Meinung

»Blutspur Antwerpen« – Ein Lehrstück in Sachen Antisemitismus

Szene aus »Blutspur Antwerpen«: Louma (Marie-Lou Sellem) und ihr Vater, der ehemalige Diamantenhändler Louis Shapiro (Moisej Bazijan) Foto: © ARD Degeto Film/Nicolas Velter

Am 11. Juli 2026 hatte im Ersten der Spielfilm »Blutspur Antwerpen« Premiere. Der Krimi ist ein Lehrstück in Sachen israelbezogenem und postkolonialem Antisemitismus. Im belgischen Antwerpen wird das Männermodel Jean-Baptiste Kalemba von einem vermummten flüchtigen Radfahrer ermordet. Die belgische Kommissarin Louma Shapiro ermittelt, die kurz darauf mit Kisha Kalemba, der Halbschwester des Opfers, die aus dem Kongo zu Besuch ist, Kontakt aufnimmt. Der Mord war eine Verwechselung und galt in Wirklichkeit ihr.

Kisha gilt einem kriminellen Netzwerk als Störfaktor, da sie das schmutzige Geschäft mit »Blutdiamanten« im Kongo sowie die Ausbeutung und Gefährdung von Kindern in den dortigen Minen anprangert. Kisha hasst hierfür den belgischen Diamantenhändler Abel Hoffmann, der vorgibt mit »Fair-Trade-Steinen« zu handeln. Wie zu erwarten, löst die Kommissarin am Ende den heiklen Fall. Hoffmann landet vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag. Der Krimi endet, als sich die Türen des Sitzungssaales schließen. Der Zuschauer erwartet eine gerechte Strafe für den abgrundtiefen Bösewicht.

Der Transfer des pejorativen Bildes vom habgierigen, Fäden ziehenden Juden (»Protokolle der Weisen von Zion«) wird überdeutlich, wenn am Ende des Krimis der belgisch-jüdische Hoffmann nicht vor einem belgischen Strafgericht landet, sondern vor dem IGH in Den Haag.

Keine einzige Rezension hat den Krimi bislang als das gewertet, was er ist: Ein rassistisches Machwerk in Gestalt einer »antisemitischen Parabel«. Mit seinem stereotypen, »klassisch jüdischen Namen« steht Hoffmann für das Pejorativ des »jüdischen Kapitalisten«. Hoffmann ist der »koloniale, kapitalistische Ausbeuter«, der »Kindermörder-Jude« (vergleiche die Ritualmordlegende). Letztlich steht Hoffmann für Netanjahu sowie der Kongo für Gaza. Im Stil des postkolonialistischen Antisemitismus ist Hoffmann der »weiße Kolonialherr«, der den Machern des Krimis als Stellvertreter für den vermeintlich »kolonialistischen Siedlerstaat« Israel dient.

Staaten vs. Einzelpersonen

Der Transfer des pejorativen Bildes vom habgierigen, Fäden ziehenden Juden (»Protokolle der Weisen von Zion«) wird überdeutlich, wenn am Ende des Krimis der belgisch-jüdische Hoffmann nicht vor einem belgischen Strafgericht landet, sondern vor dem IGH in Den Haag, d. h. er wird als Belgier nicht vor einem belgischen Strafgericht angeklagt, sondern vor dem Internationalen Gerichtshof in den Niederlanden. Vor diesem Gericht werden indes nur Staaten angeklagt und keineswegs Einzelpersonen, was den Machern des Krimis bekannt sein dürfte. Dergestalt steht Hoffmann in kollektivierender Weise für Israel.

Da es sich bei den kolonialistischen Verbrechen des belgischen Staates im Kongo (»Kongo-Gräuel«) um Verbrechen gegen die Menschlichkeit in völkermordähnlicher Dimension (bis zu 10 Millionen Opfer) handelt, wird überdeutlich, was gemeint ist. Der Zuschauer erwartet vom IGH, dass Hoffmann (alias Netanjahu/Israel) entsprechend verurteilt wird, d. h. des Genozids für schuldig befunden wird. Da die Parallelisierung offenkundig ist, benötigen die Krimi-Macher noch ein wenig »Tokenism«, d. h. Pseudo-Entlastungen, so etwa in Gestalt der selbstlosen belgisch-jüdischen Kommissarin Louma Shapiro, die frei von Korruption ist, und ehrbarer orthodox-jüdischer Diamantenschleifer, gemäß dem Motto: »Der Spielfilm kann nicht antisemitisch sein, weil auch gute Juden vorkommen!«

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Nach dieser kruden Logik wäre indes selbst Hitler kein Antisemit, da auch er mit dem Arzt Eduard Bloch seinen »Edeljuden« besaß. Die Gestaltung des familiären Umfelds weist dabei die Ermittlerin mittels traditioneller Einrichtungsgegenstände als Jüdin sowie ihren Vater, den ehrbaren Diamantenschleifer Louis Shapiro, mittels Kleidung und Lebensweise als chassidisch-orthodoxen Juden aus. Gewiss wird das verbrecherische Diamantenkartell mit Hoffmann als Kopf sowie als eiskalten Drahtzieher im Hintergrund, der auch den Mord an dem achtbaren jüdischen Diamantenschleifer Jerchil Theuerkauf in Auftrag gibt, nicht explizit als jüdische Verbrecherclique eingeführt, indes sorgen die weit verbreiteten antisemitischen Verschwörungsmythen von »der jüdischen Finanzmacht« bzw. die im europäischen Kollektivbewusstsein tief verankerten strukturellen antijüdischen Narrative für die von den Produzenten gewollte Assoziierung.

»Koloniales Übel«

Die Deutschen haben 40 Prozent der Juden Belgiens ermordet. Unter den 26.000 Opfern befanden sich auch Tausende Diamantenschleifer aus Antwerpen. Allein 65 Prozent der Antwerpener Juden wurden in die Gaskammern geschickt. Der Film hüllt sich hierüber in Schweigen. Auch der historische Tatbestand der 28 belgischen Todeszüge macht den Spielfilm dergestalt zu einem Lehrstück in Sachen Antisemitismus, insofern er eine doppelte Täter-Opfer-Umkehr vornimmt: Der Krimi unterschlägt den deutschen Holocaust in Belgien und diffamiert zugleich Juden als »weiße Kolonialherren«, wodurch ihre Verfolgungshistorie seit der Antike ausgeblendet wird.

Die Projektion antisemitischer Motive auf Hoffmann alias Netanjahu bzw. Israel führt dergestalt zur Relativierung des Genozids der Deutschen an den belgischen Juden. Einmal mehr verschränkt sich im postmodernen Antisemitismus vermeintliche Kapitalismus- und Imperialismuskritik mit dem Hass auf Israel, das wie der belgische Staat im Kongo als eigentliche Ursache des »kolonialen Übels« (»Nahostkonflikt«) konstruiert wird.

Folgerichtig endet die »Gut-Böse-Erzählung« des Spielfilms mit der Anklage vor dem IGH in Den Haag. Angesichts der »Blutspur Antwerpen« täten die Protagonisten einer verengten Antisemitismus-Definition (»Jerusalemer Erklärung«) gut daran, ihre Sichtweise kritisch zu hinterfragen, da diese auf eine pure Entlastung moderner Antisemitismusvarianten wie dem israelbezogenen Antisemitismus hinausläuft.

Die IHRA-Definition ist deutlich besser imstande, das Wesen des antisemitischen Spielfilms zu erfassen. Die Programmdirektoren der ARD müssen sich fragen lassen, ob sie im Kulturbereich angesichts eines solchen Machwerks überhaupt noch dazu bereit sind, eine »rote Linie« zu ziehen oder ob in Deutschland in Sachen Antisemitismus einfach wieder alles gesagt und gesendet werden kann.

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