Medizin

Suchtfrei in nur 20 Minuten

Sind weltweit ein Problem geworden: Opioide Foto: Getty Images

Ein Fall, wie er nicht selten geschieht: Vor einigen Jahren verletzte sich in Israel ein über 40 Jahre alter Familienvater am Nacken. Sein Arzt verschrieb ihm daraufhin starke Schmerzmittel, und zwar Opioide. Irgendwann hörten die Schmerzen auf, doch das Bedürfnis nach dem Medikament blieb.

Er schluckte bis zu 130 Tabletten, und das an einem einzigen Tag, wie Amir Minerbi, Direktor des Instituts für Schmerzmedizin am Rambam-Hospital in Haifa und Leiter einer Suchtklinik, zu berichten weiß. Der Mann habe weiterhin denselben Wirkstoff im Blutkreislauf benötigt, um seinen Alltag zu bewältigen. Kurzum, der Familienvater war hochgradig opioidabhängig.

Um Menschen wie ihm zu helfen, kam jetzt erstmals eine Schallwellentechnologie zum Einsatz. Möglich wurde das Verfahren durch eine einzigartige Technologie, die von dem Unternehmen Insightec aus Tirat Karmel im Rahmen einer internationalen Studie entwickelt worden war. »Dabei senden wir Schallwellen tief ins Gehirn«, erläutert Lior Lev Tov. »Aber nicht wie sonst üblich zur Behandlung von essenziellem Tremor und Parkinson, sondern um die elektrischen Aktivitäten eines klar definierten Areals zu manipulieren«, so der Leiter der Abteilung für Neurochirurgie im Rambam-Krankenhaus weiter. »Und zwar jenes Bereichs, der für Gefühle wie Zufriedenheit und Belohnung verantwortlich ist und Sucht auslöst.«

Bereits während der Behandlung selbst sei bei dem Patienten ein Rückgang des Verlangens nach Opioiden beobachtet worden, weiß der Mediziner zu berichten. So gab er sein Suchtverlangen auf einer Skala von eins bis zehn mit »null« an, Tests eine Woche später auf Opioide und andere Substanzen fielen negativ aus. Der Mann erlebte zudem einen unerwarteten Nebeneffekt: einen drastischen Rückgang seines Zigarettenkonsums und kein Verlangen mehr nach Alkohol. »Nach nur 20 Minuten Behandlung berichtete der Patient, frei von einem Suchtverlangen zu sein, das mit der schweren Abhängigkeit einherging, die sein Leben jahrelang beherrscht hatte«, so Lev Tov. Er spricht deshalb von einer »medizinischen und therapeutischen Sensation«.

Die Opioidabhängigkeit gilt als globale Krise

Denn die Opioidabhängigkeit gilt als globale Krise. Allein in den USA hat sie Hunderttausende Menschen getötet. In Israel, das noch vor wenigen Jahren weltweit den höchsten Konsumanstieg verzeichnete, ist dieser Trend inzwischen rückläufig. Opioide Schmerzmittel seien hochwirksam in der kurzfristigen Schmerztherapie und ein wichtiges medizinisches Instrument, betont Minerbi. Jedoch entwickelt ein signifikanter Prozentsatz der Patienten eine Abhängigkeit. »Diese Medikamente wirken auf das Belohnungssystem des Gehirns. Das heißt, wenn ein Mensch oder ein Tier Opioide einnimmt, wird es aktiviert. Dadurch entsteht der Drang, diese Handlung zu wiederholen. Es hat rein gar nichts mehr mit der schmerzlindernden Wirkung zu tun.« Zwar gibt es mehrere Medikamente, die diese Mechanismen beeinflussen können, »doch sie haben alle eins gemeinsam: Sie sind nicht nachhaltig wirksam«.

»Im Gegensatz zu allen bisherigen Behandlungen verursacht die neue Therapie keinerlei Schädigung und sorgt dafür, dass das Gehirn den Bedarf an dem Medikament reduziert«, so Minerbi weiter. Man habe in Haifa »hervorragende Ergebnisse« bei dieser Behandlungsmethode erzielt, sogar bei Heroinabhängigen, einer Substanz, deren Entzug oft Jahre dauern kann. Der opioidabhängige Familienvater war der erste israelische Patient der internationalen Studie und auch der Erste, der sich einer Behandlung unterzog, während er noch Entzugserscheinungen hatte. Es sei eine besondere Herausforderung gewesen, die dem weltweit arbeitenden Forschungsteam jedoch wichtige Erkenntnisse geliefert habe.

»Seit Therapiebeginn ist er vollständig opioidfrei und gesundheitlich fit, berichtet Lev Tov. «Er hat das Gefühl, sein Leben zurückgewonnen zu haben.» Er sieht in diesen Ansatz auch das Potenzial, bald schon posttraumatische Belastungsstörungen, Essstörungen und schwere Depressionen ebenso zu behandeln wie verschiedene Formen der Sucht und chronische Schmerzsyndrome. Weitere Anwendungsmöglichkeiten seien kognitive und neurodegenerative Erkrankungen wie Alzheimer und Parkinson.

«Patienten, die derzeit mit diesen Erkrankungen zu kämpfen haben, könnten eines Tages eine echte Chance auf vollständige Rehabilitation erhalten: die Rückkehr ins Berufsleben, die Gründung einer Familie und eine sinnvolle Teilhabe an der Gesellschaft.» Das Rambam-Krankenhaus habe sich mittlerweile als weltweit führendes Zentrum für die Anwendung fokussierter Ultraschalltechnologie etabliert und ein Kompetenzzentrum aufgebaut, das die Entwicklung auf diesem Gebiet kontinuierlich vorantreibt und den Zugang zu diesen neuen Behandlungsformen erweitert, sagt Lev Tov nicht ohne Stolz. «Ich warte nur auf den Tag, an dem wir dieselbe Technologie auch für andere Krankheiten und sehr starke Schmerzzustände einsetzen können.»

"Two serious people sit on outdoor metal stairs in casual, tactical clothing, appearing tired or contemplative, with sunlight casting shadows behind them against a plain wall in a rugged environment."

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