Glosse

Der Rest der Welt

Moshe Reuven Sheradsky Foto: picture alliance / ZUMAPRESS.com

Glosse

Der Rest der Welt

Beat statt Predigt: Wenn der Rabbiner für eine bessere Welt rappt

von Margalit Edelstein  19.04.2026 08:16 Uhr

Man stelle sich vor: Ein Rabbiner greift zum Mikrofon, der Beat setzt ein – und statt Predigt gibt es Flow. Moshe Reuven, in den USA längst als »rappender Rabbi« bekannt, macht genau das. Denn wer sagt eigentlich, dass jüdische Lehre nur zwischen Buchdeckeln oder von der Bima aus stattfinden darf? Reuven verlegt sie kurzerhand auf die Bühne – oder gleich ins Netz.

Mit Kippa und Bart, aber eben auch mit einem ziemlich guten Gespür für Rhythmus. Seine Texte kreisen um das, was jüdisches Leben seit jeher ausmacht: Fragen stellen, ringen, zweifeln, weiterdenken. Nur dass dazu jetzt ein Beat läuft. Das funktioniert überraschend gut. Vielleicht, weil er gar nicht versucht, krampfhaft »cool« zu sein. Reuven wirkt eher wie jemand, der schlicht alle Teile seiner Identität ernst nimmt – den Rabbiner und den Musiker. Und genau das macht ihn glaubwürdig.

Als Teenager begann er zusammen mit seinen Freunden zu rappen und ein exzessives Party-Leben zu führen.

Geboren und aufgewachsen ist der 33- Jährige in Florida in einem säkularen, aber traditionellen jüdischen Elternhaus. Moshe Reuven Sheradsky, so heißt er eigentlich, hat Rap schon immer geliebt: Als er acht Jahre alt war, schrieb er bereits musikalische Gedichte, um sich der Welt mitzuteilen – so brachte er seine Gefühle zum Ausdruck. Als Teenager begann er zusammen mit seinen Freunden zu rappen und ein exzessives Party-Leben zu führen.

Auf einer dieser Partys wurde ihm unbemerkt etwas ins Getränk gegeben – ein Vorfall, der ihn beinahe das Leben kostete und den Lauf seines Lebens von Grund auf verändern sollte. In seinem Song Red & Yellow aus dem Jahr 2024 verarbeitet Reuven das Ereignis: »Remember the day I almost died / Laying down in the corner looking straight at the sky / And Iʼm in this room asking why / Can I live til tomorrow and give life another try / Gonna live a purpose / Now I got one /Had to fight an angel /Now I fought one / Practically changed my name look what G-dʼs done!« So schreibt er und rappt sich damit an die Spitze der israelischen Musik-Charts. Nach seinem traumatischen Party-Erlebnis hört Sheradsky auf, freitagabends auszugehen, hält den Schabbat strikt ein, isst nur noch koscher und lässt sich einen Bart wachsen.

Heute hat Sheradsky 1,6 Millionen Follower auf Instagram.

Einige Zeit später beginnt er seine Rabbinerausbildung an einer Jeschiwa in Israel und am Rabbinical College of America in Morristown, New Jersey, er erwirbt 2021 seine Semicha und wird Rabbiner der Chabad-Lubawitsch-Bewegung. »Ich hatte das Gefühl, Gott stellte mir ein Ultimatum, dass ich einen sinnvolleren Weg einschlagen müsse, sonst wäre mein Leben verschwendet«, erzählt er 2024 in einem Interview mit dem Jewish News Syndicate (JNS).

Heute hat Sheradsky 1,6 Millionen Follower auf Instagram, wurde im »Rolling Stone«-Magazin lobend erwähnt und war der einzige orthodoxe Jude, der 2024 bei der 66. Verleihung der Grammy Awards im Publikum saß. Im Interview mit dem JNS sagt er: »Es hat viel Zeit und Mühe gekostet, dorthin zu gelangen, wo ich jetzt bin, und ich bin dankbar, dass Gott hinter mir stand und mir einen Schubs in diese Richtung gegeben hat … Ich habe einfach das Ziel, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, sie mit meiner Musik zu einem positiveren Ort zu machen. Sie zu einem gottgefälligeren Ort zu machen.« Wie recht er doch hat.

Glosse

Der Rest der Welt

New Yorker Geschichten: Zu viele Bücher kann es gar nicht geben

von Katrin Richter  11.08.2026

Forum

Leserbriefe

Kommentare und Meinungen zu aktuellen Themen der Jüdischen Allgemeinen

 11.08.2026

Reportage

Unter die Haut

Für viele Jüdinnen und Juden ist ein Tattoo nicht nur Körperschmuck – sondern auch ein Bekenntnis zur eigenen Identität. Vier tätowierte Menschen erzählen

von Nicole Dreyfus  11.08.2026

Filmkritik

»Noga« - Porträt der Sängerin Noga Erez zeigt persönliches Ringen

Ein dokumentarisches Porträt der israelischen Musikerin Noga Erez, deren internationaler Erfolg seit dem Hamas-Massaker und den antiisraelischen Kulturattacken ausgebremst wird

von Kathrin Häger  11.08.2026

Literatur

Tomer Gardi und Dana Vowinckel für Deutschen Buchpreis nominiert

Die Jury hat die Auswahl der 20 Kandidaten bekanntgegeben. Unter ihnen sind auch bekannte Autoren mit jüdischem Hintergrund

 11.08.2026

Social Media

Shirin David, Bill Kaulitz und die Wassermelonen-Jünger

Bei der Rapperin reicht ein »Free Palestine« für die Verbündeten, bei dem Sänger ein »Tel Aviv! Love!« für die Gegner. Ein Kommentar

von Pola Sarah Nathusius  11.08.2026

Nordrhein-Westfalen

Medienminister übt scharfe Kritik an Georg Restle und dem WDR

Nathaniel Liminski (CDU): »Israel und das Judentum sind kein Freiwild für jeden Vorwurf, auch nicht für Journalisten«

 11.08.2026 Aktualisiert

Archäologie

Die Fingerabdrücke von Qumran

Wie Wissenschaftler mithilfe von Künstlicher Intelligenz den Schriftrollen vom Toten Meer ihre letzten Geheimnisse entlocken wollen

von Sabine Brandes  11.08.2026

Campus

Schweigen als Überlebensstrategie

Ein neuer Sammelband beleuchtet die erschütternde Situation jüdischer Studierender und Lehrender an deutschen Hochschulen

von Therese Klein  10.08.2026