Filmfestspiele

Was die Berlinale diesmal bietet

Im vergangenen Jahr ist die Berlinale unter ihrer neuen Chefin Tricia Tuttle angetreten, den Blick zu weiten und der global fortschreitenden Polarisierung und Ideologisierung zu widerstehen. Gerade hat sie sich vehement gegen Kulturboykotte ausgesprochen, und das aktuelle Programm kann man durchaus als einladend bezeichnen, wenn es um israelische und jüdische Themen geht.

Auch wenn wieder einmal kein israelischer Film im Wettbewerb läuft – das letzte Mal ist sieben Jahre her, und Synonymes von Nadav Lapid gewann damals den Goldenen Bären –, sind diverse israelische und jüdische Filmschaffende in den verschiedenen Berlinale-Sektionen vertreten. Dabei hat Assaf Machnesʼ Tragikomödie Where To? in der Spielfilmdebüt-Sektion Perspectives gute Chancen, ein Publikumsliebling zu werden.

Das Roadmovie, die einzige israelische Produktion in diesem Jahr, spielt ausschließlich in einem Taxi in den Straßen von Berlin, und die verrückte Hauptstadt bietet die Kulisse für die Freundschaft zwischen einem Palästinenser und einem Israeli, die im selben Auto sitzen.

Assaf Machnes’ »Where To?« hat gute Chancen, ein Publikumsliebling
zu werden.

Die brutale Seite der Realität in Nahost verhandelt Effondrement (Zusammenbruch), der dokumentarische Essay der israelischen Filmemacherin Anat Even, der in der Sektion Forum läuft. In der französischen Produktion kehrt Even kurz nach den Massakern des 7. Oktober 2023 in den zerstörten Kibbuz Nir Oz im Süden Israels zurück, wo sie aufgewachsen ist. Trauernd verortet sie sich zwischen beiden Seiten des Grenzzauns nach Gaza, wo der Krieg tobt, während die Überlebenden des Kibbuz auf den Horror im eigenen Zuhause starren.

Ebenfalls die Kriege in der Region behandeln die Dokumentation Fruits of Despair des iranischen Filmemachers Nima Nassaj und der Spielfilm Chronicles From the Siege des syrisch-palästinensischen Regisseurs Abdallah Alkhatib, die zwischen persönlicher Tragödie und großem Ausblick oszillieren.

Mit deutlich leichterem, optimistisch-nachdenklichem Ton macht sich die in Frankreich lebende Israelin Nurith Aviv in Prénoms (Vornamen) mit Blumen und in alphabetischer Reihenfolge auf, ihre Freundinnen und Freunde zu besuchen, um sie zu bitten, anhand ihrer Vornamen ihre Geschichte zu erzählen, die trotz unterschiedlichster Herkunft erstaunlich viele Gemeinsamkeiten birgt.

Der Kurzfilm »Les juifs riches« von Yolande Zauberman nimmt sich antisemitische Klischees vor

In ihrem Kurzfilm Les juifs riches (Die reichen Juden) nimmt sich die französische Filmemacherin Yolande Zauberman mit vertrautem Wumms das antisemitische Klischee vor. Ebenfalls im Kurzformat berichtet der rumänische Film Plan contraplan (Schuss Gegenschuss) von Radu Jude von den harschen Lebensbedingungen für Juden im sozialistischen Staat der 80er-Jahre, und das aus der Perspektive eines Besuchers und des Geheimdienstes.

Im Forum Special versucht sich die französische Regisseurin Mona Achache mit Quand tu écouteras cette chanson (Wenn du dieses Lied hörst) an einer Neu-Annäherung an das Schicksal von Anne Frank, basierend auf dem gleichnamigen Buch von Lola Lafon, die 2021 eine Nacht allein im Hinterhaus des Anne-Frank-Museums in Amsterdam verbrachte.

Eine historische Würdigung wird der im Oktober 2025 gestorbenen Judit Elek im Forum Special zuteil. Der bekannteste Film der ungarischen Drehbuchautorin und Regisseurin ist wohl Tutajosok von 1989 über den Ritualmordprozess im nordungarischen Tiszaeszlár Anfang der 1880er-Jahre, der als Beginn des politischen Antisemitismus in Ungarn gilt.

Experimentell und queer lässt Uchronia vom griechischen Regisseur Fil Ieropoulos den Dichter Arthur Rimbaud durch die Zeit reisen und Revolutionäre besuchen, darunter auch die russisch-amerikanische Anarchistin und Friedensaktivistin Emma Goldman, die zur Jahrhundertwende moderner dachte als die meisten Menschen der Gegenwart.

Ulrike Ottinger ist im Berlinale Special mit »Die Blutgräfin« vertreten

Schließlich ist die Künstlerin und Filmemacherin Ulrike Ottinger im Berlinale Special mit Die Blutgräfin vertreten. Isabelle Huppert spielt die Hauptrolle in diesem morbid-komisch-opulenten Vampirabenteuer in Wien nach einem Roman von Elfriede Jelinek. Ottinger wird auch in einem Directorʼs Talk Rede und Antwort stehen. Spannend versprechen auch die Talent Talks mit dem Filmkomponisten Daniel Blumberg (The Brutalist) und der Szenenbildnerin Inbal Weinberg (Suspiria, Three Billboards Outside Ebbing, Missouri) zu werden. In der Sektion Talente sind außerdem Lucas Englander, einer der Shootingstars 2026, sowie die Filmemacher Tal Kantor (Letter to a Pig), Omer Manor, Adi Navon und Marah Strauch vertreten.

Vom jüdischen Leben im Sozialismus bis zum Vampir-Abenteuer ist
alles mit dabei.

Im Berlinale Special präsentiert zudem Noah Segan mit The Only Living Pickpocket in New York ihr neues Werk, das auf Thriller-Art der Frage nachgeht, wie sich ein ehemaliger Meisterdieb eigentlich in der digitalen Welt zurechtfinden soll, wo niemand mehr Bargeld mit sich herumträgt und Kreditkarten und Mobiltelefone sofort gesperrt werden können. John Turturro spielt den frustrierten Harry Lehman, der plötzlich das Falsche stiehlt.

Porträt über Paul Austers Frau Siri Hustvedt

Im der Reihe Special ist auch die österreichische Berlinale-Veteranin Ruth Beckermann mit ihrem neuen Film Wax & Gold zu sehen, der in die Vergangenheit und Gegenwart Äthiopiens eintaucht.

Im Panorama laufen außerdem das Porträt über Paul Austers Frau Siri Hustvedt und Rebecca Zweigs Doku über Rodeos in Mexiko. Ebenfalls im Panorama tritt die wunderbare Sophie Okonedo in dem Coming-of-Age-Film Mouse auf und Brasiliens Nachwuchsstar Caio Horowicz in Isabel.

Nebenrollen, aber immerhin im Wettbewerb, haben die Hollywoodschauspieler Brett Goldstein und Dan Levy im US-Entzugs-Drama At the Sea, während Arieh Worthalter – der 2024 für die Hauptrolle in Der Fall Goldman mit dem César ausgezeichnet wurde – in der europäischen Co-Produktion Dust zu sehen ist.

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