Sprache

»Wat willste?«

»Ne Waschechte«: Die Berliner Autorin Lea Streisand hat sich mit den Feinheiten des Berlinerns befasst. Foto: Stephan Pramme

Sprache

»Wat willste?«

Die Autorin Lea Streisand hat ein Buch über den vielleicht schönsten Dialekt des Deutschen geschrieben, das Berlinerische. Ein Besuch zwischen »ick«, »icke« und »dufte«

von Katrin Richter  08.03.2026 13:12 Uhr

Beim Berlinerischen »sitzt die Stimme hier so«, sagt Lea Streisand und zeigt mit ihrer Hand auf Höhe des Magens, so kurz unter dem Brustkorb. »Und«, ihre Hand schnellt geradeaus, »schießt sozusagen direkt nach vorne.« Das Hochdeutsche wiederum, das sitze weiter oben und werde stimmlich stärker moduliert. »Dadurch klingt auch gleich alles viel bedeutender, was ich sage. So formuliere ich Gesetze und Regeln, und ich erwarte, dass sie befolgt werden«, sagt die Berliner Autorin in feinstem Hochdeutsch.

Wer Lea Streisand aus ihrer Hörkolumne »War schön jewesen« bei Radio Eins kennt oder von Lesungen, der weiß, dass das eigentlich nicht so wirklich zu der gebürtigen Ostberlinerin passt. Deshalb geht das Gespräch auch schnell wieder in dem Dialekt weiter, über den Streisand gerade ein Buch geschrieben hat, dem Berlinerischen.

Lea Streisand sitzt an diesem Vormittag vor ihrem Schreibtisch, neben ihr hohe Bücherregale, vor ihr Bücher, von Daniel Donskoy, Edgar Allan Poe, Victor Schefé – hier ein paar kleine Zettel, dort ein Notizblock, sie spricht schnell und auf den Punkt. Nach langer und intensiver Recherche ist sie definitiv eine Expertin des Berlinerischen. Und dass sich dahinter viel mehr versteckt als nur »icke, dette, kieke ma, Oogen, Fleesch und Beene«, das beschreibt Streisand sehr amüsant in der kleinen Duden-Abhandlung.

In Ostberlin war die Sprache eine Abgrenzung gegen die sächselnde Obrigkeit.

Es ist eine sprachliche und auch eine geografische Reise, eine kulturelle und auch eine soziologische: »Mein Berlinerisch ist das ›Ostberliner Akademikersprech‹«. Was das genau ist, das erklärt sie so: »Wenn ich rede, baue ich ja durchaus lange Sätze mit vielen Relativsätzen. Das ist akademisches Sprechen, aber mit diesem bäuerlichen Unterton, sodass man immer das Gefühl hat, Inhalt und Form passten nicht richtig zusammen. Aber genau das macht es so interessant.«

Die Botschaft sei: »Ich habe mich sehr lange damit beschäftigt, und die Sache ist wichtig. Nicht ich als Person bin wichtig, sondern die Sache.« Außerdem ist es für sie »die Sprache des Nachdenkens«, so nach dem Motto: »Wir überlegen mal.« Nichtberliner verstünden das oft nicht »oder empfinden es als beleidigend, wobei der Berliner dann denkt: ›Hä? Niemand hat dich beleidigt, du Vogel.‹« Spätestens bei diesem netten Nachsatz weiß das Gegenüber dann, woran es ist. Berlinerisch kann sehr liebevoll sein, wie Lea Streisand in ihrem Buch über ihre Fanpost schreibt, die so klingt: »›Liebe Frau Streisand, normalerweise gehn Sie mir ja echt auf’n Senkel mit ihre Texte, aber ditt Ding war wirklich lustich jewesen!‹ Das ist wahre Liebe.« Aber woran liegt es, dass diese aufrichtige, direkte, schnelle Art nicht immer als wohlwollend aufgenommen werde? Die wichtigste Regel beim Berlinerischen sei: Fasse dich kurz. »Die Stadt ist groß, die Zeit ist knapp. Da wird auch stimmlich nicht groß rumgeeiert. Wir reden schnell geradeheraus und immer ein wenig so, als hätten wir einen Sack Kartoffeln auf den Schultern. Nach dem Motto: ›Wat willste?‹« Außerdem habe es etwas mit der Haltung zu tun: Ein Understatement sei es, was das Berlinerische ausmache, eben »dieses Prinzip: ›Nuʼ kommʼwa ma runter.‹«

»Wat willste?«, allerdings, diese Frage, die im ehemaligen Ostteil der Stadt durchaus öfter zu hören ist, die klingt in Gegenden vom ehemaligen Westberlin doch eher hochdeutsch.

Denn rein sprachlich gibt es durchaus eine Teilung der Stadt. Das habe historische Gründe, die nichts mit der Mauer zu tun haben, sagt Streisand: »Im Südwesten wohnten seit der Aufklärung die Reichen, also in Potsdam, Charlottenburg. Das waren eigene Städte, und zwar sehr viel wohlhabendere als dieses popelige Berlin. Charlottenburg wurde erst 1920 eingemeindet.«

Streisands Urgroßeltern wohnten in Charlottenburg: »Da hat niemand berlinert, höchstens das Personal, und das kam aus Kreuzberg oder Prenzlauer Berg.« Viel später in Ostberlin war das Berlinern »auch immer eine Abgrenzung gegen die sächselnde Obrigkeit«.

Und dann gibt es noch Begriffe, die bei Lea Streisand »Heimatgefühle« auslösen, weil ihre Großmutter so gesprochen hat, die jiddischen nämlich Tacheles, Schlamassel – »da ist die Herkunft klar«, sagt Streisand. »Aber kommt ›dufte‹ wirklich von ›tov‹? Gerade zum Berlinerischen wurde echt viel geschrieben und noch mehr behauptet, aber einiges leuchtet mir nicht ein.«

Allerdings kann auch die »Waschechte«, wie sich Streisand im Buch selbst nennt, noch etwas überraschen, nämlich der Unterschied zwischen »ick« und »icke«. »Ewald Harndt schreibt, und da hat er recht, das verhält sich zueinander wie «je» und «moi» im Französischen. «Icke» ist das bestimmte ich. Es wird nur in absoluten Ausnahmefällen verwendet. Etwa als Einwortsatz auf die Frage: Wer steht draußen?« Und jeder, der berlinert kennt die Antwort ganz sicher, wa?

Lea Streisand: »Berlinerisch. Watt denn, icke?«. Duden, Berlin 2026, 128 S., 14 €

Glosse

Deutschland sucht den Nazi

Der »Spiegel« und die »Zeit« helfen den Deutschen, die Nazis unter den Vorfahren aufzuspüren - und verdienen damit ganz nebenbei gutes Geld. Richtig so, findet unser Autor

von Michael Thaidigsmann  19.06.2026

Fußball

»Ich weiß, wer Weltmeister wird«

Uri Geller über die Weltmeisterschaft, den Gewinner des Turniers und seinen fatalen Einfluss auf einen verschossenen Elfmeter bei der EM 1996

von Detlef David Kauschke  19.06.2026

»Imanuels Interpreten« (22)

Herbie Mann: Der Klangsetzer

Sein Motto: »Wenn du die Musik von jemandem spielen willst, gehe zu ihm nach Hause.« Er setzte dies um, hatte dann aber die Jazz-Polizei am Hals

von Imanuel Marcus  19.06.2026

Kommentar

Nimm die Wahrheit an, von wem auch immer sie gesagt wurde

Bisweilen wirkt die Debatte um KI-generierte Texte absurd. Denn die Qualität eines Arguments sollte entscheidender sein als sein Urheber

von Leeor Engländer  18.06.2026

Literatur

Prophet im eigenen Land

Ein neuer Band mit bisher unveröffentlichten Texten von Amos Oz zeigt den israelischen Schriftsteller als reflektierten Staatsbürger und überzeugten Zionisten

von Marko Martin  18.06.2026

Essen

»Schakschuka ist der Favorit«

Der deutsch-israelische Koch Tom Franz hat ein Buch über das Frühstück geschrieben. Hier spricht er über geflochtenen Lachs, clevere Vorräte und die Frage, warum er die erste Mahlzeit des Tages auslässt

von Katrin Richter  18.06.2026

Ausstellung

Androgyn, zeitlos, modern

Das Georg Kolbe Museum in Berlin widmet sich der britischen Ausnahmekünstlerin Marlow Moss – erstmals in Deutschland

von Alicia Rust  18.06.2026

Streaming

Bringt Gali nach Hause!

Eine junge Israelin wird in Moskau verhaftet. Die Serie »Unconditional« erzählt vom Kampf einer Mutter gegen die Justiz

von Chris Schinke  18.06.2026

Köln/Hamburg/Leipzig

Mit diesen prominenten Weggefährten feiert Wolf Biermann seinen 90. Geburtstag

Der legendäre Liedermacher wird am 15. November 90 Jahre alt

 18.06.2026