Debatte

Und Gott schuf Gender

Die glückliche Traditionsfamilie ist heute mehr Werbe-Ideal als Wirklichkeit. Foto: Thinkstock

Wieder die langweilige Veranstaltung zum Christopher-Street-Day: Schwule und Lesben, bekleidet mit Federboas oder faschistisch anmutendem Uniform-Accessoire, paradieren durch die Straßen. Darunter vermutlich auch ein paar Juden. Das sei hier gesagt, sonst wird gleich wieder gedacht: Typisch gojim naches.

Würde man diesen Leuten Kinder anvertrauen? Natürlich nicht. Die homosexuelle Gesellschaft als kleiner Partner einer Mehrheitsgesellschaft macht sichtbar, was Heterosexualität vor sich selbst zu verbergen sucht: verbotene Lust. Daher mag die Fantasie von der hemmungslos ausschweifenden Sexualität des homosexuellen Mannes herrühren.

Kultur Unterm Strich sind auf demselben sehr viel mehr heterosexuell lebende Freier unterwegs zu männlichen Huren, als die bürgerliche Welt wahrhaben will. Mit der Frau, auch mit der homosexuellen Frau, ist immer alles etwas anders. Sollte die Genderforschung recht haben mit ihrer Behauptung, die Unterschiede zwischen Frau und Mann seien bloß kulturell konstruiert, hat die Konstruktion der Frau mehr Kultur als die des Mannes. Kinder werden eher Frauen anvertraut. Grund dafür ist das seit Generationen allgemein verbreitete Verhalten von heterosexuellen Männern gegenüber ihren eigenen und anderen Kindern.

Vermutlich hätten verheiratete Lesbenpaare längst das Adoptionsrecht, wären da nicht die Schwulen, die es dann auch automatisch hätten. Zwei Frauen mit Kind toleriert die heterosexuelle Gesellschaft problemlos. Zwei Männer mit Kind nicht. Frauenpaare haben schon immer Kinder großgezogen. Besonders häufig nach großen Kriegen. Zu Müttern gehört eben mehr als bloß mal ein Mann.

idealisierung Die Überzeugung, homosexuell lebende Paare schadeten dem Wohl eines Kindes, dient vor allem dazu, die heterosexuelle Kleinfamilie idealer fantasieren zu dürfen, als sie jemals war und ist. Dem können inzwischen viele Menschen zustimmen, egal, welche sexuelle Vorliebe sie haben. Es gibt in unserer Gesellschaft keinen Ort, der sicherer und zugleich gefährlicher wäre als die Familie. Besonders für Kinder und besonders für Frauen. Für den Ausdruck »familiär« nennt der Duden in einer Reihe die Wörter »vertraut«, »eng verbunden« und »zudringlich«. Die heute in den meisten Ländern übliche und gesetzlich geschützte monogame Ehe leiten feministische Wissenschaftlerinnen vom Frauenraub her. Meyers Konversationslexikon von 1897 war übrigens derselben Ansicht.

Und ist es nicht auch so, dass homosexuell gewordene Menschen meist heterosexuelle Eltern haben? Obendrein hat die Aufdeckung massenhaften sexuellen Missbrauchs an Kindern durch Vorbildträger der heterosexuellen Gesellschaft alles wieder einmal infrage gestellt.

in vitro In der Genforschung glauben Männer kurz davor zu sein, bald ihr eigenes Ei legen zu können. Der Umstand, dass die männliche Wissenschaft herauszufinden versucht, wie man Kinder ohne Frauen machen kann, hat dazu geführt, dass wir inzwischen wissen, wie Frauen Kinder ohne Männer bekommen können. Seitdem es die künstliche Befruchtung gibt, ist der körperliche Kontakt mit dem Mann zur Empfängnis nicht mehr notwendig. Es geht auch mit der Sahnespritze der Freundin. Das wäre die lesbische Variante. Zwei Mütter und ein Kind. Aber wer ist aus der Perspektive des Kindes der Vater?

Überaus verbreitet ist das Geschäft mit dem Samentütchen in der heterosexuellen Gesellschaft. Die Fragwürdigkeit solcher Wunscherfüllung aber im Hinblick auf das Wohl des Kindes, sie kommt nun so recht vehement zur Sprache, da Schwule das jetzt auch wollen. Ein Männerpaar schickt seinen Samen nach Indien oder Nicaragua, bezahlt dort eine Leihmutter fürs Austragen, danach bezeugt einer von beiden vor Gericht die genetische Vaterschaft und nimmt sein Kind mit nach Deutschland. Die heterosexuelle Gesellschaft hat bereits vielfach vorgemacht, wie das geht. Dem Kind mag es an nichts fehlen, es mag von zwei Vätern geliebt und großgezogen werden. Doch wer ist aus der Perspektive des Kindes die Mutter?

Auch die amerikanische Gender-Theoretikerin Judith Butler sieht nicht mehr aus, wie sie mal aussah – stoppelhaarig im karierten Farmerhemd und Jeans. Seitdem sie Professorin ist, strahlt sie mehr Lebensqualität aus und wirkt dadurch irgendwie weiblicher, kulturvoller. Außerdem ist sie inzwischen Mutter geworden.

Judith Butler sagt, heterosexuelle Identität sei Imitation eines phantasmagorischen Ideals, eine im Sinne von »richtig« festgelegte Vorstellung darüber, was »Frau«, was »Mann« sei, und dieses sogenannte Original sei Grundlage aller Imitationen in endloser Wiederholung. Die brauche es, um sich als Original zu bestätigen. »Wenn es also die Vorstellung der Homosexualität als Kopie nicht gäbe, dann hätten wir auch keine Konstruktion von Heterosexualität als Original.«

endlichkeit Was ist das Original und was ist origineller als das Original? Wir wissen es nicht. Nun hat mancherorts die Genderwissenschaft daraus die Idee gewonnen, alle Menschen könnten gleich sein oder so anders wie die oder der andere. Das klingt nach dem ewigen Wunsch des Menschen, die Begrenzungen des Lebens, die eigene Endlichkeit überwinden zu können. Daraus wird hoffentlich nichts werden.

Was allerdings Wissenschaft möglich macht, können wir nicht verhindern. Die Akzeptanz der eigenen Endlichkeit symbolisiert sich in dem allen Menschen gemeinsamen Kinderwunsch, ob homo oder hetero. Und dazu braucht es ein zweigeschlechtliches Elternpaar, dessen individuelle Geschichte für das Kind erzählbar sein muss.

Auch darum ist die Entscheidung glücklich zu nennen, dem Platz vor dem neuen Anbau des Jüdischen Museums in Berlin den Namen Fromet-und-Moses-Mendelssohn-Platz zu geben. Das Jüdische Museum befasst sich mit Familiengeschichten. Und dass von diesem jüdischen Elternpaar bis heute hin die Frau recht unbekannt blieb, ist das etwa ihre Schuld?

Es gäbe diese Entscheidung nicht, wäre da nicht der Beschluss der Berliner Grünen in Friedrichshain-Kreuzberg, Straßen und Plätze zu 50 Prozent nach Frauen zu benennen. Ganz nebenbei kam heraus, dass es in Deutschland nirgendwo eine Straße oder einen Platz gibt, der den Namen Moses Mendelssohns trägt, weder in West noch in Ost, weder in der alten BRD noch in der alten DDR. Daran ist die Genderwissenschaft unschuldig. Das ist eine andere alte Geschichte.

Die Autorin ist Schriftstellerin und lebt in Hamburg. Zuletzt ist von ihr 2011 der Roman »Familienleben« bei S. Fischer erschienen.

David Baddiel

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