Man stelle sich vor: Ein Rabbiner greift zum Mikrofon, der Beat setzt ein – und statt Predigt gibt es Flow. Moshe Reuven, in den USA längst als »rappender Rabbi« bekannt, macht genau das. Denn wer sagt eigentlich, dass jüdische Lehre nur zwischen Buchdeckeln oder von der Bima aus stattfinden darf? Reuven verlegt sie kurzerhand auf die Bühne – oder gleich ins Netz.
Mit Kippa und Bart, aber eben auch mit einem ziemlich guten Gespür für Rhythmus. Seine Texte kreisen um das, was jüdisches Leben seit jeher ausmacht: Fragen stellen, ringen, zweifeln, weiterdenken. Nur dass dazu jetzt ein Beat läuft. Das funktioniert überraschend gut. Vielleicht, weil er gar nicht versucht, krampfhaft »cool« zu sein. Reuven wirkt eher wie jemand, der schlicht alle Teile seiner Identität ernst nimmt – den Rabbiner und den Musiker. Und genau das macht ihn glaubwürdig.
Als Teenager begann er zusammen mit seinen Freunden zu rappen und ein exzessives Party-Leben zu führen.
Geboren und aufgewachsen ist der 33- Jährige in Florida in einem säkularen, aber traditionellen jüdischen Elternhaus. Moshe Reuven Sheradsky, so heißt er eigentlich, hat Rap schon immer geliebt: Als er acht Jahre alt war, schrieb er bereits musikalische Gedichte, um sich der Welt mitzuteilen – so brachte er seine Gefühle zum Ausdruck. Als Teenager begann er zusammen mit seinen Freunden zu rappen und ein exzessives Party-Leben zu führen.
Auf einer dieser Partys wurde ihm unbemerkt etwas ins Getränk gegeben – ein Vorfall, der ihn beinahe das Leben kostete und den Lauf seines Lebens von Grund auf verändern sollte. In seinem Song Red & Yellow aus dem Jahr 2024 verarbeitet Reuven das Ereignis: »Remember the day I almost died / Laying down in the corner looking straight at the sky / And Iʼm in this room asking why / Can I live til tomorrow and give life another try / Gonna live a purpose / Now I got one /Had to fight an angel /Now I fought one / Practically changed my name look what G-dʼs done!« So schreibt er und rappt sich damit an die Spitze der israelischen Musik-Charts. Nach seinem traumatischen Party-Erlebnis hört Sheradsky auf, freitagabends auszugehen, hält den Schabbat strikt ein, isst nur noch koscher und lässt sich einen Bart wachsen.
Heute hat Sheradsky 1,6 Millionen Follower auf Instagram.
Einige Zeit später beginnt er seine Rabbinerausbildung an einer Jeschiwa in Israel und am Rabbinical College of America in Morristown, New Jersey, er erwirbt 2021 seine Semicha und wird Rabbiner der Chabad-Lubawitsch-Bewegung. »Ich hatte das Gefühl, Gott stellte mir ein Ultimatum, dass ich einen sinnvolleren Weg einschlagen müsse, sonst wäre mein Leben verschwendet«, erzählt er 2024 in einem Interview mit dem Jewish News Syndicate (JNS).
Heute hat Sheradsky 1,6 Millionen Follower auf Instagram, wurde im »Rolling Stone«-Magazin lobend erwähnt und war der einzige orthodoxe Jude, der 2024 bei der 66. Verleihung der Grammy Awards im Publikum saß. Im Interview mit dem JNS sagt er: »Es hat viel Zeit und Mühe gekostet, dorthin zu gelangen, wo ich jetzt bin, und ich bin dankbar, dass Gott hinter mir stand und mir einen Schubs in diese Richtung gegeben hat … Ich habe einfach das Ziel, diese Welt zu einem besseren Ort zu machen, sie mit meiner Musik zu einem positiveren Ort zu machen. Sie zu einem gottgefälligeren Ort zu machen.« Wie recht er doch hat.