Kino

Zartes Flüstern im Dazwischen

Adam Driver und Mayim Bialik als Geschwister in »Father Mother Sister Brother« Foto: Frederick Elmes

Jim Jarmusch versteht es meisterlich, aus zwischenmenschlichen Kleinkonstellatio­nen existenzielle Wahrheiten zu destillie­ren, lakonisch, subtil, wie nebenher und doch oft eindrücklich. Gerne hat der 73-jährige Independent-Filmer dafür die episodische Form gewählt. In Night on Earth trafen sich Menschen in verschiedenen Städten rund um den Globus in Taxis, in Coffee and Cigarettes bei (wie bereits der Titel verrät) Kaffee und Zigaretten.

Episodisch ist auch Father Mother Sister Brother angelegt: drei Geschichten über Eltern-Kind-Beziehungen. Beim Filmfestival in Venedig wurde Jarmusch dafür mit dem Goldenen Löwen, dem Hauptpreis, ausgezeichnet. Das war ein Statement in einem Jahrgang mit politisch brisanten und nicht wenigen »lauten« Filmen. Wobei Father Mother Sister Brother nach Charakterstudien wie Broken Flowers über einen gealterten Playboy, Paterson über einen dichtenden Busfahrer oder zuletzt der Zombiefilm The Dead Don’t Die sogar für Jarmuschs Verhältnisse reduzierter und zurückhaltender denn je daherkommt.

In der ersten Episode »Father« besuchen zwei erwachsene Geschwister (Adam Driver und Mayim Bialik) ihren Vater (Tom Waits) irgendwo in New Jersey. Während die beiden sich um den Gesundheitszustand und die finanzielle Absicherung ihres alten Herrn sorgen, blinkt an dessen Arm eine neue Uhr. Wer spielt hier welche Rolle?

Jarmuschs alter Freund Tom Waits ist der Anker

Tom Waits ist der Anker, Jarmuschs alter Freund und Stammschauspieler braucht nicht viel und ist doch ein tragikomisches Ereignis in diesem Aufeinandertreffen verschiedener Welten und Erwartungen. Neben Adam Driver, der in Paterson die Hauptrolle spielte, überzeugt auch Jarmusch-Neuzugang Mayim Bialik mit zurückhaltendem Spiel. Die Schauspielerin mit polnisch-jüdischen, tschechisch-jüdischen und ungarisch-jüdischen Vorfahren ist spätestens durch ihre Rolle der nerdigen Dr. Amy Farrah Fowler in der Serie The Big Bang Theory weltberühmt geworden.

Wer kennt das nicht, diese Elternbesuche, in denen plötzlich die alten Eltern-Kind-Rollen wieder aufpoppen?

In der zweiten Episode »Mother« kommen zwei ungleiche Schwestern (Cate Blanchett und Vicky Krieps) zum Pflichtbesuch in die prunkvolle Dubliner Wohnung ihrer Mutter (Charlotte Rampling), einer Bestsellerautorin. Man unterhält sich höflich bei Tee, alles wirkt streng und organisiert, auch hier erzählen die Leerstellen der Erzählung, die Blicke und Gesten, mehr über die Beziehungen als die Gespräche selbst.

Im Zentrum der dritten Episode »Sister Brother« schließlich klafft eine unüberbrückbare Lücke. Ein aus den USA stammendes Zwillingspaar (Indya Moore und Luka Sabbat) fährt mit dem Auto durch Paris. Ihr Ziel: das Apartment der bei einem Flugzeugabsturz gestorbenen Eltern. Die beiden sind in der Stadt, um die Wohnung, in der sie groß geworden sind, und damit den Ort, in den sich die Geschichten ihrer Familie eingeschrieben haben, auszuräumen. Es ist ergreifend, wie Jarmusch die Leere in den vier Wänden einfängt.

Es geht um eingeschliffene Verhaltensmuster, um Entfremdung und Enttäuschungen

Nach eigenem Drehbuch inszeniert Jarmusch drei inhaltlich getrennte, thematisch aber sehr wohl miteinander verbundene Geschichten. Es geht um eingeschliffene Verhaltensmuster, um Entfremdung und Enttäuschungen, zugleich um Liebe und familiäre Verbundenheit. Auch wenn die zweite Episode etwas abfällt, so stecken doch in jeder universelle Erfahrungen.

Wer kennt das nicht, diese Elternbesuche, in denen plötzlich die alten Eltern-Kind-Rollen wieder aufpoppen, die sich bei manchen nie ganz abschütteln lassen. Die Momente, in denen die Eltern einem wechselweise entweder nah oder fern sind. Oder jene, in denen man merkt, wie viel der eigenen Eltern in einem selbst steckt, obwohl man vielleicht alles anders machen wollte. Es sind diese oft unausgesprochenen Dinge zwischen den Zeilen und Worte, denen Jim Jarmuschs Father Mother Sister Brother mit einem zarten Flüstern im Dazwischen Ausdruck verleiht.

Ab dem 26. Februar im Kino

Zahl der Woche

16 Stunden 25 Minuten

Fun Facts und Wissenswertes

 28.06.2026

Glosse

Der Rest der Welt

Warum sich jüdische Mädchen mehr für Fußball begeistern sollten

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

Interview

»Deutsch-jüdische Geschichte ist nichts Verstaubtes«

Der Judaist Alexander Dubrau über seine neue Aufgabe als Direktor des Leo Baeck Instituts Jerusalem, akademische Herausforderungen und den Austausch mit der breiten Öffentlichkeit

von Sabine Brandes  27.06.2026

Sachbuch

Altern als Bühne

Der Schweizer Autor Roger Schawinski hält Boomern den Spiegel vor und plädiert für Genuss und Lebensfreude bis zum Schluss

von Nicole Dreyfus  27.06.2026

»Tage des Exils«

Zirkuskunst, Klezmer und Theater: »Tsirk Dobranotch« kommt nach Frankfurt

Ein außergewöhnliches Zusammenspiel aus Zirkuskunst, jiddischem Theater und Klezmermusik erwartet Besucher im August

 26.06.2026

Aufgegabelt

Sommerfrisch: Melone und Gurke auf Labneh

Rezepte und Leckeres

 26.06.2026

Dresden/Gohrisch

Sächsische Schostakowitsch Tage eröffnet

Das Festival widmet sich bis Sonntag jüdischen Einflüssen auf das Werk des russischen Komponisten

 26.06.2026

Bachmannpreis

250 Mal A und ein Abgang

Die Autorin Slata Roschal las aus ihrem Text »Es ist die Leichtigkeit, die den Herrn am Tisch von der Putzfrau unterscheidet«, aber diskutiert wurde über etwas ganz anderes

von Katrin Richter  26.06.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der jüdischen Welt

von Katrin Richter, Imanuel Marcus  25.06.2026