Literatur

Werk ohne Auftrag

Kunst muss nichts, Literatur muss nichts – nur frei bleiben. Foto: Getty Images / istock

Hambacher Forst, #metoo, Donald Trump als Feind der Fakten und Flüchtlingsfamilien, aber Freund Israels. Klimawandel, Steueroasen, Rechtsextreme mit weißen Rosen im Jackett. Sind diese Geschehnisse Sache der Literatur? Sicher. Aber wie dringend und verpflichtend?

Wenn Literatur als Krankenhaus der geistigen Moderne dient, ist die Gegenwart dann der Notfallpatient, der umgehend operiert werden muss? Oder sollten gerade die schreibenden Chirurgen ein Mindestmaß an zeitlichem Sicherheitsabstand halten, um wirklich zu vernähen, anstatt nur rumzustochern? Hat Literatur überhaupt einen Auftrag jenseits der stets subjektiven Sprachspiegelung ihrer Zeit?

wellensittich Erlauben Sie mir kurz, ganz grobherzig vorzugehen: Nein! Kunst muss nichts, Literatur muss nichts – nur frei bleiben. Niemand braucht die Tagesschau in Romanlänge. Ich lese lieber 500 leidenschaftliche Seiten über das Zusammenleben mit einem Wellensittich als ein bemüht politisch aktuelles, bedeutungsheischerisches Buch. Zugegeben, meine Einleitung liest sich so eindeutig und kultur-puristisch, dass sie mich selbst nicht überzeugt.

Ein neuer Versuch also: Warum würde man als Schreibende(r) das Hier und Jetzt denn überhaupt umschiffen wollen? Um sich nicht angreifbar und unbeliebt zu machen? Aus Angst, dass die eigenen Bücher schlecht altern, wenn sie allzu sehr auf ein konkretes Ereignis bezogen sind? Wer liest denn heute noch freiwillig Bölls Die verlorene Ehre der Katharina Blum? Fast niemand, weil man dazu erst mal das Zeitungsarchiv der 70er-Jahre studieren muss. Ja, wer sich festlegt, liegt fest. Aber mir ist lieber, dass Bücher schlecht altern, als dass wir alle, Juden, Muslime, Demokraten, Schreiber, Leser und Wellensittichfreunde, schlecht altern!

Ich will Ihnen die elende Wir-leben-in-Zeiten-Aufzählung ersparen. Wenn Sie diese Zeitung lesen, sind Sie wahrscheinlich ebenso von den europaweiten Erfolgen der Rechtsextremen verstört wie ich. Wenn nicht jetzt intellektuell intervenieren, wann dann? Richtig? Aber eine Metapher kann keine gemeingefährlichen Politiker entlassen. Und Aufrechtes zu schreiben, bedeutete noch nie, auch Recht zu bekommen, geschweige denn, welches zu schaffen.

syrien Ein aktuelles Beispiel: Olga Grjasnowas letzter Roman Gott ist nicht schüchtern erzählt mitreißend vom syrischen Bürgerkrieg und von Flucht. Von einer Katastrophe, die in diesem Moment tobt und tötet. Eine Rezension zu Grjasnowas Buch hat sich in mein Gedächtnis gebrannt. Darin kritisiert die ZEIT Grjasnowa dafür, dass sie es zu gut meine: »Der erzählerische Übereifer stärkt die Vermutung, Olga Grjasnowa habe sich zu sehr hinreißen lassen von den Schreckensberichten. Dies zeigt exemplarisch, wie engagierte Literatur in ihr Gegenteil kippt, wenn sie allein auf einer Poetologie des schlechten Gewissens basiert.«

Soll man diesen Zynismus überhaupt diskutieren oder soll man es lassen? Und wenn uns wirklich Demokratie und Grundwerte entrissen werden? Wird die »Poetologie des schlechten Gewissens« dann in 30 Jahren immer noch als Manko von Gott ist nicht schüchtern bewertet werden?

Wer entschieden über die Gegenwart schreibt, über den entscheidet die Gegenwart entschiedener. Diesen Mut besitzt nicht jeder Autor. Max Czolleks selbstbewusster, jüdischer Mittelfinger Desintegriert euch! ist für mich wichtiger als fünf weitere grandios aufgeschriebene jüdische Familiengeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg. Ich sage das nicht als launischer Leser, sondern als Lebewesen.

afd Ja, wir Juden leben noch, nein, wir sind nicht alle verängstigt und sitzen auf gepackten Koffern mit Zitterblick gen Israel. Worüber sollen wir mit der AfD sprechen? Soll Höcke doch auswandern, wenn es ihm hier nicht gefällt!

Die meisten jüdischen Autoren, die ich kenne, wollen nicht automatisch mit der Schoa und ihrem steinernen Schatten assoziiert werden. Sie wollen frei und gegenwärtig wie jeder andere Künstler sein. Und doch rückt das Erstarken der organisierten Menschenfeinde diese Dinge in bedrückende Nähe. Zumindest für mich. Über Wellensittiche zu fabulieren, bringt nun Zweifel mit sich. Für wen würde ich mir denn ausdenken, wie Eduardo bei jedem Sonnenaufgang exakt zwölf Runden durch seinen Käfig flatterte und Marinelieder sang? (Außer an Regentagen, da waren es in der Regel acht.)

Wenn 20 Prozent der Wahlberechtigten in Deutschland bereit sind, die AfD zu wählen, für wen schreiben wir dann? Oder sitzen unsere Leser ohnehin im linken Bürgertum? Wozu dann aber erst gegen rechts schreiben? Warum nicht sofort mit Schildern in die Straßen oder gleich in eine Partei gehen? Wen erreicht Czolleks Polemik, außer denen, die sie hören wollen? Was soll Eduardo mit denen, die nichts von NSU und Antisemitismus wissen wollen? Einfach singen und im Käfig sitzen?

Nun habe ich mir selbst völlig widersprochen. Erst gefordert, dass die Leute erschaffen sollen, worauf sie Lust haben, Hauptsache wahrhaftig. Und dann doch alles mit aktuellen politischen Ansprüchen überladen. Ich fürchte, ich muss Sie mit einem zu simplen Beginn und einem uneindeutigen Schluss entlassen. Ich weiß es gegenwärtig nicht besser. Auch eine Antwort.

Der Autor ist Schriftsteller und Journalist. Zuletzt von ihm erschienen: »Das Lächeln meines unsichtbaren Vaters«

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