Berlin

Wenn Wolf Biermann den roten Bademantel trägt

Wolf Biermann am Donnerstag bei der NRW-Premiere von »Biermann« im Rahmen des Film Festival Cologne (FFCGN) Foto: picture alliance / Panama Pictures

Was sich die Stasi damals überlegt hat, um Wolf Biermann zu zermürben, liest sich ziemlich entsetzlich. Das Dokument, auf dem die sogenannten Zersetzungsmaßnahmen des Ministeriums für Staatssicherheit (MfS) aufgelistet sind, wird im neuen Film »Biermann« eingeblendet.

Da steht zum Beispiel: »Zerstörung seines Persönlichkeitsbildes durch negative Beeinflussung seiner Lebensgewohnheiten, z.B. zum Alkoholmissbrauch veranlassen, zu sexuellen Ausschweifungen (Minderjährige) veranlassen (...), Liebesverhältnisse, die bestehen, zerstören, falsche ärztliche Betreuung.«

Auch wenn die Pläne der Stasi nachhaltige Auswirkungen auf sein Leben hatten: Wolf Biermann, wissen wir heute, ließ sich nicht zermürben. Bald feiert er seinen 90. Geburtstag, bis heute veröffentlicht er neue Literatur und Musik. Zum Anlass seines runden Geburtstags hat Jens Meurer einen Film über den Lyriker und Musiker gedreht.

Haarschnitt von Pamela

Die gelungene Dokumentation zeichnet das Porträt eines Künstlers, der eine riesige Wirkung nicht nur auf die Literatur- und Musik-Szene, sondern auch das politische Geschehen hatte. Mit Archivmaterial, Interviews mit ihm selbst und Zeitgenossen oder Szenen aus Biermanns Alltag wird das Leben und Vermächtnis eines Künstlers lebendig, der vielleicht mehr als alle anderen für die deutsch-deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts steht.

Meurer hat tolle Bilder eingefangen. Biermann im roten Bademantel, der über eine Wiese stapft. Der sich von seiner Frau Pamela die Haare schneiden lässt (»Du musst deinen Kopf stillhalten«). Das Paar, das eigentlich in Hamburg lebt, hat auch ein Haus in Ostseenähe. Später wird Biermann ein paar Kraulzüge im Wasser machen und sich dann treiben lassen.

Wir sehen sein Hamburger Haus und dort die zahlreichen Schwarz-Weiß-Fotografien an den Wänden, neben kuriosen Kunstwerken, die zwischen Biedermeier-Möbeln stehen. Irgendwo sitzt Biermann und spielt Klavier.

»So geile« Lieder

Seine Musik spielt eine große Rolle in dem zweistündigen Film. Häufig sind es Biermanns Gitarrenparts, die den Szenen einen eigenen Rhythmus geben. »Gesang für meine Genossen«, »Ballade von der Elbe bei Hamburg«, »Große Ermutigung«, »Der Hugenottenfriedhof« und »Ballade vom preußischen Ikarus« sind nur einige Lieder des langen Soundtracks.

Wie sehr Biermanns Lieder und Texte andere Künstler geprägt haben, zeigen Begegnungen mit Weggefährten. Wolfgang Niedecken spricht von Biermann als einem seiner großen Helden. Campino ist bei gemeinsamen Proben zu sehen.

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»Sie haben einfach den Zeitpunkt verpasst, mich rechtzeitig kaltzustellen«, sagt Biermann an einer Stelle über die Stasi. »Und ich weiß auch, warum sie ihn verpasst haben: Weil Sie die Lieder so geil fanden.«

Die Stasi beobachtet ihn, er beobachtet die Stasi

Die ständige Paranoia der DDR-Jahre wird im Film greifbar. Einmal liest Biermann eine Tagebuchnotiz aus dem Jahr 1964 vor. »Vor meiner Tür lauert die Staatssicherheit an einer Stelle, von wo man mein Fenster und die Haustür zugleich sehen kann. Ich stehe stundenlang am Fenster und starre auf meine Aufpasser. Ich habe Angst davor, dass sie sich hinreißen lassen, mich abzuholen. Deutschland ist ein Schandfleck auf dem Erdapfel. Es soll verflucht sein. Ich bin Jude.«

Biermanns Herkunft ist immer wieder Thema. Sein Vater Dagobert war Jude und wurde 1943 im Konzentrationslager Auschwitz ermordet. Beide Eltern waren Kommunisten, was in seiner Erziehung eine große Rolle spielte. »Mein Karl Marx hieß Emma Biermann«, sagt er über seine Mutter.

Der Film erzählt auch von seiner ungewöhnlichen Entscheidung, als Jugendlicher freiwillig und allein aus Hamburg in die DDR zu gehen, von seiner Zeit am Berliner Ensemble und von den Auftrittsverboten, mit denen die Staatsmacht ihn später belegte.

Zeit auf dem Friedhof vor

Natürlich spielt auch das legendäre Konzert in Köln eine Rolle, bei dem Biermann 1976 auftrat, bevor das SED-Politbüro ihm die Staatsbürgerschaft entzog. Die Aufnahmen zeigen ihn am Ende des Auftritts tief bewegt, mit Tränen in den Augen, bevor er ausgelassen lacht. Dass er erst Jahre später wieder in die DDR einreisen darf - und dann nur kurz, weil sein Freund Robert Havemann im Sterben liegt - weiß er da noch nicht.

Einmal stehen Wolf Biermann und seine Frau Pamela auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof in Berlin, in der Nähe von Biermanns früherer Wohnung. Hier liegt sein früher Held Bertolt Brecht und Weggefährten wie Heiner Müller. Hier ruht auch Hegel, dessen Philosophie Biermann in seinem Studium geprägt hat. Hier will auch Biermann begraben werden.

»Auf jeden Fall liegen hier meine vertrauten Freunde, aber auch meine treuen, vertrauten Feinde«, sagt er. Dann entspinnt sich eine recht entzückende Konversation mit seiner Frau. Er freue sich, dass er »mit denen dann noch mal über manches reden kann«, sagt er. Darauf Pamela: »Aber das ist ja alles Fantasie, dass du dich mit denen unterhalten kannst.« Wolf: »Das ist keine Fantasie.« Pamela: »Natürlich ist es Fantasie. In Wirklichkeit liegst du tot unter der Erde.« Wolf: »Nein, nein.«

Ob sie auch so einen schönen Rosenstrauch wollen, wenn sie hier liegen, fragt Pamela noch. Sie stehen gerade vor einem besonders nett bewachsenem Grab. »Ich weiß es nicht«, sagt ihr Mann. »Mir reicht es, dass du mich nicht zu lange hier alleine liegen lässt. Dich ein bisschen beeilst.« Das könne sie nicht garantieren, sagt seine einige Jahre jüngere Frau. Aber den Rosenstrauch, den könne sie versprechen.

Tobias Korenke

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