Musik

Singender Schriftsteller

»Im schönen Haus gegenüber wohnt ein berühmter Mann, seh’ ihn immer mit Frauen, die ich nicht haben kann«: Liedzeile von Maxim Biller Foto: picture alliance/dpa

»Hilfe, jetzt singt er auch noch!«, werden manche sagen. Doch er tut es seit Jahrzehnten. Allerdings selten öffentlich. Wenn er Gitarre spielt und ihm eine Melodie einfällt, dann notiert er sie. Und wenn er dann Lust hat, schreibt er abends in der Küche einen Text dazu.

So erzählt es der Schriftsteller und Journalist Maxim Biller in einem Bandmitschnitt, den die Onlineplattform Greedy for Best Music an Journalisten verschickt. Das Frankfurter Unternehmen hat sich auf globale Musik abseits des Mainstreams spezialisiert. Biller liegt da richtig, denn »Mainstream« und er sind Antonyme.

Der inzwischen 64-jährige Autor zahlreicher Romane und Erzählungen, ZEIT-Kolumnist und ehemaliges Mitglied der legendären Buchsendung »Das Literarische Quartett« gilt als unabhängiger und unbequemer Denker, der sich oft provokativ äußert, die Anpassung an den Massengeschmack kritisiert sowie die Tendenz, künstlerische und intellektuelle Inhalte zu verwässern.

Nach seinem ersten Album Tape (2004), das er in der Küche produzierte und dessen Aufnahmen nicht gemischt, sondern nur wenig bearbeitet wurden, ist jetzt sein neues Album erschienen. Es heißt schlicht Studio – denn es sei nicht in der Küche, sondern im Studio aufgenommen worden. Mit der Unterstützung des Berliner Musikers Malakoff Kowalski hat Biller zwölf Lieder produziert, die er selbst komponiert und getextet hat. Entstanden ist ein Werk, das musikalisch an Serge Gainsbourg erinnert – und textlich in seiner Direktheit mitunter an Georg Kreisler.

Eine Melodie, zu der man fast tanzen möchte – und dann dieser Text!

Da ist zum Beispiel »Herr Minister«, der erste Song auf der Platte. Eine eingängige Melodie, zu der man fast tanzen möchte – und dann dieser Text! »Herr Minister, was sagen Sie, was ist Ihr Plan, was wollen Sie? Ich weiß, Ihr Fahrer wartet schon. Die Fotos von Ihrem Schwanz, die sehen so aus, als wären Sie ganz allein auf dieser Welt. Herr Minister, das ist nichts für mich, dieses Zeug lösche ich. Danke trotzdem für Ihr Vertrauen. Ich wollte doch nur ein Interview (…). Bitte rufen Sie mich nie wieder an.«

Der Song habe eine lustige Entstehungsgeschichte, erzählt der Literat in dem Mitschnitt. Die Musik hatte er schon zwei Jahre, bevor er den Text schrieb, im Kopf. Eines Abends habe er in der Küche gesessen, und der »Spiegel« lag auf dem Tisch mit einer Story über einen ehemaligen Bundesminister. »Eine Geschichte, wo man merkte, zwischen den Zeilen, dass er eigentlich den Reporter ein bisschen angebaggert hat.« Biller machte eine Geschichte daraus und erzählt sie in seinem Song.

In den vergangenen Jahren, sagt Biller, habe er viele Lieder geschrieben, weil er krank gewesen sei und sich beweisen wollte, dass er nun nicht mehr krank ist. Die Songs geben tiefen Einblick in seine Gedankenwelt, und aus manchen erfährt man einiges über den Menschen Maxim Biller. Auch hier wirkt er schonungslos und direkt. Seine Gedanken trägt er manchmal fast flüsternd vor, mit einer Stimme, die auch zärtlich klingen kann.

Trauer über eine vergangene Liebe in »Miss Bipolar«

So zum Beispiel in dem Song »Miss Bipolar«. Er habe ihn geschrieben, weil er traurig gewesen sei über eine vergangene Liebe, über den Abschied von jemandem, erzählt er. Und so heißt es im Song: »Was uns verband, war mehr als genug, (…) Sex und sokratische Wut (…) Ich denk, ich geb jetzt zu, krass warst nicht nur du. Ich weiß auch, was es heißt, manisch zu sein. … Mal ersticktest du an meiner Liebe, mal ersticktest du an meinem Hass …« Es sei ein »Bewältigungssong« über das Ende dieser Liebe, sagt Biller.

Der Literat scheint mit zunehmendem Alter in seinem Werk immer persönlicher zu werden. Im vergangenen Jahr kam sein Familienroman Mama Odessa heraus, der sich wie eine Hommage an seine Mutter liest, die vor fünf Jahren starb; möglicherweise verarbeitete er mit diesem Buch ihren Tod.

An seine Mutter erinnern auch Teile des sehr osteuropäisch-jüdisch klingenden Songs »Haus Nr. 13«, die er in Russisch, seiner Muttersprache, singt. »Sie hätte Tränen geweint«, sagt Biller über seine Mutter. Die Idee zu dem Song kam ihm, weil er selbst in Haus Nummer 13 wohnt und sich vorgestellt hat, wie es wohl ist, gestalkt zu werden: »Im schönen Haus gegenüber wohnt ein berühmter Mann, sehʼ ihn immer mit Frauen, die ich nicht haben kann. Warum hat Gott mich so klein gemacht, ohne Talent und ohne Charme (…). Warum hat Gott mich so hässlich gemacht, so verzagt und so schwach.«

»Sie hätte Tränen geweint«, sagt Biller über das Lied »Haus Nr. 13« und seine Mutter.

Und weiter heißt es im Song: »Ideen habʼ ich viele, in meinem Kopf herrscht aber immer nur Krach. Eines Tages lös’ ich jedes Problem, das die Menschen noch nicht einmal sehen. Im Haus Nummer 13 wohnt ein berühmter Mann, sehʼ ihn ständig in Zeitungen und im Internet. Warum hat Gott ihn so klug gemacht, so elegant und selbstbewusst? Werdʼ ihn bald töten und werde selbst berühmt. Warum hat Gott mich so böse gemacht, zu gut für diese Welt …«

Direkt, schonungslos, charmant-bissig: Der scheinbar humorvolle und unterhaltsame Charakter der Stücke offenbart bei genauerem Hinhören tiefere Bedeutungsebenen.

In »6 Uhr 30« geht es um den 7. Oktober und die Folgen für jüdisches Leben

Wie auch in dem Song »6 Uhr 30«, in dem Biller die düstere Stimmung beschreibt, die sich seit dem Hamas-Massaker am 7. Oktober über das jüdische Leben weltweit gelegt hat: »Ich will weg von hier, das alles wird mir zu viel. Wenn ich lache, weine ich – Tränen aus Stein. (…) Jesus Christus, geh zurück an dein Kreuz! Jeremia, sei kurz still heut! Jeder Vorschlag, den ihr macht, ist nur ein Fiebertraum. 6 Uhr 30, Samstag früh, Tel Aviv legt sich zur Ruh. Im Kibbuz Be’eri geht es los, die Hamas ist der Boss. Häuser brennen, (…) wer stark war, ist jetzt schwach.«

Ein singender Schriftsteller im deutschsprachigen Raum, das hat es lange nicht mehr gegeben. Kurz nach Beginn des russischen Krieges gegen die Ukraine ließ Maxim Biller wissen, er höre jetzt auf zu schreiben. Er sehe keinen Sinn darin, »aus Wirklichkeit Fiktion zu machen, die hinterher in die Wirklichkeit zurückkehrt«. Gut, dass er sich nicht an seine Worte hält und weiterschreibt, Texte und Lieder.

Maxim Biller: »Studio«. Label: Greedy for Best Music. Formate: Vinyl, digital. Vertrieb: Indigo, Believe (digital). Vinyl-Auflage im hochwertigen Tip-On-Cover, Limited Edition (500 Exemplare); Labelcode (LC) 13406

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