Traumata

Tierische Therapeuten

Foto: Getty Images

Laut biblischer Überlieferung wählte Gott den Patriarchen Noah als einzigen Gerechten in einer gewalttätigen und korrupten Welt aus und warnte ihn vor einer großen Flut. Er befahl ihm, eine Arche zu bauen, um damit sich und seine Familie sowie jeweils ein männliches und ein weibliches Tier aller Gattungen vor dem angehenden Sturm zu retten. Erst nachdem das Wasser zurückgegangen war, durften sie das Boot verlassen, um dann die Erde wieder zu bevölkern.

Der Schutz der Tiere und die Fürsorge für die Schöpfungen Gottes haben im Judentum eine hervorgehobene Stellung und werden in zahllosen Passagen der Tora begründet und ausgeführt. Auch wenn eine klare Trennung zwischen Mensch und Tier existiert, so ist Letzteres ein Lebewesen, das Schmerz und Leid empfinden kann und deshalb unsere Sorge und unser Mitgefühl verdient.

arche Noah Eine Art moderne Arche Noah, die den besten Freunden des Menschen Schutz und Zuflucht bietet, befindet sich in Elazar, südlich von Jerusalem. Ob humpelnder Hengst, dreibeiniger Fuchs, angeschlagener Vogel oder Chamäleon sowie knapp weitere 200 physisch oder seelisch verletzte Tierarten: Im Havayot-Zentrum nahe der israelischen Hauptstadt erholen sie sich von einer Behinderung, einem Trauma oder anderen körperlichen Gebrechen.

»Unsere Basis ist die Rettung und Pflege von Tieren. Wir sind für ihr Wohlergehen verantwortlich, solange sie sich in unserem Tiergehege befinden«, sagt Yoni Yehud.

»Unsere Basis ist die Rettung und Pflege von Tieren. Wir sind für ihr Wohlergehen verantwortlich, solange sie sich in unserem Tiergehege befinden«, sagt Yoni Yehuda, Direktor und Gründer der ungewöhnlichen Heilanstalt. »Die meisten Tiere wurden nicht hier geboren, sondern kamen zu uns, nachdem ein Trauma es für sie unmöglich gemacht hat, weiter in freier Wildbahn zu leben.«

Rekonvaleszenz Der promovierte Psychologe gründete Havayot (Hebräisch: Erlebnis) 1998 auf der Basis jahrelanger Forschungen sowie im Zuge eines persönlichen Rehabilitationsprozesses. Während seines Wehrdienstes bei den israelischen Streitkräften verletzte er sich bei einem Fallschirmsprung und nutzte das Reiten für seine Rekonvaleszenz. 1996 wurde er zudem bei einem Terroranschlag verwundet, mit dessen Folgen er bis heute zu kämpfen hat.

Das Zentrum hat gleichermaßen die Genesung von Mensch und Tier im Blick. Die Farm wurde gegründet mit dem Ziel, eine Beziehung zwischen ihnen herzustellen und im Rahmen der sich entwickelnden Begegnung einen Heilungsprozess zu erzielen. Der therapeutische Ansatz basiert auf der Dreieckstherapie – einem von Yehuda entwickelten psychotherapeutischen Verfahren, das mittlerweile international anerkannt wurde.

»Wir befinden uns dabei auf der gleichen Ebene, und es gibt eine Dreiecksverbindung zwischen Patient, Psychologe und Tier«, erklärt Yehuda. »Der Psychologe leitet den Prozess an, im Zuge dessen der menschliche Patient sein Problem auf das Tier projiziert und beginnt, über sich zu sprechen und nach Lösungen zu suchen.« Zwar gibt es tiergestützte Psychotherapie schon seit den frühen 60er-Jahren, wo Hunde oder Pferde Begleiter des Heilungsprozesses sind. Bei Havayot sind Tiere aber ein vollständiger Teil dessen, da sich Patient und Psychologe gemeinsam um ihre Bedürfnisse kümmern.

phobiebehandlung »Das Zentrum bietet eine große Auswahl an tierischen Therapeuten«, sagt Lior Deutsch vom Ramat Gan Safaripark. »Die Haus-, Nutz-, Wild- und Nagetiere werden gut versorgt und beim Namen gerufen.« Der promovierte Tierpsychologe forscht öfters auf der Farm. Seine neuesten Studien handeln von unterschiedlichen Phobiebehandlungen mit Insekten wie Schmetterlingen, Gespenstschrecken und riesigen Madagaskar-Fauchschaben.

Aber auch Methoden mit Wassertieren untersucht er. »Selbst Goldfische sind Therapeuten«, erzählt der Experte. »Wenn unser Finger das Aquarium berührt und sich hin- und herbewegt, dann kommt das kleine Haustier angeschwommen, weil es den Kontakt mit Menschen liebt.«

Deutsch erklärt, dass diese Heilmethode etwa für Kinder geeignet sei, die an Mutismus leiden, einer Kommunikationsstörung, die auch psychogenes Schweigen genannt wird. Diese Kinder könnten ein Gefühl der Verbundenheit zu dem Goldfisch erlangen, ohne physischen Kontakt aufzunehmen oder mit ihm zu sprechen. »Die Kinder versuchen, seine Körpersprache zu verstehen, um dann mit dem Tier zu sprechen. Und genau das bewirkt die Veränderung.«

Kinder, die an Mutismus leiden, können Kontakt zu einem Fisch aufnehmen, ohne zu sprechen.

Die Havayot-Farm hat mittlerweile nicht nur viele Menschen erfolgreich behandelt und unterstützt. Auch unzählige Tiere wurden gerettet. Das gemeinnützige Zentrum arbeitet mit Genehmigung und unter Aufsicht der Veterinärabteilung des Regionalrats von Gush Etzion sowie mit der Behörde für Naturreservate und dem Landwirtschaftsministerium zusammen.

Aufgrund der besonderen Bedürfnisse der Patienten und des Wohlergehens der Tiere werden strenge zoologische und veterinärmedizinische Standards eingehalten. Auch nimmt es Privatpatienten auf und ist autorisierter Anbieter für die Opfer von Terroranschlägen und Kriegen.

terrorangriffe »Einige unserer traumatisierten Tiere waren hier schon zur Behandlung«, sagt Nir Halperin aus dem Kibbuz Kissufim nahe der Grenze zu Gaza. »Die seit beinahe zwei Jahrzehnten andauernden Raketenangriffe aus dem Küstenstreifen terrorisieren nicht nur die Menschen, sondern haben auch einige meiner Pferde getötet.«

Der 30-jährige Landwirt – der vor einigen Jahren bei einem Terrorangriff selbst verletzt wurde – hatte zuletzt immer wieder Opfer unter seinen Vierbeinern zu beklagen. Erst kürzlich brachte er einen traumatisierten Esel zum Havayot-Zentrum. »Auch meine Angstzustände wurden hier geheilt«, erzählt er. »Ich musste Tiere um mich haben, denn ich fühlte, dass nur sie verstehen konnten, was in mir vorging.«

Zuletzt sah sich das Havayot-Zentrum mit einer Reihe von Krisen konfrontiert. So war es vom Finanzskandal um Bernie Madoff betroffen, und im Verlauf der Covid-19 Pandemie mussten einige Mitarbeiter entlassen werden.

Verantwortungsgefühl »Ohne Verantwortungsgefühl für die Tiere wüsste ich nicht, was ich machen sollte«, sagt Yoni Yehuda. »Die Grundlage der Verbindung zwischen Mensch und Tier ist essenziell und beinhaltet ein besonderes Verständnis füreinander, von dem wir uns über Generationen hinweg entfernt haben.«

Für den Farmgründer beruht diese Beziehung auf Gegenseitigkeit, da Tiere den Menschen bedingungslos und ohne Grenzen akzeptieren und einbeziehen. Und als religiöser Jude sieht er Gott als ersten Psychotherapeuten aller Lebewesen. »Um die Menschheit zu retten, brachte er Noah mit allen Tieren in die Arche. Er hätte ihn einfach einschläfern und nach der Flut wieder aufwecken können«, scherzt Yehuda. »Aber Gott hat sie alle zusammengebracht, um ihre Seelen zu retten.«

Netflix-Dokumentation

Der Mann, der die Chili Peppers Red Hot machte

Man kann ohne weiteres behaupten, dass die Rockwelt ohne Hillel Slovak weniger bunt wäre. Eine Streaming-Doku hat dem in Israel geborenen ersten Gitarristen der Chili Peppers ein Denkmal gesetzt

von Richard Blättel  07.04.2026

Antisemitismus

London verweigert US-Skandalrapper Kanye West die Einreise

US-Skandalrapper Kanye West darf nach seinen antisemitischen und rassistischen Aussagen nicht nach Großbritannien reisen. Das hat auch gravierende Auswirkungen auf das mit ihm geplante Festival

 07.04.2026

Israel

Zeit, Zionist zu sein!

Fünf Gründe, den jüdischen Staat zu lieben – mit all seinen Stärken und Schwächen

von Daniel Neumann  07.04.2026

Weltglücksbericht

Israelis und die Freude am Leben

Trotz Kriegen und Terror landet der jüdische Staat weit vorn auf Platz 8. Die Forscherin Anat Fanti erklärt, warum

von Sabine Brandes  06.04.2026

Jazz

Omer Klein: »The Poetics«

Der israelische Pianist hat ein neues Album veröffentlicht. Es ist ein analoges Klangerlebnis, das innere und äußere Räume weit öffnet

von Ayala Goldmann  06.04.2026

Iryna Fingerova

»Man darf Kulturen nicht vergleichen«

Die Schriftstellerin und Ärztin über die Folgen einer Emigration, ihr Verhältnis zur Ukraine und das Leben als Jüdin in Deutschland – allesamt auch Themen ihres Romans »Zugwind«

von Maria Ossowski  05.04.2026

Dana von Suffrin

Wutgeburt

»Toxibaby« erzählt von einer toxischen deutsch-jüdischen Beziehung

von Katrin Diehl  04.04.2026

Geheimnisse & Geständnisse

Plotkes

Klatsch und Tratsch aus der Jüdischen Welt

von Katrin Richer, Imanuel Marcus  04.04.2026

Michael Brenner

»Für die Nazis durfte es ›arische Juden‹ eigentlich nicht geben«

Der Historiker erforscht das Schicksal von Konvertiten in der NS-Zeit. Ein Gespräch über Menschen, die in keine Schublade passten

von Ayala Goldmann  04.04.2026