Meinung

Das Gedenken schützen

Eingang in die Gedenkstätte Buchenwald Foto: picture alliance / imageBROKER

Rund um den 81. Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Buchenwald plant eine Kampagne namens »Kufiyas in Buchenwald« für den 11. und 12. April antisemitische Aktionen und Demonstrationen auf dem Gelände der Gedenkstätte. Gegen diese Provokation wehren wir uns.

Deshalb haben wir gemeinsam mit 16 weiteren Organisationen und Unterstützern eine Stellungnahme veröffentlicht, die dieses Vorhaben auf das Schärfste verurteilt – nicht nur ein Thüringer Signal, sondern ein bundesweites Bekenntnis gegen Antisemitismus.

Initiiert wurde die Stellungnahme vom Netzwerk Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz e. V. (NJH). Das Engagement des NJH geht über den aktuellen Anlass hinaus: Das Netzwerk steht in ständigem Austausch mit Universitätsleitungen, um antisemitischen Tendenzen an Hochschulen entgegenzuwirken – so auch in Jena – und arbeitet in Thüringen eng mit der Jüdischen Landesgemeinde zusammen. Dass die angekündigten Aktionen nun unmittelbar bevorstehen, macht unser Engagement besonders dringlich. Das NJH bezieht jetzt auch gegen diese Kampagne klar Stellung. Da es diesmal um Buchenwald und Thüringen geht, haben wir uns als Jüdische Landesgemeinde besonders engagiert, in Zusammenarbeit mit den Städten Weimar, Erfurt und der Stiftung Gedenkstätten Buchenwald und Mittelbau-Dora. Denn was diese Agitatoren vorhaben, ist ein Angriff auf die Grundfesten unserer Erinnerungskultur.

Die Kampagne »Kufiyas in Buchenwald« wird von einem Bündnis aus linksradikalen Gruppen getragen, darunter auch vom Verfassungsschutz als gesichert extremistisch eingestufte Organisationen und Terrorverherrlicher.

Wir hoffen, dass die Behörden diese Aktionen auf dem Gelände der Gedenkstätte verbieten.

Ihr Ziel ist unmissverständlich: die offizielle Gedenkveranstaltung zu überlagern und daraus eine Aktion gegen Israel zu machen. Angekündigt ist unter anderem eine »Mahnwache« am Parkplatz der Gedenkstätte und am Glockenturm des Mahnmals.

Wir hoffen, dass die zuständigen Behörden diese Aktionen auf dem Gelände der Gedenkstätte verbieten. Die Stiftung hat eine fundierte Begründung vorgelegt, warum man das nicht zulassen darf. Eine Entscheidung könnte in den nächsten Tagen fallen. Für den Fall, dass die Demonstration doch zugelassen wird, haben wir uns mit der Stiftung und der Stadt Weimar verständigt: Dann würden wir selbst eine Gegendemonstration organisieren.

Wir haben für unsere Toten keine Gräber – Buchenwald ersetzt sie. Die Cremer-Plastik am Glockenturm, die Skulptur über den Massengräbern, in denen Tausende Ermordete liegen – unter ihnen zahlreiche Juden –, nutzt die Kampagne sogar als Motiv für ihre Flugblätter. Dieser Ort darf nicht von Antisemiten entweiht werden. Für die Aktionen dieser Gruppen können andere Orte in Weimar zur Verfügung gestellt werden, aber nicht Buchenwald. Wenn wir am Tag der Befreiung am 11. April an die jüdischen Opfer denken, dann denken wir auch an die Überlebenden, die direkt nach der Befreiung einen »Kibbuz Buchenwald« gründeten und sich auf ihre Auswanderung nach Eretz Israel vorbereiteten. Am Ort des einstigen Lagers wurde die blau-weiße Fahne mit dem Davidstern gehisst – als Ausdruck von Überleben und Selbstbestimmung.

Für uns gehört der jüdische Staat Israel untrennbar zu den Überlebenden und zur Ehrung der Toten.

Doch genau dieses Band wird jetzt umgekehrt: Statt Israel als das zu sehen, was es für die Überlebenden war – der Inbegriff der Rettung –, wird der Staat an einem Ort, der wie kaum ein anderer die historische Notwendigkeit dieses Zufluchtsortes belegt, als Täter diffamiert. Wir möchten es klar sagen: Das ist eine bewusste und perfide Täter-Opfer-Umkehr.

Hier wird das Gedenken an unsere Toten instrumentalisiert, um Israel zu dämonisieren. An einer Stätte, an der wir der Opfer gedenken, darf das nicht zugelassen werden. Dem treten wir mit aller Entschiedenheit entgegen.

Für uns gehört der Staat Israel untrennbar zu den Überlebenden und zur Ehrung der Toten.

Wichtig ist für uns, dass diese Stellungnahme eine breite demokratische Diskussion in Thüringen angestoßen hat. Die Stadt Weimar, die Gedenkstätte Buchenwald, der Landesbeauftragte für jüdisches Leben und die Bekämpfung des Antisemitismus, Michael Panse, und weitere Organisationen – sie alle stehen geschlossen zusammen.

So schlimm dieser Angriff auf unsere Erinnerungskultur auch ist: Er hat schließlich dazu geführt, dass die demokratischen Kräfte in Thüringen enger zusammengerückt sind, um die Würde der Opfer zu bewahren.

Reinhard Schramm ist Vorsitzender der Jüdischen Landesgemeinde Thüringen.

Marek Sierka ist Professor für Computational Materials Science an der Friedrich-Schiller-Universität Jena und Vorstandsmitglied des Netzwerks Jüdischer Hochschullehrender in Deutschland, Österreich und der Schweiz.

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