Es gibt immer mehr Nazis - und der »Spiegel« ist schuld daran.
Nein, bitte verstehen Sie mich nicht falsch. Das ist nicht als Vorwurf gemeint. Vielmehr hat das Hamburger Nachrichtenmagazin vor Kurzem seine online durchsuchbare Mitgliederkartei der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiter-Partei (NSDAP) um 864.000 Parteigenossen erweitert. Und jetzt wird dort auch Auskunft über mögliche SS-Mitgliedschaften gegeben.
»Wir verstehen die Arbeit an der Nazi-Kartei als Experiment mit offenem Ausgang«, heißt es auf der »Spiegel«-Webseite. Dabei ist die Frage, ob es ein lukratives Experiment ist, längst beantwortet. Ja, und wie. Die Suchmaske steht hinter der Bezahlschranke, nur zahlende Abonnenten können den »Datenschatz« (Eigenaussage) durchsuchen und so versuchen, dem eigenen Opa (oder dem der Ex-Freundin) posthum die Unschuldsmaske vom Gesicht zu reißen.
Auch »Zeit Online« hat ein solches Tool ganz oben auf der Homepage platziert. Auch dort muss man Abonnent sein, um es benutzen zu können. In beiden Fällen wird die Suche so zwar vereinfacht. Aber sie bleibt ein arges »Hit and Miss«.
Zwischen den Ergebnissen, die das Suchtool der »Zeit« ausgibt, und den Treffern beim »Spiegel« bestehen zum Teil erhebliche Diskrepanzen. Der Selbstversuch ergibt bei der »Zeit« 14 NSDAP-Mitglieder mit dem Familiennamen »Thaidigsmann«, beim »Spiegel« hingegen nur acht. Vor der Aktualisierung der »Spiegel«-Datei Ende Mai waren es sogar nur zwei gewesen.
Dabei ist der zugrundeliegende Datens(ch)atz doch ein und derselbe. Es handelt sich um die von den Amerikanern beschlagnahmte und später eingescannte NSDAP-Mitgliederkartei, die im US-Nationalarchiv aufbewahrt wird. Seit März ist sie in Form umfangreicher PDF-Dateien online durchsuchbar. Das ist etwas umständlich, aber anders als bei »Zeit« und »Spiegel« immerhin kostenfrei.
Ob die Suche des Archivs alle Namen korrekt ausliest, ist auch dort nicht garantiert. Es muss aber an dieser Stelle festgehalten werden, dass die supermoderne, KI-gestützte Suchtechnik, die »Zeit« und »Spiegel« mit großem Aufwand haben entwickeln lassen, im Vergleich zum US-Archiv zwar Zeit spart, aber keineswegs unfehlbar ist. Wobei die beiden Medienhäuser das auch nie behauptet haben.
Vielleicht hat die ganze Nazi-Suche auch ihr Gutes. Denn sie ist ein wenig wie Lottospielen: Sie kostet Geld und ist praktisch sinnlos, weil die Chance auf einen Hauptgewinn verschwindend gering ist. Die Leute spielen dennoch munter mit. Denn es gilt: Selbst wenn sich diese Woche kein Treffer ergibt, könnte das kommende Woche ganz anders sein.
Und jetzt mal ehrlich, ist das heitere Nazisuchen anders als beim Lotto nicht eine echte Win-Win-Situation? »0 Treffer« bedeutet ja entweder, dass der Opa kein Nazi war. Oder es bedeutet, dass der Opa noch nicht als Nazi enttarnt wurde und man bei Lieferung neuer Datensätze nochmals nachschauen muss.
Wenn wider Erwarten doch eine Karteikarte in der Trefferliste aufpoppt, ist das auch kein Drama. Erstens waren nicht alle NSDAP-Mitglieder Nazis, die Historiker haben das ja eingeordnet. Ein Beispiel: Auch der Judenretter Oskar Schindler findet sich in der Kartei. Und zweitens ist man sich ja in jedem Fall in guter Gesellschaft: Der Nachbar zwei Häuser weiter hatte auch mehrere Treffer, dessen Opa war sogar bei der SS...
Nein, der »Spiegel« hat das schon richtig erkannt: Dies ist ein Experiment mit offenem Ausgang. Das Gesellschaftsspiel »Deutschland sucht den Nazi« wird sicher noch eine Weile weitergehen, weil’s so schön - und lukrativ - ist. Es gibt ja noch so viel aufzuarbeiten, so viele Archive zu durchsuchen, so viele Abonnenten zu gewinnen.
Schon sieht man die Nörgler ankommen: Warum erst jetzt, fragen sie, hätte man das nicht schon früher machen müssen? Naja, die Antwort ist ganz einfach: Als der Opa noch lebte, war dafür keine Zeit, und es gab den Datenschutz, es ging also gar nicht...
Seit dieser Woche bewirbt der »Spiegel« das Suchtool nicht mehr mit dem Claim »Finden Sie heraus, was Ihre Familie unter Hitler gemacht hat«, sondern mit »War Ihr Opa in der SS?«. Das bietet einen echten Mehrwert. Zumindest dann, wenn der Opi tatsächlich ein doppelter Nazi, also sowohl Mitglied der NSDAP als auch der SS war. Bei diesem Tempo dürfte es nicht mehr lange dauern, bis die »Spiegel«-KI auch die Kartei des Bundes Deutscher Mädel durchforsten kann.
Begleitet wird das Ganze durch ein Titelbild der neuen »Spiegel«-Printausgabe. Überschrift: »Unser Krieg gegen Russland«. Man beachte die Wir-Form. Nein, das mit dem Krieg gegen Russland, das bezieht sich natürlich auf den im Juni 1941 von Nazi-Deutschland begonnenen Überfall der Sowjetunion und nicht auf heute. Dass die Sowjetunion nicht nur aus Russland, sondern auch aus der Ukraine und vielen weiteren Staaten bestand, ist in diesem Zusammenhang doch Korinthenkackerei.

Kleinkariert ist auch die Kritik an der Fokussierung der beiden Medienhäuser auf die Nazi-Zeit. In Zeiten wie diesen, in denen mit Journalismus nicht mehr viel verdient ist, müssen sich Verlage eben umtun. Es braucht innovative Ideen, um die Leserbindung zu fördern. Was der »New York Times« vor einigen Jahren das populäre Onlinespiel Wordle war, ist den deutschen Leitmedien die NSDAP-Kartei: ein Rettungsanker.
Früher hieß es nicht nur beim »Spiegel«: »Sex sells«. Aber in Zeiten, in denen man freizügige Fotos jederzeit umsonst im Internet anschauen sind, verleitet eine barbusige Schönheit auf dem »Spiegel«-Cover oder der Homepage niemanden mehr dazu, ein Abo abzuschließen. Tools zur Ahnenforschung hingegen schon. Die aufbereitete NSDAP-Mitgliederdatei sichert so indirekt Dutzende Arbeitsplätze im Medienbereich.
Wenn das der Führer wüsste. Er hätte sicher einen inneren Reichsparteitag. Dabei findet sich sein Name gar nicht in der »Spiegel«- und der »Zeit«-Kartei. War er womöglich auch kein NSDAP-Mitglied?
P.S. Denjenigen, die jetzt sauertöpfisch dreinblicken oder gar angewidert mit der Nase rümpfen, sei zugerufen: Wer von euch ohne Nazi-Vorfahr ist, werfe den ersten Stein!