Rebecca Zlotowski

»Womöglich bin ich Masochistin«

»Letztlich ist es wohl das Judentum, das die beiden Familien in dieser Geschichte verbindet«: die Regisseurin Rebecca Zlotowski Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Schon seit geraumer Zeit stammen die spannendsten Filme des französischen Kinos von Frauen – und neben Regie-Kolleginnen wie Julia Ducournau oder Audrey Diwan spielt dabei auch Rebecca Zlotowski in der ersten Reihe mit. Mit ihrem neuen Film ist der 45-jährigen, in Paris geborenen Jüdin ein besonderer Coup gelungen, hat doch die Hauptrolle in Paris Murder Mystery niemand anderes als Jodie Foster übernommen. Wir trafen Zlotowski zur Weltpremiere ihrer eigenwilligen Krimikomödie, die ab diesem Donnerstag in den deutschen Kinos läuft, beim Filmfestival in Cannes zum Interview.

Frau Zlotowski, in Ihrem neuen Film »Paris Murder Mystery« haben Sie die Hauptrolle nicht mit einer französischen Schauspielerin besetzt, sondern mit der US-amerikanischen Oscar-Gewinnerin Jodie Foster. Warum?
Ehrlicherweise müsste man eigentlich eher bei jedem Film, in dem Jodie Foster nicht die Hauptrolle spielt, fragen: Warum nicht? Denn diese herausragende Schauspielerin nicht im Film zu haben, ist immer ein Verlust. Aber im Ernst: Ich bin 1980 geboren und praktisch mit ihr auf der Leinwand aufgewachsen. Sie hat mich als Cineastin genauso geprägt wie als Frau. Viele ihrer Filme sind absolute Meisterwerke, wie »Das Schweigen der Lämmer«. Andere – wie »Sommersby« – sind es definitiv nicht, bedeuten mir persönlich aber trotzdem unglaublich viel. Ich bin also schon lange besessen von ihr und wollte einfach einmal mit ihr arbeiten. Nicht nur, weil sie eine fantastische Schauspielerin ist, sondern weil ich immer wieder davon beeindruckt bin, wie es die Kamera vermag, ihre Intelligenz einzufangen. Man kann auf der Leinwand sehen, wie schnell und komplex sie in ihrem Denken ist. Das gibt es nicht oft.

Vor zehn Jahren besetzten Sie Natalie Portma in »Das Geheimnis der zwei Schwestern«. Sind Ihre Filme also vielleicht auch so etwas wie Liebeserklärungen an Hollywood?
Ich würde nicht sagen, dass ich das amerikanische Kino mehr liebe als das französische oder in besonderer Weise von ihm geprägt sei. Und meine Absicht war es auch noch nie, eine Hommage an Hollywood oder gar einen amerikanischen Film zu drehen. Aber was ich tatsächlich reizvoll finde, ist, diese Schauspielerinnen und damit einen Teil dieser Kino-Tradition nach Frankreich zu holen und quasi in meine Sprache zu übersetzen. Wobei ich keine Erotomanin bin: Es geht mir schon konkret um Personen wie Portman oder Foster, die die französische Sprache und Kultur lieben. Diese Begeisterung und Neugier ihrerseits ist dann der Nährboden, auf dem wir gemeinsam etwas schaffen können.

Beide Schauspielerinnen haben auch selbst Regie-Erfahrung. Spielt das für Sie bei der Besetzung auch eine Rolle?
Womöglich bin ich Masochistin, sonst würde ich vermutlich nicht so oft Schauspielerinnen und Schauspieler besetzen, die mich obendrein auch noch als Kollegin beäugen. Die beiden sind ja nicht die Einzigen: Luàna Bajrami, Mathieu Amalric oder Daniel Auteuil, die allesamt in »Paris Murder Mystery« mitspielen, haben schon eigene Filme inszeniert. Daniel sogar schon sechs, und sein letzter hat mehr Geld eingespielt als irgendeiner von meinen! Aber was soll ich sagen? Ich liebe es, mit Menschen zusammenzuarbeiten, die etwas vom Filmemachen verstehen. Das macht die Zusammenarbeit ausgesprochen stimulierend und den Film am Ende besser. Wobei man ja dazusagen muss: Bei Schauspielerinnen vom Kaliber einer Foster, Portman oder auch Léa Seydoux bin am Ende nicht ich es, die sie auswählt. Sondern sie entscheiden sich für mich.

Hatten Sie die Sorge, sich von Foster einen Korb zu holen?
Sicherlich war mir klar, dass es sein kann, dass ihr mein Skript nicht gefällt. Zumal ein erster Liebesbrief an sie vor 15 Jahren unbeantwortet blieb. Aber ich bin auch überzeugt davon, dass man in der Regel eine Antwort bekommt, wenn man jemandem voller Inbrunst und Ehrlichkeit sein Anliegen vorträgt. Entsprechend war ich, ohne jetzt provokant oder anmaßend klingen zu wollen, nicht allzu erstaunt, dass sie auf meine Anfrage angesprungen ist.

Das Impostor-Syndrom, also das Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten oder der Berechtigung des eigenen Erfolgs, ist Ihnen fremd?
Ja, das ist es. Nicht dass ich niemals Selbstzweifel hätte. Damit ringt schließlich jeder Mensch mal. Aber ich habe es immer schon gehasst, dass wir Frauen es so verinnerlicht haben, uns kleinzumachen, zu hinterfragen und bescheiden zu sein. Zumindest was meine Arbeit als Regisseurin angeht, habe ich mich noch nie als Hochstaplerin gefühlt. Nicht dass ich mich für die beste Regisseurin der Welt halte, wahrlich nicht. Doch mich hat es auch nicht zufällig an ein Filmset verschlagen, sondern ich habe das studiert und mir meinen Platz hinter der Kamera erarbeitet. Hätte ich keine Ahnung von dem, was ich da tue, würde es mir nicht immer wieder gelingen, einen Film zu Ende und ins Kino zu bringen.

Die von Foster gespielte Psychiaterin in »Paris Murder Mystery« ist jüdisch, genau wie die Familie ihrer toten Patientin. Lassen Sie Ihre eigene jüdische Identität auch deswegen immer so prominent in Ihre Filme einfließen, weil das Judentum im französischen Kino sonst kaum präsent ist?
So generalstabsmäßig habe ich mir das nicht unbedingt vorgenommen. Wobei ich mich schon irgendwann gefragt habe, warum eigentlich Arnaud Desplechin der jüdischste Regisseur im französischen Kino ist. Obwohl er noch nicht einmal Jude ist! Für mich war es einfach immer ganz selbstverständlich, meine eigene Lebenswelt und die Dinge, die mich persönlich interessieren und ansprechen, auch in meine Geschichten zu integrieren. Sei es mein Humor oder eben mein Jüdischsein. Ich würde wirklich nicht sagen, dass es diese Dinge sind, um die es in »Paris Murder Mystery« vorrangig geht. Aber letztlich ist es wohl auch das Judentum, das die beiden Familien in dieser Geschichte verbindet. Mitsamt den damit einhergehenden stereotypen Vorstellungen von Schuld, Verantwortung etc. Und natürlich ist es besonders reizvoll, dass Jodies Figur als jüdische Amerikanerin in Europa vielleicht noch ein wenig mehr an diesem Überlebenden-Syndrom leidet, weil jüdisch-amerikanische Familien dem Holocaust entkommen sind.

Davon abgesehen spielt nun nicht nur der legendäre jüdische Filmemacher Frederick Wiseman in Ihrem Film seine letzte Rolle. Sondern Sie haben wie schon in vergangenen Arbeiten wieder Ihrem Vater einen kleinen Auftritt gegönnt. Dieses Mal als Rabbi!
Oh ja! Beim ersten Mal musste ich ihn dazu noch überreden. Inzwischen fragt er von sich aus nach neuen Rollen und pocht darauf, dass ich ihn in jedem Film besetze. Wunderbar, oder?

Mit der französischen Regisseurin sprach Patrick Heidmann.

»Paris Murder Mystery« läuft ab dem 16. April im Kino.

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