Theater

Zwischen Witz und Wut

Edmund Telgenkämper und Samuel Finzi Foto: Julian Baumann

Am Ende sah er keinen anderen Ausweg mehr: »Ich kann dieses entehrende Urteil nicht weiter ertragen.« Philipp Auerbach (1906–1952), Sohn eines Hamburger Kaufmanns, hatte mehrere Lager überlebt; die U.S. Army befreite ihn in Buchenwald. Als bayerischer Staatskommissar für rassisch, religiös und politisch Verfolgte wurde er von 1946 an zum Helfer anderer Überlebender, entwickelte Konzepte zur Wiedergutmachung, schuftete für die Zukunft jüdischen Lebens im Land der Täter.

Vergeblich: In einem Strafprozess mit deutlichen antisemitischen Untertönen musste sich Auerbach 1952 unter anderem wegen angeblicher Untreue und unbefugter Führung eines akademischen Grades vor einstigen Nazi-Richtern verantworten und wurde zu einer Haftstrafe von zweieinhalb Jahren verurteilt. Das war mehr, als er ertragen konnte. Er nahm sich das Leben. Zwar wurde der im Wesentlichen Unschuldige zwei Jahre nach seinem Suizid rehabilitiert. Trotzdem wurde er vergessen.

Avishai Milstein hat Philipp Auerbach jetzt zurück ins Bewusstsein und auf die Bühne der Münchner Kammerspiele gebracht. Der Autor, 1964 in Tel Aviv geboren, hat das Auftragswerk Play Auerbach! geschrieben; die Uraufführung seiner »Münchner Erinnerungsrevue« wurde mit heftigem Applaus gefeiert. Milstein ist am Haus kein Unbekannter.

»Play Auerbach!« ist eine scharfe Analyse des alten und aktuellen Judenhasses

Sein Dramolett Dualidarität entstand im Rahmen der vom Institut für Neue Soziale Plastik kuratierten Reihe »Schreiben über ›Die Situation‹«, in der jüdische Autorinnen und Autoren das Massaker vom 7. Oktober 2023 reflektierten. Mit seinem neuen Stück rückt der Dramatiker, der in München studiert hat, nicht nur eine Person der Zeitgeschichte in den Fokus: Play Auerbach! ist eine scharfe Analyse des alten und aktuellen Judenhasses sowie ein unsentimentaler Blick in die Historie. Dass sein Text einerseits derart kurzweilig ist und andererseits so sehr in die Tiefe geht, macht seine Stärke aus.

Sandra Strunz hat für ihre Inszenierung den Untertitel wohltuend ernst genommen und (fast) alle Elemente einer Revue ausgepackt, die das Theaterlexikon kennt. Die Regisseurin zitiert Stilmittel des Kabaretts, des Lehrstücks und des höheren Nonsens, sodass Zuschauen ein Fest ist. Rainer Süßmilch und Philipp Haagen interpretieren dazu Musik zwischen kleinem Jazz und großer Show, zwischen Varieté, Kurt Weill und allerhand Schrägem.

Milstein siedelt die Handlung 2045 an, also 100 Jahre nach der Befreiung. In Deutschland gibt es kein jüdisches Leben mehr. Eine Laientheatertruppe möchte an Auerbach erinnern und dadurch Jüdinnen und Juden zur Rückkehr bewegen. Dieser Theater-auf-dem-Theater-Kniff ist zwar nicht neu. Aber der Schriftsteller nutzt ihn geschickt, um weitere Ebenen in sein Drama einzubeziehen.

Da geht es dann um offenen und versteckten Antisemitismus, um Schuld und Wiedergutmachung sowie ganz viel um gut Gemeintes, das vor allem eines ist: übergriffig. »Wie können Sie es wagen, sich jüdisches Kulturgut anzueignen und für Ihren Kitsch zu missbrauchen?«, blafft einmal etwa Beate, die Antisemitismusbeauftragte und Leiterin der Laienspielgruppe. Mit ihr hat Milstein eine spannende Figur geschaffen, die ihre Vorurteile stets als Engagement verkleidet – die Schauspielerin Wiebke Puls zeigt es in vielen Momenten.

Samuel Finzi als Kuhn zeigt eindrucksvoll und mit viel Verve die vielen Facetten seines Charakters

Jener Mann, den ihre Beate anfaucht, heißt im Stück Rafael Kuhn, ein Schauspieler, der buchstäblich in ihre Probe gestolpert ist und nun seinerseits Auerbach spielt. Samuel Finzi als Kuhn zeigt eindrucksvoll und mit viel Verve die vielen Facetten seines Charakters. Dabei wechselt er Stimmungslagen in Sekundenschnelle. All das sorgt für gutes Tempo und lässt die Revue rasant dahinschnurren. Kurz vor Schluss aber bremst die Inszenierung beinahe bis zum Stillstand ab.

Gerade hat Finzi »Shir LaMa’alot« gesungen, das Lied nach Psalm 121. Kaum hat er geendet, entlarvt Milstein all den Judenhass, der bis dahin subkutan zu spüren war. Es ist der bitterste, wahrhaftigste Moment an einem so klugen wie komischen Abend voller Humor und Härte, Glitzer und Galle, Wut und Witz.

Am 10., 12. und 27. Januar wieder in den Münchner Kammerspielen

Berlin

Ruin und Rausch - Schau zeigt Berlin-Leben der 1910er und 20er Jahre

Glamour, Armut, Aufbruch: Die Neue Nationalgalerie Berlin zeigt mit »Ruin und Rausch«, wie Berlin in den 1910er und 20ern zwischen Glanz und Absturz, Chaos und Ekstase lebte. Was das »Babylon Berlin«-Lebensgefühl prägte

von Karin Wollschläger  24.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richter, Sabine Brandes, Imanuel Marcus  24.04.2026

Gesundheit

Brauchen Babys Fleisch?

Forscher der Ben-Gurion-Universität werfen ein neues Licht auf weit verbreitete Vorstellungen

von Sabine Brandes  24.04.2026

Kunst

Der Augenmensch

In Frankfurt zeigt das Jüdische Museum in einer Kabinettausstellung mehr als 200 Werke des Malers und Zionisten Armin Stern

von Eugen El  24.04.2026

Aufgegabelt

Schnelle Atayef

Rezept der Woche

von Katrin Richter  24.04.2026

Film

Maggie Gyllenhaal wird Jury-Chefin der Filmfestspiele von Venedig

In dieser Rolle darf die Regisseurin und Darstellerin sie über den Goldenen Löwen entscheiden

 24.04.2026

Venedig

Jury der Biennale schließt Israel und Russland von Preisvergabe aus

Solange Farkas und die anderen vier Jurorinnen erklären, sie wollten Staaten nicht in die Preisentscheidung einbeziehen, deren Regierungschefs vom Internationalen Strafgerichtshof angeklagt seien

 24.04.2026

Augsburg

Neue »Initiative Antisemitismuskritik & Theater« geplant

Theaterleute wollen sich gemeinsam gegen Judenhass im Kontext Bühne stellen. Dazu planen sie die Gründung einer neuen Initiative in Augsburg. Beteiligt sind auch Akteure aus anderen Teilen Deutschlands

von Christopher Beschnitt  23.04.2026

In eigener Sache

»Jüdische Allgemeine« kooperiert mit katholischer »Tagespost«

Ein Zeichen gegen Antisemitismus: »Die Tagespost« legt ihren Abonnenten die »Jüdische Allgemeine« kostenlos bei. Hinter der Aktion steckt unter anderem ein rundes Jubiläum

von Hannah Krewer  23.04.2026