Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel (65) stammt aus Dresden. Foto: picture alliance/dpa

Sachbuch

Unter Gedächtnisbeton

Ines Geipel widmet sich in »Landschaft ohne Zeugen« der Rolle kommunistischer Häftlinge im KZ Buchenwald und der Nicht-Aufarbeitung in der DDR

von Steffen Alisch  18.03.2026 15:29 Uhr

Im Frühsommer 1974 steht die 14-jährige Ines Geipel mit 200 anderen Jugendlichen im Blauhemd der DDR-Staatsjugend FDJ auf dem ehemaligen Exerzierplatz vor den SS-Kasernen in Buchenwald. Angetreten zum Appell.

Die Jugendlichen versuchen, die emotionale Überwältigung durch die monumentale Anlage mit billigen Scherzen zu überwinden. Einige Wochen vorher hatten sie ihre offizielle Jugendweihe erhalten, nach einem gemeinsam gesprochenen quasireligiösen Bekenntnis zum DDR-Sozialismus. In den Reden ging es »um Opferbereitschaft, Heldentum, um wahre Standhaftigkeit im Kampf gegen den Feind«.

Andere Widerstands- und Opfergruppen wurden mittels der Geschichtspolitik der SED konsequent marginalisiert

Solche und ähnliche Abläufe kennt jeder, der damals in der DDR groß geworden ist, aus eigener Erfahrung. Das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald bildete als Nationale Mahn- und Gedenkstätte einen ideologischen Nukleus des DDR-Antifaschismus mit seinen Mythen vom heroischen kommunistischen Widerstand gegen die NS-Diktatur und der außergewöhnlichen Opferbereitschaft der Kommunisten. Andere Widerstands- und Opfergruppen wurden mittels der Geschichtspolitik der SED konsequent marginalisiert.

Doch die Realität gerade im KZ Buchenwald war eine andere, wie schon ein Bericht des US-Militärs kurz nach der Befreiung des Lagers im April 1945 konstatiert hatte. Danach gelang es insbesondere deutschen Kommunisten mittels massiver Gewalt vor allem gegen kriminelle Häftlinge, zentrale Positionen in der von der SS eingerichteten weitgehenden Lagerselbstverwaltung einzunehmen.

Sie nutzten ihre hocheffektive Organisation zum Schutz und zur Bevorteilung der eigenen Genossen, was auch die »Beseitigung« unliebsamer Häftlinge vor allem im Krankenrevier, aber auch durch Versetzung in potenziell besonders tödliche Außenlager und die Manipulierung von Deportationslisten nach Auschwitz einschloss. Unter den mindestens 56.000 Buchenwald-Toten waren deutsche Kommunisten mit 109 Opfern vergleichsweise unterrepräsentiert.

Die Vorwürfe gegen kommunistische Funktionshäftlinge reichten von persönlicher Bereicherung bis hin zu Mord

Die vor allem von ausländischen ehemaligen Häftlingen nach dem Krieg erhobenen Vorwürfe gegen kommunistische Funktionshäftlinge reichten von persönlicher Bereicherung bis hin zu Mord und anderen »Verbrechen gegen die Menschlichkeit«. Es gab strafrechtliche Ermittlungen, insbesondere durch alliierte Behörden, aber auch SED-interne Untersuchungen.

Ernst Busse, einer der drei führenden Mitglieder der KPD-Parteiorganisation im Lager und zwischenzeitlich thüringischer Innenminister, starb als verurteilter Kriegsverbrecher im sowjetischen Lager Workuta. Sein Haftgenosse Walter Bartels verlor nach Parteiverfahren seinen Posten als persönlicher Referent des Staatspräsidenten Wilhelm Pieck.

Den ehemaligen kommunistischen Widerständlern des KZs stand der Sinn keineswegs nach Bewahrung des authentischen Ortes ihrer Leiden.

Den ehemaligen kommunistischen Widerständlern des KZs stand der Sinn keineswegs nach Bewahrung des authentischen Ortes ihrer Leiden, Walter Bartel forderte 1952: »Verschwinden, überwachsen lassen und anpflanzen.« So geschah es, vom ursprünglichen Lager blieb nur wenig übrig. 1958 wurde eine monumentale Gedenkstätte eröffnet, die eher die glorreiche Zukunft als die realen Geschehnisse vermitteln sollte, von der SED mit »Gedächtnisbeton« (Geipel) erbaut.

Ines Geipel rekonstruiert diese Historikern bekannte und doch öffentlich weithin unbekannte Geschichte und fragt, wie viel von einem imaginären »Lagergedächtnis« während der DDR-Zeit, aber auch heute noch erhalten war und ist. Was empfanden die früheren Protagonisten, die über ihre Erfahrungen oft nicht offen sprechen konnten?

Die Autorin verwebt dies mit (auto-)biografischen Geschichten und Reflexionen über den Umgang mit dem natio­nalsozialistischen Erbe in Ost und West. Dabei beschleicht sie immer »wieder das Gefühl, dass der Stoff zu groß ist und es kein Durchkommen gibt«. Das mag sein. Doch die Fragen, die sie stellt, sind wichtig – erst recht, wenn ihre Antworten manchen Leser nicht völlig zufriedenstellen und zum Weiterdenken animieren.

Das Buch ist für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert.

Ines Geipel: »Landschaft ohne Zeugen. Buchenwald und der Riss der Erinnerung«. S. Fischer, Frankfurt 2026, 336 S., 25 €

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