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»Unverhohlen antisemitisch«: Scharfe Kritik an »taz«-Kommentar zu Josef Schuster

Ein Meinungstext der Tageszeitung »taz« über den Präsidenten des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, sorgt bei einigen Repräsentanten der jüdischen Gemeinschaft für Empörung. »Einfach mal die Klappe halten«, lautet der Titel des am Mittwoch veröffentlichten Kommentars der »taz«-Redakteurin Susanne Knaul, in dem sie Schuster dafür kritisiert, sich in offizieller Funktion zu den israelisch-amerikanischen Angriffen auf den Iran geäußert zu haben.

Kritiker erheben nun den Vorwurf, die Autorin wolle Juden zum Schweigen bringen. Die Chefredaktion der »taz« stellt sich währenddessen hinter Knaul.

Knaul: Schuster hätte sich zurückhalten sollen

Anlass des Kommentars ist eine Pressemitteilung des Zentralrats vom Dienstag, in der Schuster das militärische Vorgehen gegen den Iran begrüßt und seine Hoffnung ausdrückt, dass das dortige Regime falle, unter anderem weil es »auch hinter zahlreichen Angriffen auf Jüdische Gemeinden« stecke. Die Juden in Deutschland könnten »ohne iranische Terror-Agenten ihrem Ziel eines sichtbaren Lebens ohne Schutzschild endlich einen bedeutenden Schritt näherkommen«, sagte Schuster.

»Taz«-Redakteurin Knaul schrieb daraufhin, der Zentralratspräsident hätte »sich in seiner Funktion zurückhalten und Stellungnahmen dieser Art besser dem israelischen Botschafter überlassen« sollen. Knaul weiter: »Musste das sein, fragen sich nun vermutlich vor allem die, die selbst dem Judentum angehören.« Auch zuvor schon habe sich Schuster mit Meinungsäußerungen »zu weit aus dem Fenster« gelehnt, etwa als er vergangenes Jahr Kritik an dem vorübergehenden Waffenembargo der Bundesregierung gegen Israel übte. »Wie viel besser hätte er daran getan, zur israelischen Kriegsführung auf Abstand zu gehen«, schreibt Knaul, die von 1999 bis 2019 Nahostkorrespondentin der »taz« in Israel war.

Zentralrat: »Juden lassen sich nicht mehr den Mund verbieten«

Der Zentralrat der Juden, der auch Herausgeber der Jüdischen Allgemeinen ist, reagierte noch am selben Tag auf den »taz«-Kommentar: »Wir müssen Sie enttäuschen. Juden lassen sich heute nicht mehr den Mund verbieten«, schrieb die Dachorganisation der jüdischen Gemeinden in einem in den sozialen Medien verbreiteten Beitrag. »Die Zeiten sind in Deutschland zum Glück vorbei!« Das iranische Regime bedrohe die Sicherheit Deutschlands und Europas. Mit dem israelischen Botschafter habe das nichts zu tun, so der Zentralrat. Knaul lebe in einer »Traumwelt«.

»Jüdische Stimmen werden in diesem Land nie wieder die Klappe halten«, sagte Ron Dekel, Präsident der Jüdischen Studierendenunion Deutschland (JSUD), der Jüdischen Allgemeinen. »Die umfassende Solidarität von Jüdinnen und Juden, die dieser unsägliche Artikel ausgelöst hat, zeigt deutlich, dass sich entgegen der Behauptung von Susanne Knaul kaum jemand in der jüdischen Community fragt, ob die Äußerung von Josef Schuster ‚sein musste‘.« Dekel ist überzeugt, dass viele Juden ausdrücklich hinter den Aussagen Schusters stünden. Knaul maße sich an, »demokratisch legitimierten jüdischen Stimmen das Wort entziehen zu wollen«, so der JSUD-Präsident.

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Der Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Frankfurt, Benjamin Graumann, argumentierte in einem Gastbeitrag in der »Welt«, es sei »lupenreiner Antisemitismus«, Juden den Mund zu verbieten, »während der einzige jüdische Staat von einem Regime, welches die Vernichtung Israels zur Staatsräson erklärt hat, täglich mit Raketen auf die gesamte Zivilbevölkerung beschossen wird«. Der »taz«-Kommentar sei ein »neuer Tiefpunkt« in der deutschen Berichterstattung, so Graumann.

Beckhardt: Versagen liegt bei der Redaktion

Auch der Co-Vorsitzende des Verbands Jüdischer Journalistinnen und Journalisten (JJJ), Lorenz Beckhardt, kritisiert den Text als »unverhohlen antisemitisch«. Zentralratspräsident Schuster habe mit seiner Befürwortung des Angriffs auf den Iran »zielsicher das Stimmungsbild der meisten Juden wiedergegeben, die er repräsentiert«, sagte Beckhardt der Jüdischen Allgemeinen. »Wenn daher die ‚taz‘-Kommentatorin sagt, Herr Schuster solle die Klappe halten, ist ein großer Teil der jüdischen Gemeinschaft mitgemeint.«

Beckhardt sieht das »eigentliche Versagen« bei der Redaktion der Zeitung. Bei der Abnahme des Textes hätte verhindert werden müssen, dass er in dieser Form erscheint. Beckhardt: »Jemand hätte der Kollegin sagen müssen, dass sie einen Ton anschlägt, der in Deutschland seit 80 Jahren eigentlich nicht mehr üblich.«

Chefredaktion verteidigt Knaul gegen Kritik

Die drei Chefredakteurinnen der »taz«, Katrin Gottschalk, Barbara Junge und Ulrike Winkelmann verteidigen Knaul gegen die Kritik an ihrem Text. »In den vielen Jahren, die Susanne Knaul in Israel verbracht hat, hat sie sich ihre innere Unabhängigkeit als gute Journalistin stets bewahrt und tut dies bis heute«, hieß es auf Anfrage der Jüdischen Allgemeinen. Knaul werde dafür »von allen Konfliktparteien« angegriffen. »Wer nur aber auf den Titel ihres Kommentars schaut, versäumt möglicherweise das Argument im Text.«

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