TV-Tipp

Über 100 Jahre alt - und immer noch prägend - In einer Arte-Doku machen fünf Frauen ein Jahrhundert lebendig

Mickey Levy, Präsident der israelischen Knesset, ehrt Politikerin und Geheimagentin Tamar Eshel anlässlich ihres 101. Geburtstags. Foto: © SWR/Fruitmarket

Mit 102 Jahren ist Nermin Abadan-Unat ein paar Jahre älter als die Türkische Republik. Als 2023 das 100-jährige Staatsjubiläum gefeiert wurde, konnte die in Wien geborene Frauen- und Migrationsforscherin als eine der wenigen von ihrer persönlichen Begegnung mit Mustafa Kemal Atatürk berichten. Der Begründer der Republik hatte auf ihre außergewöhnliche Laufbahn zumindest indirekt einen gewissen Einfluss.

Fast wäre aus ihr eine »Null« geworden, erinnert sich die Akademikerin, die ein Buch von Dostojewski als erste Lektüreerfahrung nennt, in der Dokumentation von Uli Gaulke - am 15. September ab 23.15 Uhr auf Arte. Ihre Mutter hatte das gesamte Vermögen am Spieltisch verpulvert; Nermin Abadan-Unat musste die Schule verlassen. Sie sollte arbeiten gehen und Geld verdienen. Als ihr zu Ohren kam, dass Frauen in der jungen Republik kostenlos studieren dürfen, reiste sie mit 15 Jahren allein in die Türkei; ihre Mutter sah sie nie wieder. Abadan-Unat studierte Jura und Politik und forschte später, nach dem Gastarbeiterabkommen, als erste über die Arbeitsmigration in Deutschland.

Fünf außergewöhnliche Persönlichkeiten

»Ihr Jahrhundert - Frauen erzählen Geschichte« interessiert sich für Nermin Abadan-Unat aber weniger aufgrund ihres (oberflächlich skizzierten) Beitrags zur akademischen Forschung. Beachtung findet sie vor allem durch ihren unerschütterlichen emanzipatorischen Willen und ihr Alter. Der Film porträtiert fünf Frauen aus verschiedenen Ländern, die neben ihrem hohen Alter - alle sind mindestens 100 Jahre alt - Beeindruckendes geleistet haben.

So hat Nanammal Amma ihr langes Leben wohl der unermüdlichen Arbeit als Yogalehrerin zu verdanken. Das langjährige Knesset-Mitglied Tamar Eshel kämpfte für Frauenrechte und schleuste während der Nazi-Zeit Juden nach Palästina. Ilse Helbich gab nach 30 Jahren Eheleben ihre bürgerliche Existenz auf, um sich ganz dem Schreiben zu widmen. Die Schriftstellerin Haydée Arteaga Rojas, die bereits mit vier Jahren lesen und schreiben konnte, hat die einzige offizielle Schule für mündliche Überlieferung in Kuba geleitet.

Umringt von Bewunderern

Im Film sieht man die Frauen vielfach umringt von Zuhörerinnen und Bewunderern verschiedenen Alters, bei Ehrungen und Geburtstagen. »Wie haben Sie es geschafft, so alt zu werden?«, will ein Kind von Nanammal Amma wissen. Ein Balletttänzer hat Tränen in den Augen, als er Haydée Arteaga Rojas gegenüber bekundet, welch prägende Rolle sie für seinen Lebensweg als (schwuler) Mann und Künstler spielte. Und Tamar Eshel wird gar als »Wonder Woman der Knesset« gepriesen.

Eher lose zeichnen sich in dem Porträtfilm Parallelen zwischen den Frauen aus Kuba, Israel, Österreich, Indien und der Türkei ab; im Off leistet zudem die 108-jährige Pianistin Colette Maze mit ihrem Klavierspiel ihren Beitrag. Die Gemeinsamkeiten haben vor allem mit struktureller Geschlechterungleichheit zu tun, die je nach geografischem und politischem Raum ganz unterschiedlich zum Tragen kam.

Während Nanammal Amma von den Eltern verheiratet wurde, hat Ilse Helbich, die schon im Kindesalter Benachteiligung zu spüren bekam, ihre eigene Unterdrückung eher internalisiert. Erst spät begriff sie, dass die Rolle, die sie ohne Zwang einnahm, sozial geprägt ist. Auch ein früh entwickelter Wissensdurst verbindet die Frauen.

Sportliches Konzept

Die gesellschaftlichen und ökonomischen Hintergründe der Protagonistinnen sind derweil so verschieden, dass sich die Lebensgeschichten unmöglich unter einer gemeinsamen Perspektiver zusammenfassen lassen - außer unter einem eher fragwürdigen Begriff wie »Frauenpower«. Auch die persönlichen Verbindungen zu historischen Zäsuren - Nazi-Zeit, Nahost-Konflikt, kubanische Revolution - können in diesem Rahmen gar nicht anders als grob angerissen werden. So wirkt das Konzept der »Jahrhundertfrauen« am Ende vor allem sportlich.

»Ihr Jahrhundert – Frauen erzählen Geschichte«, Regie: Uli Gaulke. Arte, Mo 15.09., 23.15 - 01.00 Uhr. Mit Untertiteln für Hörgeschädigte.

Wien

Israels ESC-Fans: Sind keine Repräsentanten für Politik des Landes

Sie sind stolz, Israels Interpreten anzufeuern und die Landesflagge zu schwingen. Eines wollen die Fans aus Nahost beim ESC aber nicht sein: politische Vertreter

 10.05.2026

Italien

Überschattet von Skandalen: Venediger Kunstbiennale beginnt

Die Jury tritt zurück, die große Feier fällt aus und ein israelischer Künstler sieht sich »völlig isoliert« – die 61. Kunstbiennale in Venedig war schon vor Beginn beschädigt. Nun hat sie ihre Tore offiziell geöffnet

 10.05.2026

Eurovision

Noam Bettan probt mit Buhrufen

Mehrere Länder boykottieren den Eurovision Song Contest 2026 wegen der Teilnahme Israels. Wie geht der Kandidat des Landes damit um, dass er in Wien zudem mit Störaktionen und Buhrufen rechnen muss?

 10.05.2026

Medien

Kristin Helberg, der Hass auf Israel und der urdeutsche Wunsch nach Entlastung

Ein Kommentar von Jan Fleischhauer

von Jan Fleischhauer  10.05.2026

Aufgegabelt

Geburtstagskuchen

Rezepte und Leckeres

 10.05.2026

Muttertag

Moja Mama!

Die jiddische Mamme ist Motiv in etlichen Witzen. Dabei ist sie so viel mehr. Eine Würdigung aus der Perspektive eines Sohnes

von Jan Feldmann  10.05.2026

Kino

Preise des 32. Jüdischen Filmfestivals Berlin Brandenburg vergeben

Noch bis Sonntag zeigt das Jüdische Filmfestival Berlin Brandenburg Produktionen aus 22 Ländern. Die beiden Hauptpreise wurden schon zur Halbzeit verliehen

 09.05.2026

Kulturkolumne

Heißt David demnächst »Dschihad«?

Warum Michelangelo heute nie den Goldenen Löwen der Kunstbiennale-Jury von Venedig bekommen hätte

von Ayala Goldmann  08.05.2026

Meinung

LMU München: Ein Abschiedsbrief an meine geliebte Alma Mater

Ein Liebesbrief aus Enttäuschung an eine Universität, die sich selbst zu verlieren droht

von Guy Katz  08.05.2026