Meinung

Antisemitismus nach bayrischer Art

Leon Stork Foto: Marco Limberg

Meinung

Antisemitismus nach bayrischer Art

Ein Hotel im Bayerischen Wald verschickt eine antisemitische Nachricht an einen Touristen aus Israel. Das könnte eine Gelegenheit sein, Antisemitismus auf dem bayrischen Land zum Thema zu machen. Ein Kommentar

von Leon Stork  09.06.2026 15:26 Uhr

Seit dem 7. Oktober 2023 wird lautstark – und auch häufig zurecht – über den Antisemitismus in migrantisch geprägten Vierteln, linken Hausprojekten oder gratismutigen Künstlerkreisen diskutiert. Ist vom rechten Antisemitismus die Rede, dann vermutet man ihn in den ostdeutschen Bundesländern.

In den letzten Tagen ging nun ein Fall durch die Medien, der zeigt, dass diese Perspektive einer Korrektur bedarf. Auf eine Anfrage für ein Hotelzimmer im Bayerischen Wald erhielt ein aus Israel stammender Mann über die Plattform Booking.com die Antwort: »Entschuldigung, in unserem Hotel sind keine Juden erlaubt.«

»Saujud!« gehört auf dem bayrischen Dorf zum Standardrepertoire der Beleidigungen.

So widerwärtig und in höchstem Maß verurteilenswert der Vorfall auch sein mag: Wer selbst aus Bayern kommt und dort längere Zeit weit abseits der größeren Städte verbracht hat, den dürfte nicht allzu sehr wundern, dass die als ebenso gemütlich wie grantig geltenden Bewohner des bayrischen Hinterlands zu so etwas fähig sind. Man könnte hier beispielsweise anführen, dass »Saujud!« auf dem bayrischen Dorf zum Standardrepertoire der Beleidigungen gehört.

Oder sich an den Fall des stellvertretenden bayrischen Ministerpräsidenten Hubert Aiwanger erinnern, der mit einem antisemitischen Flugblatt in Verbindung gebracht wurde, das sein Bruder zu Schulzeiten verfasst haben soll. Das Flugblatt sei, so hieß es damals von Seiten des Bruders, bloß eine »überspitzte Form der Satire« gewesen, mit dem Ziel, einen »offen linksradikalen Lehrer« zu provozieren. Antisemitismus? Nein, ein Lausbubenstreich!

Lesen Sie auch

Freilich kommt all dem nur anekdotische Evidenz zu. Doch hier liegt möglicherweise das Problem: Eine Studie, die sich explizit mit der Verbreitung antisemitischer Ressentiments in den ländlichen Regionen Bayerns beschäftigt, fehlt bislang. Der Vorfall im Bayerischen Wald könnte ein Anlass sein, hier genauer hinzusehen. Bis dahin gilt: »Nix gwiss woas ma ned.«

stork@juedische-allgemeine.de

Kommentar

Wenn Studenten wieder anfangen, Juden auszugrenzen

Es sind Beschlüsse wie der Boykott-Beschluss des Studierendenparlaments der Humboldt-Uni, bei denen man sich unwillkürlich fragt, ob die zukünftige sogenannte deutsche Bildungselite noch zu retten ist

von Leeor Engländer  14.07.2026

Brüssel

900 Millionen Euro Herzenswärme

Knapp eine Milliarde Euro soll für den Wiederaufbau in den Gazastreifen gehen. Dass die Mittel am Ende tatsächlich nur in die zivile Infrastruktur fließen, ist zweifelhaft

von Michael Thaidigsmann  13.07.2026

Essay

Wann endet ein Flüchtlingsstatus?

Der Flüchtlingsstatus ist kein Dauerzustand. Wer über Asyl spricht, muss auch über die Bedingungen sprechen, unter denen Schutz wieder entfallen sollte

von Steven Guttmann  13.07.2026

Analyse

Das iranische Regime hat sich verkalkuliert

In Teheran glaubte man, dass US-Präsident Trump den Konflikt bis zu den Midterm-Wahlen nicht mehr eskalieren lassen würde. Doch in der amerikanischen Außenpolitik hat offenbar ein Lernprozess eingesetzt

von Michael Spaney  12.07.2026

Meinung

Wenn die Brandmauer bröckelt

Immer öfter erlebt unser Autor, dass die rechtsextreme AfD selbst in der gesellschaftlichen Mitte verharmlost wird. Ein persönlicher Erfahrungsbericht aus Düsseldorf

von Jacques Abramowicz  12.07.2026

Meinung

Reformprogramm der Bundesregierung: Auf schmalem Grat

Ein Sozialstaat, der Sicherheit verspricht und Misstrauen praktiziert, ist ein Signal für jene Kräfte, die von Angst und Spaltung leben

von Günter Jek  12.07.2026

Meinung

Das Wiener Lueger-Denkmal muss weg!

Die Performance des jüdischen Künstlers Alon Ishay hat eine neue Debatte über den Umgang der österreichischen Hauptstadt mit ihrer antisemitischen Geschichte angestoßen

von Tobias Kühn  08.07.2026

Sicherheit

Der NATO-Gipfel darf nicht zum Kniefall vor dem national-islamistischen Autokraten Erdoğan werden

Ein Kommentar von Ali Ertan Toprak

von Ali Ertan Toprak  08.07.2026

Kommentar

250 Gründe, die USA zu lieben

Am 4. Juli 1776 wurden die Vereinigten Staaten gegründet. Eine etwas andere Liebeserklärung

von Imanuel Marcus  04.07.2026