Erzählung

Wie die Bienen zum Honig

»Eine meiner schönsten Pessachtraditionen war, mich nach dem Sederabend mit meiner Freundin Nathalie bei ihr zu Hause auf einen Tee zu treffen.« Foto: thinkstock

Vom Sederabend geht ein besonderer Zauber aus. Vielleicht sind es die biblischen Bilder, die ich als Kind in der farbenfrohen, goldverzierten Pessach‐Haggada bestaunt habe. Vielleicht ist es das Bewusstsein, dass ich nicht wie sonst am Schabbat den schlichten Siddur, sondern das außergewöhnlich schöne Buch, aus dem nur ein Mal im Jahr vorgelesen wird, aus der Bibliothek meiner Eltern holte, um es an den Kopf des Tisches, an den Platz meines verstorbenen Opas, zu legen.

Wir lauschten ihm, wenn er uns die altbekannte Geschichte unserer Vorfahren erzählte. Je nachdem, wie viel Geduld mein Opa aufbrachte, konnte sie schnell oder in aller Ausführlichkeit erzählt werden. Die Geschichte vom Auszug aus Ägypten, dessen Wirkung bis heute in so vielen jüdischen Häusern fortlebt.

Matzekneidlechs Abenteuerliche Geschichten hängen auch in der Luft, wenn die exotischen Lebensmittel auf den silbernen Pessachteller gelegt werden. Er hat eingelassene Mulden, in denen meine Mutter die symbolhaften Speisen liebevoll hinein dekoriert. Unermüdlich ist sie mit meiner Tante bei jedem Pessachfest tagelang in der Küche zugange. Uralte Rezepte werden ausgekramt, die Freundin Irit in Israel angerufen – »was ist dieses Jahr im Heiligen Land zu Pessach, Iritchen?«. Gewonnen hat bei mir sowieso jedes Jahr die Joiech mit den riesen großen Matzekneidlechs.

Aber es geht natürlich nicht nur um das gemeinsame Essen. Pessach ist das Fest der Freiheit. Für mich das Gebot zum Innehalten im Frühling. Sich besinnen auf das Wesentliche im Leben. Auf die gewonnene, erhaltene Freiheit in der jüdischen Gemeinschaft und in der Familie. Pessach ist identitätsstiftend. Alles hängt doch irgendwie mit dem Auszug zusammen. Denn hier beginnt doch die wundersame jüdische Geschichte. Obwohl ich nicht religiös bin, fühle ich mich zu Pessach meinen 613 Geboten näher. Es fühlt sich schön an.

Besonders eindrücklich ist für mich das Charosset, nussiges Apfelmus, das durch das Oxidieren braun wird und an die Ziegelsteine erinnern soll, die die Juden in der Knechtschaft herstellen mussten. Die braune Farbe steht im Kontrast zu den vielen anderen Farben auf dem Tisch. Leuchtend rot, purpur und lebendig sticht der selbstgemachte Chain meiner Mutter ins Auge. Der grünlich‐gold schimmernde Karpfen wird von einem rundgeschnittenen orangenen Karottenstück verziert.

Hoffnung Durch das Wiederbeleben der Geschichte werden wir für einen Abend selbst zum Teil der Geschichte des Exodus. Wir reichen den Vorfahren durch unser Erinnern die imaginäre Hand, schätzen ihre Emanzipation, geben ihren Seelen einen Platz in unseren Herzen, nehmen ihre Geschichte in uns auf. Pessach ist ein hoffnungsvolles Fest. Aus Sklaven wurden freie Menschen. Wir knüpfen an der Hoffnung an.

Spätestens wenn mein Vater mit mir als Kind kontrollierte, ob der Prophet Elijahu einen Schluck aus unserem besten Silberbecher getrunken hat, versuchte ich mit aller Macht zu glauben, dass dieser besondere Prophet unser Gast sein möge. Dass das Wunder der Geschichte, das höchste Gut, frei leben zu dürfen, uns immer erhalten bleibt.

Bereits zwei Wochen vor Pessach kaufen meine Schwester, meine Tante, meine Mutter und ich in einem koscheren Laden in Frankfurt Mazzen und Mazzemehl für die ganze Woche ein. Als Kinder haben wir den Hausputz mit meiner Mutter gemacht und haben uns gefreut, akribisch Brot und Nudeln aus dem Haushalt zu entfernen. Das Haus wird vorbereitet. Man stellt sich auf die etwas andere Woche ein, die alljährlich wiederkehrt.

Ich bin in einer Straße aufgewachsen, in der viele jüdische Familien wohnen. An Pessach riecht es bereits vor den Häusern nach den traditionellen Speisen. Die Stimmung ist feierlich, voller Vorfreude auf den Abend mit der Familie, es ist ein Abend, der sich in jeder Hinsicht von anderen Abenden abhebt. Ein bisschen Schtetl‐Atmosphäre in Frankfurt am Main.

Elternhaus Jetzt bin ich erwachsen, führe einen eigenen Haushalt. Trotzdem fahre ich von Düsseldorf nach Hause nach Frankfurt, um Pessach mit meiner Familie zu begehen. Niemand, den ich kenne, sitzt Pessach alleine zu Hause. Die Kinder, die ausgezogen sind, in anderen Städten studieren oder arbeiten, kehren zu ihren Elternhäusern zurück, versammeln sich um einen großen, reich gedeckten Tisch. Wir schwärmen nach Hause wie die Bienen zum Honig. Voller Erwartung an das Fest, voller Gedanken an das vergangene Jahr.

Eine meiner schönsten Pessachtraditionen war, mich nach dem Sederabend mit meiner Freundin Nathalie bei ihr zu Hause auf einen Tee zu treffen. Dann, wenn die Gläser abgeräumt wurden, dann, wenn alle zufrieden und friedlich auf der Couch lagen, dann war es Zeit für unseren Tee. Die ganze Nacht saßen wir zusammen, Jahr für Jahr, weil wir uns sonst nicht oft sehen konnten. Jetzt ist sie nach Israel gezogen, ihr Exil ist aufgehoben, da sie mit ihrer kleinen Familie Alija, den schönen Aufstieg, nach Israel gemacht hat. Jetzt trinken wir unseren Pessachtee zusammen in Gedanken.

Dieses Jahr feiern wir Pessach mit der gesamten Familie in der Gemeinde in Offenbach. Zu Hause ist es zwar immer am schönsten, aber die Familie hat beschlossen, sich durch Chabad inspirieren zu lassen. Das Wissen zu erweitern, zu schauen, ob wir die Geschichte immer noch gut erzählen oder ob wir sie ergänzen sollten. Die Gesänge in neuer frischer Melodie zu hören. Den Kindern meiner Schwester zu zeigen, dass wir heute in einer großen, gewachsenen und bunten jüdischen Gemeinschaft leben. Es wird neu sein, nicht in den eigenen vier Wänden Pessach zu feiern, zugleich aber auch vertraut durch die Speisen und die Menschen.

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