Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

»Vielleicht kann Literatur doch etwas ändern«: Ayelet Gundar-Goshen beim Interview in Berlin Foto: Marco Limberg

Literatur

»Wo es Worte gibt, ist Hoffnung«

Die israelische Schriftstellerin Ayelet Gundar-Goshen über arabische Handwerker, jüdische Mütter und ihr jüngstes Buch

von Ayala Goldmann  28.11.2025 13:21 Uhr

Frau Gundar-Goshen, Ihr Roman »Ungebetene Gäste« liest sich leicht und wirkt trotzdem düsterer als Ihre früheren Bücher. Gegen Ende sagt die Psychologin Noga: »Früher hatten Schuldgefühle einen Wert, heute sind sie nur unangenehme Gefühle, die man hinter sich lassen will.« Haben Sie das Buch aus dieser Motivation heraus geschrieben?
Es stimmt, dass dieses Buch düsterer ist als die, die ich zuvor geschrieben habe, aber es ist auch in einer finsteren Zeit entstanden. Schwärzer als alle, die ich je erlebt hatte. Es ist ein Roman, der auf einer echten Begebenheit beruht.

Was war der Anlass?
Eine Erfahrung, als ich noch zu Hause mit meinem Baby war und es gestillt habe. Wir hatten einen Handwerker aus den palästinensischen Gebieten in der Wohnung. Ich war sehr beunruhigt, und gleichzeitig war ich wütend auf mich selbst: Wie kann ich mich als Linke und Liberale vor einem Menschen fürchten, nur, weil er Araber ist? Das ist doch Rassismus! Also habe ich eine »Entschädigung« für meine Gefühle versucht. Ich habe dem Handwerker Kaffee und Kuchen gebracht und ihn im Stil nahöstlicher Gastfreundschaft bewirtet, damit die Atmosphäre angenehmer wird. Aber dann kam in den Nachrichten ein Bericht über einen Palästinenser, der seinen Arbeitgeber umgebracht hat, im Norden von Israel. In diesem Moment hat sich die Atmosphäre im Wohnzimmer schlagartig verändert. Ich war deprimiert, er war deprimiert, und mir wurde klar, dass er Hebräisch versteht. Und gleichzeitig verstand ich, dass er sich genauso sehr vor mir fürchtete wie ich mich vor ihm.

Der kleine Uri wirft den Hammer des arabischen Handwerkers vom Balkon – genau in der Sekunde, als seine Mutter nicht auf ihn aufpasst. Fast alle Mütter kennen Momente der Abwesenheit und machen sich hinterher Vorwürfe. Haben Sie diese Szene gewählt, weil das Gefühl vielen Frauen so vertraut ist?
Ich habe eine der universellsten Erfahrungen der frühen Mutterschaft ausgesucht, weil es mich interessiert hat, wie diese süße und unschuldige Erfahrung zu etwas sehr Düsterem werden kann. Die Ironie ist die Kluft, wie sehr sich meine Figur vor dem Arbeiter fürchtet und die Situation einzig und allein so wahrnimmt, dass sie das potenzielle Opfer ist, und zwischen der Möglichkeit, dass sie indirekt verantwortlich für den Schaden ist. Sie ist natürlich nicht dafür verantwortlich, dass ihr kleiner Sohn etwas hinunterwirft und jemanden dabei verletzt. Aber in dem Moment, wo sie nicht sagt, dass es ihr Sohn war, der den Hammer hinuntergeworfen hat, und alle automatisch denken, dass es der Arbeiter war, geht ihr Bedürfnis, das Kleinkind zu schützen, auf Kosten ihrer Fähigkeit, die Tatsache anzuerkennen, dass sie selbst auch eine potenzielle Quelle der Gefahr für jemand anderen ist.

Beim Lesen hatte ich den Eindruck, dass alle Figuren Entscheidungen treffen, die keine Heilung zulassen.
Dieser Roman erzählt von den blinden Flecken der israelischen Gesellschaft. Und wenn man Blindheit thematisieren will, muss man die Dunkelheit beschreiben, nicht das Licht. Ich wollte über all die Dinge sprechen, die wir sonst verbergen.

Vor dem 7. Oktober 2023 hatten Sie den Roman begonnen, danach weggelegt und später wieder damit angefangen. Wie haben Sie das Schreiben während des Krieges empfunden?
Am 7. Oktober bin ich nach Eilat gefahren und habe als Psychologin mit Menschen gearbeitet, die aus den Kibbuzim im Süden Israels evakuiert und in Hotels gebracht worden waren. Nach dem 7. Oktober hat es sich für mich fast unmoralisch angefühlt zu schreiben – 251 Geiseln in Gaza, Krieg, die schrecklichen Schäden in Gaza, die schrecklichen Schäden in Israel, und ich sitze im Zimmer und erlaube mir, in eine fiktive Welt abzugleiten? Aber dann begann der Boykott gegen israelische Künstler im Ausland. Musiker wie Lahav Shani werden boykottiert, weil sie Israelis als Menschen zeigen, und weil man unseren Schmerz und unser Trauma nach dem Massaker nicht sehen will. Unsere eigene Regierung wiederum fing an, jede Art von Kunst zu bekämpfen, die irgendeine Art von Empathie mit Palästinensern zum Ausdruck brachte. Ich dachte: Die extreme Rechte in Israel fürchtet sich wirklich vor Kunst, vor Literatur! Also kann Literatur vielleicht doch etwas ändern. Über uns Israelis denkt man, wir seien alle pro Netanjahu, über die Palästinenser denkt man, sie seien alle pro Hamas. Wir wissen aber, dass das nicht stimmt. Und in einem Buch kann man das zeigen. Jeder Satz, der mit »alle« beginnt, ist in meinen Augen verdächtig.

In Deutschland hat der jüdisch-muslimische Dialog nach dem 7. Oktober einen herben Rückschlag erlitten. Wie erleben Sie Gespräche zwischen Juden und Arabern in Israel?
Ich bin leitende Psychologin in einem psychiatrischen Krankenhaus. In meinem Team arbeiten eine arabische und eine jüdische Psychologin. Nach dem 7. Oktober gab es ein hartes Gespräch, denn die Jüdin wollte, dass man Wachmänner vor der Klinik positionierte, um Taschen zu kontrollieren. Die Araberin aber sagte: Das führt dazu, dass du dich sicher fühlst, aber nicht ich. Denn mich wird er durchsuchen, und meine Patienten werden sehen, dass er mich nicht hereinlässt, weil ich Araberin bin. Wir hatten in diesem Moment alle Tränen in den Augen.

Wofür haben Sie sich entschieden?
Wir haben keine Wachmänner engagiert. Dass beide miteinander sprechen konnten, dass die Araberin sagen konnte: Es verletzt mich, wenn du dich automatisch vor jedem fürchtest, der aussieht wie ich, und die Jüdin sagen konnte: Ich mag dich sehr gern, wir arbeiten seit Jahren gut zusammen, aber ich bin im Moment völlig am Boden – das hat den Unterschied gemacht. Wo ein Gespräch abreißt, kann man nichts mehr ändern. Aber wo es Worte gibt, ist Hoffnung.

Mit der israelischen Schriftstellerin und Psychologin sprach Ayala Goldmann.

Ayelet Gundar-Goshen: »Ungebetene Gäste«. Roman. Aus dem Hebräischen von Ruth Achlama. Kein & Aber, Zürich 2025, 320 S., 25 €

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