Medizin

Spritzen statt Joggen

Waren 1980 nur 11,2 Prozent aller israelischen Männer zu mopsig, so lag ihr Anteil 2015 bereits bei 16,6 Prozent. Foto: Thinkstock, Montage: Marco Limberg

Avi Halperin aus der israelischen Hafenstadt Aschdod hat ein Problem, das wohl vielen Menschen bekannt ist. Es geht um Problemzonen, die ihm das Leben recht schwer machen. Gemeint sind nicht etwa die politischen Krisenregionen in unmittelbarer Nachbarschaft zum jüdischen Staat, sondern die Fettpolster an Hüfte, Po und Bauch. »Nachdem ich vor fünf Jahren mit dem Rauchen aufgehört hatte, kamen die Pfunde«, klagt der 43-jährige Sicherheitsmann. »Plötzlich wog ich satte zwölf Kilo mehr. Und das, obwohl ich mich genauso ernährte wie vorher.«

Anfangs war ihm das noch relativ egal. »Aber langsam macht es mir zu schaffen. Treppensteigen ist deutlich anstrengender als früher, und die Kniegelenke schmerzen bereits unangenehm.« Diäten sind nicht sein Ding, und mit Sport hat er auch nicht viel am Hut. »Ich hatte deshalb schon an eine Magenverkleinerung gedacht.« Doch dieser Eingriff wird fast ausschließlich an Personen vollzogen, die an schwerer Adipositas leiden und nicht nur zehn bis 20, sondern 30 und mehr Kilo Übergewicht auf die Waage bringen.

Molekül Doch wenig sportaffinen Menschen wie Avi Halperin könnte bald geholfen werden. Denn Raziel Therapeutics, ein Start-up aus Jerusalem, hat eine Spritze entwickelt, die die überflüssigen Pfunde sprichwörtlich zum Schmelzen bringen soll. Und das funktioniert so: Ein unter die Haut injiziertes künstliches Molekül erzeugt Hitze, wodurch in chemischen Prozessen bestimmte körpereigene Fettsäuren, die für die Entstehung von Fettzellen verantwortlich sind, verbrannt werden.

»Im Prinzip passieren dabei genau zwei Sachen«, erklärt Alon Bloomenfeld. »Zum einen wird den Fettzellen auf diese Weise der Garaus gemacht. Zum anderen kann ihre Erneuerung und Vermehrung blockiert werden«, so der Chef von Raziel Therapeutics.

Das Ganze erinnert stark an die Funktionsweise des Antifaltenmittels Botox. Auch dieses kommt nur an den Stellen zur Anwendung, an denen man gezielt Veränderungen erreichen möchte. Und wie bei Botox hält die Wirkung nicht ewig an. »Alle sechs bis neun Monate muss nachgespritzt werden.« Natürlich ist all das abhängig von der Konstitution des jeweiligen Patienten. Die Vorteile: Anders als beim Einsatz von Tabletten kann man den Fettpolstern punktuell ganz gezielt an den Kragen.

Außerdem gibt es keine Risiken wie beim Fettabsaugen oder bei der Magenverkleinerung. »Schließlich sind das richtig schwere chirurgische Eingriffe«, betont Bloomenfeld. »Aber Erfolge können nur dann langfristig erzielt werden, wenn die behandelten Personen parallel auch ihren Lebensstil ändern.« Um gesündere Ernährung und mehr Bewegung kämen also auch die potenziellen Nutzer der Fett-weg-Spritzen nicht herum.

Fettzellen Das zum Einsatz kommende Molekül, von den Wissenschaftlern bei Raziel Therapeutics »New Chemical Entity« genannt, ist eher ein Zufallsprodukt. Shmuel Ben-Sasson von der Hebräischen Universität Jerusalem hatte damit Experimente im Rahmen eines völlig anderen Projekts gemacht, das in keinerlei Zusammenhang mit Forschungen zum Thema Übergewicht stand. »Plötzlich lösten sich bei unseren Versuchsmäusen die Fettzellen in Luft auf«, erinnert er sich. Daraus entstand die Idee, ein Produkt zur Gewichtsabnahme zu entwickeln.

Das Molekül befindet sich in den USA derzeit in der sogenannten Phase 2a klinischer Tests und wird an 32 Patienten geprüft. Zuvor hatte man mit Schweinen experimentiert und beeindruckende Erfolge erzielt. An den behandelten Körperregionen reduzierte sich das Fettgewebe um 40 bis 60 Prozent. »Wir hoffen, mit unserem Produkt bald einen wesentlichen Marktanteil des Multimilliardengeschäfts für klinische und ästhetische Anwendungen erzielen zu können«, heißt es in einer Firmenpräsentation.

Kosten Erste Anwendungsgebiete wären die Beseitigung von überschüssigem Brustfett bei Männern oder schmerzhaften Lipödemen, also Fettanschwellungen im Oberschenkelbereich, die oft nach einer Schwangerschaft, der Menopause und der Pubertät auftreten können. Die geschätzten Kosten pro Anwendung belaufen sich auf 1000 bis 1500 Euro.

Aber es geht nicht nur um die Erzielung optischer Effekte. »Schließlich ist Übergewicht ein ernsthaftes Gesundheitsproblem – auch in Israel.« Trotz der überdurchschnittlich gesunden und vielfältigen Küche nimmt die Zahl der Menschen mit überflüssigen Pfunden kontinuierlich zu: Waren 1980 nur 11,2 Prozent aller israelischen Männer zu mopsig, so lag ihr Anteil 2015 bereits bei 16,6 Prozent. Bei israelischen Frauen stieg die Quote im selben Zeitraum von 17,8 auf 24 Prozent. Und bei Kindern hat sie sich glatt verdoppelt – es häufen sich deshalb auch die Klagen des Militärs, dass immer mehr Rekruten physisch kaum mehr für den Dienst an der Waffe geeignet sind.

Und in einer groß angelegten Studie des »New England Journal of Medicine«, in der 195 Länder über einen 35-Jahreszeitraum unter die Lupe genommen wurden, kam zutage, dass aktuell wohl 107,7 Millionen Kinder und 603,7 Millionen Erwachsene unter Fettleibigkeit leiden. Die Belastungen für die jeweiligen Gesundheitssysteme belaufen sich in Indien oder China bereits auf dreistellige Milliardenbeträge im Jahr. Sollte sich der Therapieansatz von Raziel Therapeutics im Alltag bewähren, so könnte ein wichtiger Betrag nicht nur für die Gesundheit vieler Menschen geleistet werden, sondern auch zur Kostendeckelung.

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