänglicher und verträglicher. Nicht so streitbar oder nervtötend. Nicht ambivalent oder moralisch herausfordernd. Also einfach viel leichter handzuhaben.

Sicher: Sie sind eine konstante Erinnerung an das moralische, gesellschaftliche und menschliche Totalversagen einer ganzen Generation. Aber davon kann man sich leicht distanzieren. Ist ja lange her. Und Schuld ist bekanntlich individuell. Damit ist die eigene Weste blütenrein und es lebt sich ziemlich unbeschwert.

Externer Inhalt

An dieser Stelle finden Sie einen externen Inhalt, der den Artikel anreichert. Wir benötigen Ihre Zustimmung, bevor Sie Inhalte von Sozialen Netzwerken ansehen und mit diesen interagieren können.

Mit dem Betätigen der Schaltfläche erklären Sie sich damit einverstanden, dass Ihnen Inhalte aus Sozialen Netzwerken angezeigt werden. Damit können personenbezogene Daten an Drittanbieter übermittelt werden. Dazu ist ggf. die Speicherung von Cookies auf Ihrem Gerät nötig. Mehr Informationen finden Sie hier.

Mehr noch: An den toten Juden kann man seine eigene Aufrichtigkeit zelebrieren. Seine moralische Erhabenheit demonstrieren. Und sich selbst auf der richtigen Seite der Geschichte verorten. Und zwar ohne Risiko oder Konsequenz. Was kann es Schöneres geben? Kein Wunder, dass deshalb auch tote Juden immer mal wieder missbraucht werden. Um auf ihrem Rücken Karriere zu machen. Oder um Aufmerksamkeit zu erlangen. Oder um moralische Unanfechtbarkeit zu erreichen.

Die kleine Anne als Pro-Pali-Ikone. Als Arafats Erbin. Als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Unfreiheit und Gewalt.

Diesmal – und nicht zum ersten Mal – musste Anne Frank herhalten, deren tragische Geschichte durch ihr Tagebuch weltbekannt wurde. Jüngst wurde sie in einer »israelkritischen« Kunstausstellung namens »Comune – Das Paradox der Ähnlichkeit im Nahostkonflikt« des selbsternannten Marxisten Costantino Ciervo in Potsdam ausgestellt. Mit einer Kufiya um die Schultern. Die kleine Anne als Pro-Pali-Ikone. Als Arafats Erbin. Als Symbol für den Kampf gegen Unterdrückung, Unfreiheit und Gewalt.

Diese Perversion führte – Überraschung! – zu Protesten des brandenburgischen Antisemitismusbeauftragten und des Vorsitzenden der Deutsch-Israelischen Gesellschaft. Sie betrachten das Bild als antisemitisch und forderten dessen Entfernung, was Künstler und Aussteller notabene brüsk von sich wiesen.

Stattdessen hat Ciervo neben dem Bild einen Text angebracht. Darin heißt es: »Ihr Andenken, als Zeugin des Holocaust, steht nicht nur für die Erinnerung an die Schoa, sondern wird zum universellen Symbol der Verurteilung von Gewalt. In meinem Gemälde soll diese Figur eine moralische Stimme verkörpern«.

Lesen Sie auch

Um es mit dem Philosophen Harry Frankfurt zu sagen: Das ist »Bullshit!« Was hier tatsächlich geschieht, ist der gnadenlose Missbrauch eines jüdischen Mädchens, um eine antijüdische Erzählung zu speisen. Es ist die allgegenwärtige Universalisierung einer spezifisch jüdischen Vernichtungserfahrung, um die eigenen antiisraelischen Botschaften zu rechtfertigen. Und es ist die perverse Instrumentalisierung jüdischen Leidens zur Delegitimierung jüdischer Selbstbehauptung.

Ob das nun antisemitisch ist oder nicht, ist zweitrangig. Denn die Botschaft ändert dies ebenso wenig wie die Einstellung der Besucher. Entscheidend ist etwas anderes: Anne Frank darf in dieser Version nur existieren, weil man ihr das Jüdische, das Konkrete, das Politische genommen hat. Sie wird zu einer Waffe in den Händen ihrer moralischen Plünderer. Zu einem Symbol, welches das Gegenteil dessen ist, für das stolze Juden heute stehen.

Man liebt tote Juden, weil sie nichts fordern, nicht widersprechen, keinen Anspruch auf Selbstbehauptung erheben.

Genau darin liegt der Kern. Man liebt tote Juden, weil sie nichts fordern, nicht widersprechen, keinen Anspruch auf Selbstbehauptung erheben. Und weil sie sich ihres moralischen Missbrauchs nicht erwehren können. Es geht deshalb nicht um Kunstfreiheit, sondern um antiisraelische gleich antizionistische gleich antijüdische Deutungshoheit.

Anne Frank wird deshalb umcodiert: Aus einem jüdischen Opfer wird eine universelle Mahnfigur, die heute vor allem eines leisten soll – die moralische Anklage Israels. Und das ist kein Missverständnis, sondern ein Muster. Ein Glück, dass Anne Frank tot ist und das nicht mehr miterleben muss.

Der Autor ist Jurist und Vorsitzender des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden in Hessen.

Ausstellung

Das heitere, coole, elegante Amerika

Die Kunsthalle Tübingen zeigt neue Werke des 99-jährigen Jahrhundertmalers Alex Katz

von Eugen El  17.08.2026

Rezension

Antidot gegen Lüge und Vernebelung

Richard Herzinger war ein lebenslanger Streiter gegen Antisemitismus jeglicher Couleur. Ein Auswahlband seiner Texte zeigt ihn nun einmal mehr als einen wortmächtig-analytischen Solitär

von Marko Martin  17.08.2026

Noga Erez

»Zu komplex für einen Soundbite«

Ein neuer Dokumentarfilm porträtiert die israelische Popmusikerin zwischen Krieg, Boykott und Freiheitswillen

von Chris Schinke  17.08.2026

Interview

»Israel zu retten, bedeutet, die Menschheit zu retten«

Die Berliner Kabarettistin Michaela Dudley über die historische Allianz zwischen Schwarzen und Juden, Antisemitismus in den Medien – und warum sie seit dem 7. Oktober 2023 oft »gecancelt« wird

von Helmut Kuhn  16.08.2026

Kulturkolumne

Rückkehr nach Aschkenas

Wo sind Juden zu Hause?

von Eugen El  16.08.2026

Zahl der Woche

0 Euro

Fun Facts und Wissenswertes

 16.08.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Small Talk oder Die anstrengende Zeit nach dem Urlaub

von Nicole Dreyfus  16.08.2026

Aufgegabelt

Sauerkirschsuppe mit Sauerrahm

Rezepte und Leckeres

von Noemi Berger  16.08.2026

TV-Kritik

Der Ring, der nie gelungen: Arte-Doku über Richard Wagner und sein monumentales Werk

Eine Arte-Dokumentation erzählt die Geschichte von Richard Wagners Gesamtkunstwerk und seiner Vereinnahmung durch die Nazis

von Manfred Riepe  15.08.2026