Kino

Shalom, Mr. President!

Lincoln, glänzend dargestellt von Daniel Day-Lewis, argumentiert bei Spielberg wie unsere rabbinischen Weisen. Foto: dream works

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Shalom, Mr. President!

Steven Spielbergs »Lincoln« ist nicht nur ein Meisterwerk, sondern auch ein zutiefst jüdischer Film

von Hannes Stein  14.01.2013 19:07 Uhr

Steven Spielbergs Film Lincoln, der kommende Woche in den deutschen Kinos anläuft, beginnt mit dem Blick auf ein Schlachtfeld. Männer in blauen und Männer in grauen Uniformen ringen miteinander, durchstoßen einander mit Bajonetten, nehmen einander in den Schwitzkasten; manche der Soldaten auf jenem Schlachtfeld sind schwarz. Am Ende sehen wir ein Menschengesicht, das von einem Stiefel in den Schlamm getreten wird.

Danach könnten wir eigentlich einen pazifistischen Propagandafilm erwarten, aber es kommt ganz anders. Lincoln handelt zweieinhalb Stunden lang überhaupt nicht vom Krieg, sondern von Politik. Es geht um folgendes knifflige Problem: Lincoln hatte noch während des Krieges die »Emancipation Proclamation« erlassen, durch die alle Sklaven in den Territorien, die von den Truppen der Nordstaaten erobert worden waren, zu freien Menschen erklärt wurden.

Trick Aber die Proklamation hatte einen Pferdefuß: Sie operierte mit einem durchsichtigen juristischen Trick. Es war das Recht von Kriegsparteien, im Lande des Feindes Eigentum zu beschlagnahmen; die Nordstaaten konfiszierten also quasi alle Menschen mit schwarzer Epidermis, die sie in den Südstaaten vorfanden, und setzten sie hinterher umgehend auf freien Fuß. Sowie der Krieg vorbei war, konnten die Südstaaten aber ihr Eigentum zurückfordern.

Lincoln brauchte eine dauerhafte Lösung. Diese Lösung war der 13. Zusatzartikel zur amerikanischen Verfassung. Mit ihm, dem »Thirteenth Amendment«, wurde die Sklaverei überall in den Vereinigten Staaten für ungesetzlich erklärt. Wie bekam der Präsident das »Thirteenth Amendment« durch das Repräsentantenhaus?

Der Film zeigt es uns: mit 1001 Tricks. Lincoln brauchte die Stimmen nicht nur der Republikaner, sondern auch einiger Demokraten, die damals die Partei des Rassismus und des Status quo waren; er bekam diese Stimmen durch Bestechung (demokratischen Abgeordneten wurden lukrative Posten versprochen, wenn sie mit Ja stimmten), durch Erpressung (demokratische Abgeordnete, die eigentlich hätten nach Hause gehen müssen, durften bleiben, wenn sie mit Ja stimmten) und durch einen taktischen Umgang mit der Wahrheit. Es war nämlich eine hochrangige Delegation aus dem Süden unterwegs, um Friedensverhandlungen anzubieten – eine Tatsache, die Lincoln im entscheidenden Augenblick mit einer pfiffigen Formulierung verschwieg. Er wusste: Wenn man Frieden erreichen konnte, ohne die Schwarzen zu befreien, dann hätte das »Thirteenth Amendment« nie und nimmer die Mehrheit der Stimmen bekommen.

parallelen Lincoln ist ein cineastisches Meisterwerk, das zu Recht für zwölf Oscars nominiert ist. Es handelt sich aber auch um einen eminent jüdischen Film. Dies nicht nur deshalb, weil der Regisseur Steven Spielberg zufällig Jude ist (und als alter Mann immer mehr anfängt, wie ein weiser Rabbiner auszusehen); auch nicht, weil Tony Kushner, der Drehbuchregisseur, ebenfalls dem auserwählten Volk angehört.

Der Hauptdarsteller, Daniel Day-Lewis, stammt väterlicherseits zwar von protestantischen Iren ab (sein Vater, der Dichter Cecil Day-Lewis, war zu seiner Zeit sehr berühmt); seine Mutter aber, die Schauspielerin Jill Balcon, war Jüdin – ihre Vorfahren stammten aus Litauen und Polen. (Die Leistung, die Day-Lewis hier hinlegt, ist übrigens glänzend. Der Zuschauer hat hinterher allen Ernstes das Gefühl, er sei schon einmal mit Abraham Lincoln im selben Zimmer gewesen.) Aber auch, wenn alle Mitwirkenden an einem Film Juden waren, muss es sich doch noch nicht um einen jüdischen Film handeln. Was berechtigt uns also, Lincoln just mit diesem Adjektiv zu versehen?

Vor allem der Umstand, dass es sich um ein sehr unterhaltsames Kunstwerk handelt. Unterhaltsamkeit ist bekanntlich das wichtigste Kriterium, mit dessen Hilfe man jüdische von anderen Filmen unterscheidet. Lincoln besteht diesen Test bravourös. Bismarck sagte einmal, beim Verfertigen von Würsten und von Gesetzen sei man als Normalbürger besser nicht zugegen – hier aber schaut man mit atemloser Spannung zweieinhalb Stunden lang zu, wie die legislative Wurst gemacht wird.

Ferner gibt es in Lincoln eine Szene, die geradewegs an die Staatsgründung Israels erinnert. Wir sehen, wie im Repräsentantenhaus die Stimmen gezählt werden; atemlos verfolgen wir (obwohl wir das Ergebnis doch aus den Geschichtsbüchern kennen), wie die Abgeordneten hintereinander »Aye« oder »Nay« zum 13. Zusatzartikel sagen.

Die Abstimmung wird mit dem Telegrafen simultan ins Hauptquartier der Nordstaatenarmee gemorst, wo der Oberkommandierende, General Ulysses S. Grant, hin- und hertigert und nervös auf seinem Zigarrenstummel kaut. Woran denken wir dabei? An die Abstimmung von 1947, als im Hauptquartier der Vereinten Nationen ein Diplomat nach dem anderen sagte, ob im britischen Mandatsgebiet Palästina ein jüdischer Staat an der Seite eines arabischen entstehen sollte. In Tel Aviv, in Jerusalem und Haifa saßen Familien vor ihren Radioapparaten und malten fiebrig Bleistiftstriche auf das Papier.

komödie Jüdisch an Lincoln ist auch, dass es sich bei diesem Film im Kern um eine Komödie handelt. Das bedeutet nicht, dass es immerzu lustig zuginge (obwohl dieser Präsident auch in sehr unpassenden Momenten dazu neigte, Witze zu erzählen); es gibt sogar ausgesprochen tragische Momente – und am Ende liegt der Held tot auf einem Bett. Dennoch ist Spielbergs Film eine Komödie, wenn wir die klassische Definition dieses Genres heranziehen: In einer Komödie geht es um eine Verwicklung, eine Komplikation, in der beinahe alles schiefgeht, in der Bösewichter im Schatten lauern – aber im letzten Moment wird das Konfliktknäuel wie durch Zauberhand aufgedröselt, und wider Erwarten fügt sich alles zum Guten.

Die große jüdische Entdeckung ist, dass es sich bei der menschlichen Geschichte insgesamt um eine Komödie handelt: dass also, auch wenn die Gegenwart unrettbar finster aussieht, am Ende die Sklaven befreit werden, das Recht siegt, die Bösewichter sterben müssen, der Schatten weicht. Just diese Sicht auf die Geschichte befördern Spielberg und Kushner in ihrem Film. Nur ein sehr oberflächlicher Mensch wird diese Sichtweise übrigens mit Optimismus verwechseln. Das gute Ende kommt ja nicht von selbst; es muss von Menschen herbeigeführt werden.

Jüdisch an Lincoln ist schließlich das pragmatische Verhältnis zur Moral. In einer Schlüsselszene des Films sitzen Lincoln und Thaddeus Stevens, der Anführer der radikalen Republikaner, ein früher Kämpfer für schwarze Bürgerrechte, großartig gespielt von Tommy Lee Jones, in der Küche des Weißen Hauses zusammen. Stevens beschuldigt Lincoln, er verzettle sich in Kompromissen und habe seine humanitären Prinzipien verraten.

Der antwortet: »Was nützt mir ein Kompass, dessen Nadel verlässlich gen Norden zeigt, wenn ich nicht weiß, dass auf meinem Weg ein Sumpf liegt, eine Schlucht, ein Berg, den ich umgehen muss?« Wir lernen: Moral ist nicht genug. Wer ans Ziel gelangen will, braucht außerdem eine politische Landkarte. Er wird mit seinen Gegnern feilschen, sich Konzessionen abhandeln, manchmal sogar ein paar Schritte zurückweichen müssen. Treffender hätten die jüdischen Weisen es auch nicht ausdrücken können. Darum: Jascher koach, Steven Spielberg, Tony Kushner und Daniel Day-Lewis!

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