Kinder im Exil

»Wir wollen jetzt selbst erzählen«

Der erste Eindruck trügt gewaltig. Wer immer auch die sieben filigranen und aus Holzlatten zusammengezimmerten Raumkörper sieht, die im Foyer der Akademie der Künste am Berliner Hanseatenweg stehen, glaubt ein kleines Provisorium vor sich zu haben. Etwas verloren stehen sie da. Keinesfalls jedoch erwartet man eine Ausstellung, die einen bei näherem Betrachten rasch in ihren Bann schlägt und nicht mehr so schnell wieder loslässt.

Genau das aber ist der Fall. »Wir wollten endlich einmal die Flucht- und Exilerfahrungen von Kindern zur Sprache bringen und in den Mittelpunkt rücken«, erklärt Gesine Bey. »Dieses Thema fand in der Exil-Forschung bis dato aus ganz verschiedenen Gründen kaum Beachtung«, so die Literaturwissenschaftlerin und Organisatorin der Ausstellung Kinder im Exil. Zugleich knüpfte man damit an das virtuelle Projekt Künste im Exil aus dem Jahr 2013 an.

Schicksale Damals standen prominente Autoren, Filmemacher, bildende Künstler, Theaterschaffende und Musiker, die vor den Nationalsozialisten fliehen mussten, im Blickfeld – darunter prominente Namen wie Hanns Eisler, Lion Feuchtwanger oder John Heartfield. Die Exponate sollten Lebensläufe und -brüche sowie Stationen des Exils verdeutlichen. Darüber hinaus wurde aber auch auf die Schicksale von Künstlern in der Gegenwart aufmerksam gemacht, die aufgrund politischer und rassistischer Verfolgung fliehen mussten.

»Dabei haben wir auf die Bestände der Akademie der Künste sowie auf die Nachlässe der verschiedenen Personen zurückgegriffen und festgestellt, dass wir in unseren Archiven auf einigen Schätzen sitzen, die es zu bergen gilt«, erinnert sich Gesine Bey. Und so entstand die Idee, eine weitere Ausstellung auf die Beine zu stellen. Diesmal sollten die Kinder der Künstler zu Wort kommen – und zwar mithilfe von Fotos und Faksimiles von Briefen oder anderen schriftlichen Dokumenten.

»Das Jüdische stand für uns dabei eigentlich nicht im Vordergrund«, betont Bey. »Aber sehr schnell merkten wir: Juden waren definitiv die am meisten gefährdete Gruppe unter den Künstlern – unabhängig davon, ob sie sich als Kommunisten verstanden und keine Verbindung zum Judentum mehr hatten.« Oder als Zionisten wie Arnold Zweig. Auf jeden Fall folgten die Kinder ihren Eltern ins Exil. Oder gingen ihnen voraus.

integration Kleinere empfanden wohl eher Angst, wenn sie sich vom gewohnten Zuhause trennen mussten. Manche mussten sich sogar an neue und nicht mehr deutsch klingende Namen gewöhnen. Die Älteren dagegen sahen es oft als ein Abenteuer, in ein anderes Land zu gehen – für alle war es auf jeden Fall eine Herausforderung.

»Nicht selten waren es die Kinder, die sich in der neuen Umgebung schneller zurechtfanden als ihre Eltern«, weiß Gesine Bey zu berichten und verweist auf das Hebräisch-Arabisch-Vokabelheft von Adam Zweig, dem 1924 geborenen Sohn von Arnold Zweig, das als Faksimile ausgestellt ist. »Vor allem, wenn es um die Sprache ging.«

Sein Vater dagegen tat sich all die Jahre, die er in Palästina verbracht hatte, das er noch im Jahr der Staatsgründung Israels wieder in Richtung Ost-Berlin verließ, mit der hebräischen Sprache unendlich schwer. »Auch war es der achtjährige Adam, der Arnold Zweig davon abriet, 1933 noch einmal nach Deutschland zurückzukehren.«

Muttersprache Offensichtlich konnte man nicht jung genug sein, um die real drohende Gefahr zu verstehen. Oder die Kinder übernahmen eine wichtige Rolle bei der Emigration der Familie. Beispielhaft dafür George Herzfelde, Sohn des Verlegers Wieland Herzfelde, der als Siebenjähriger die Liste der Geschäftsadressen des Malik-Verlages nach Prag schmuggelte. »Einige wurden von ihrer Muttersprache regelrecht abgeschnitten«, wie Gesine Bey erzählt. »So spricht die berühmte Schriftstellerin Judith Kerr, bekannt durch Als Hitler das rosa Kaninchen stahl, auch heute noch das Deutsch der Zehnjährigen, die sie war, als sie mit ihrer Familie nach England floh.«

Positiv fällt ebenfalls die Organisation der gezeigten Exponate auf. Es werden nicht einfach nur Biografien durchdekliniert, sondern geschickt miteinander verwoben. Als Kriterium haben sich die Ausstellungsmacher die einzelnen Länder des Exils ausgesucht. Das macht die Sache nicht nur spannender, weil einem immer gleich mehrere Personen an einem Ort präsentiert werden.

»Auch erlaubt dies den Kindern, an die sich die Ausstellung ja vor allem richten soll, einen direkteren Zugang«, erläutert Gesine Bey die Herangehensweise. »Denn mit den Namen der Personen verbindet sie im Regelfall überhaupt nichts, mit denen der Länder aber können sie etwas anfangen.« Auch sind nicht wenige Exponate bewusst auffallend niedrig platziert. »Sozusagen auf Augenhöhe der kindlichen Betrachter«, wie Gesine Bey anmerkt.

projekte Darüber hinaus soll auf die Kontakte untereinander und die Bedeutung einer Vernetzung hingewiesen werden. »Beispielhaft machen wir das am Briefmarkensammeln deutlich. Offenbar stand dieses Hobby bei vielen der Kinder im Exil hoch im Kurs. Sie tauschten häufig untereinander.« Berliner Schüler sollen sich das Gezeigte nicht einfach nur anschauen, sondern sich auf Basis von gemeinsamen Film-, Modellprojekten oder einer Kriminalgeschichte mit dem Thema Exil weiter auseinandersetzen und so verstehen, was eine Flucht damals und heute bedeutet. Deshalb wird Kinder im Exil von einem umfangreichen Programm mit Angeboten begleitet.

»In der Ausstellung sollte nicht einfach nur wiederholt werden, was unsere Eltern über uns erzählt haben«, fasst Gesine Bey die Motivation einiger noch lebender Kinder von Künstlern zusammen. »Wir wollen jetzt selbst erzählen«, lautete ihre Haltung. Diese späte Gelegenheit haben sie dank der Ausstellung nun.

»Kinder im Exil«. Akademie der Künste Berlin, Hanseatenweg 10. bis 20. Juli 2016

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